"Wos," sagt mein Sohn, "etz in dä Weihnachtszeit willst du wos vo an Hoosn schreibn? Des ghört doch eichentlich zu Ostern!" "Ja ,scho, obä wenns doch grod kurz nooch Weihnachtn passiert is!" Und ich erzähl ihm von dem Brief, den mir eine freundliche alte Dame - natürlich eine FT-Leserin - in diesen Tagen geschrieben hat, übrigens in gestochen schöner Handschrift.

Der Auftrag des Försters

Sie, die Erika, erzählt, dass sie 1938 jeden Tag - Sommer wie Winter - mit dem Fahrrad, zusammen mit ihrer Freundin Laura, von Roßdorf durch den Hauptsmoorwald zur Städtischen Handelsschule am Kaulberg gefahren sei.
Als nach den Weihnachtsferien die Schule wieder anging, hat ihr Vater, der Förster war, auf ihrem Gepäckständer einen steif gefrorenen Feldhasen festgebunden: "So, und den gibst etz beim Forstamt Bamberg-Ost in deä Schütznstroß ob, do worst ja scho öftä!"

Als die Zwei über die "Blaue Brücke" fuhren, merkten sie, dass die Zeit knapp wurde. "Des mitn Hoosn machen miä bessä nooch dä Schul", sagte die Erika zur Laura. Der Hausverwalter hat ihn abgebunden und in die Waschküche gelegt. Als ihn die Erika nach dem Unterricht wieder geholt hat, dachte sie: Och woos, den brauchst etz net so umständlich festzäbindn, und hot na bloß hintn einfoch nein Gepäckständä gezwickt.

Und don sän die Maadla - die Laura voraus - mit einem Karacho den Kaulberg nuntä gsaust, dass neä so ghopst und gscheppert hot. Unten, am Haus zum Marienbild, hot die Erika doch mol hintä sich gelangt: Och Gottla - deä Gepäckständä woä leer! "Laura", hot sie entsetzt gschriea, "deä Hoos is wech!"
 
Verzweiflung macht sich breit

Mit den Rädern rannten sie dann den Kaulberg hinauf und starrten krampfhaft auf die Fahrbahn: Kein Hase weit und breit! Alle entgegenkommenden Leute fragte die Erika verzweifelt: "Hom Sie an Hoosn gsähng?" Ein Mann lachte: "Ja, Maadla, wennst an Hoosn sähng willst, nochert musst nausn Wold, do om Kaulberch spaziern kanna rum!"

Aber dann, vor dem Waisenhaus, sagte plötzlich einer: "Vorhin is a Moo mit an Hoosn den Kaulberch naufganga!" "Ja, und wu is eä noo?", fragte die Erika, fast atemlos. "Wos Gäwiß waaß i net, obä frocht amol in dä Wirtschaft ,Matern!'"

Wirtin bewahrt die Ruhe

Die beiden fuhren an der Karmelitenkirche vorbei und wie ein Blitz das Knöcklein hinunter. Bei der "Matern" warfen sie die Fahrräder an die Wand und rissen die Tür zur Wirtschaft auf.

Da stand die Wirtin, klein, aber würdevoll, mit gefältelten, bodenlangen Rock, und schaute die Mädchen ruhig an. In höchster Not rief die Erika: "Hom Sie välleicht mein Hoosn?" "Etz sooch mol, wer bist denn du eichentlich?", fragte die Wirtin. Die Erika, schluchzend, "ich bin die Tochtä vom Förstä vo Roßdorf und sollt vo mein Vottä an Hoosn im Forstamt in dä Schütznstroß obgebn, und den hob i om Kaulberch verlorn!"

Freudige Überraschung

Die Wirtin, die Ruhe in Person, sagte: "Etz grein doch nimmä! Und ihä zwaa setzt euch örscht mol do in dä Wirtsstubn niedä!", und ließ sie allein. Im Kopf von der Erika gings wild durcheinander: Was soll ich denn etz machen? Wie sooch ich's mein strenga Vottä? Sie war ganz verzweifelt. Da kam die Wirtin wieder und in den Händen hatte sie - einen Hasen!

Die Erika sprang auf und rief. "Ja, ja, des is eä! Es is wie a Wundä!" "Des sich obä ganz einfoch äklärn lässt", meinte die Frau. Ein Mann aus der Sutte hatte den Hasen am Kaulberg gefunden. Er war jeden Abend Gast in der "Matern" und wusste, dass die Wirtin eine tüchtige Köchin war. Sie sollte ihn mit saurer Brüh, mit Blaukraut und Klößen als Überraschung für den Stammtisch zubereiten.

Andere Zeiten

"No, scho widdä a Ärbet gsport", sagte sie, als sie der Erika den Hasen übergab. Die war so überwältigt, dass sie vergaß, "Danke" zu sagen und stürzte hinaus. Doppelt und dreifach hat sie ihn auf dem Fahrradständer festgebunden. Dann gings langsam und vorsichtig den Kaulberg hinunter, immer die eine Hand auf dem Gepäckständer.

"Ja, ja,etz lacht mä drübä", sagt die Neunzigjährige, als wir am Telefon darüber reden. "Obä domols worn halt andera Zeitn. Obwohl's gut nausganga is, hob ich mich nie getraut, die Gschicht meim Vottä zä äzehln!"