Willkommen ist es keineswegs, ein Jahrhunderthochwasser, aber wenn es denn nun käme, würde es zumindest in der Regnitzau keinen Schaden mehr anrichten: Mit einem Aufwand von rund zehn Millionen Euro wurde binnen Jahresfrist der lange ersehnte Hochwasserschutz errichtet.

Besonders dankbar dürfen die Bewohner des Ortsteils der Europäischen Union sein, denn die hat fast die Hälfte der Baukosten aus dem Programm "Europäischer Fonds für regionale Entwicklung" bestritten. Der Freistaat Bayern als Vorhabensträger und der Markt Hirschaid teilen sich den Rest, wobei die Gemeinde ihren Anteil durch die Verpflichtung zum späteren Unterhalt der 1,9 Kilometer langen Schutzlinie und der technischen Anlagen verringern konnte.

Die Regnitzau hat rund 29 Hektar Siedlungsfläche. Darauf stehen etwa 250 Wohnhäuser und zehn gewerbliche Betriebe sowie soziale Einrichtungen, darunter ein Kindergarten. Das Schadenspotenzial wird mit 20 Millionen Euro beziffert. Alle Immobilien-Eigentümer und Bewohner der Regnitzau können nun aufatmen.

Hans Rost, der für den Landkreis Bamberg zuständige Abteilungsleiter beim Wasserwirtschaftsamt Kronach, freut sich in Anwesenheit von Bürgermeister Klaus Homann (CSU) und einigen Marktgemeinderäten, dass das Großprojekt zeitgerecht und dem Finanzplan entsprechend fertiggestellt werden konnte. "Rechtzeitig vor einem möglichen Herbsthochwasser ist der Schutz wirksam", sagte der Projektverantwortliche. Rost dankte besonders Klaus Homann und dessen Amtsvorgänger Andreas Schlund sowie den Mitarbeitern im Rathaus von Hirschaid für die hervorragende Zusammenarbeit. Ebenso weiß Rost bei das Verständnis der Anlieger für die "kurzen, aber heftigen" Bauarbeiten zu würdigen. Die am Projekt beteiligten Planer und Baufirmen hätten ihr Bestes gegeben.

Zwei Pumpwerke

In der Zeit, in der manche Bauherren gerade mal ein Wohnhaus hinstellen, wurden 10.000 Quadratmeter Spundwände in den Boden gerammt und 35.000 Kubikmeter Erde in den drei Hektar großen Ausgleichsflächen bewegt. Aus Beton gefertigt wurde eine 760 Meter lange Hochwasserschutzmauer mit Naturstein optik. Sie entstand mit Hilfe einer neuartigen Matrizenschaltechnik. Ferner wurde eine 490 Meter lange Hochwasserschutzmauer mit Gabionenverkleidung errichtet sowie ein Hochwasserschutzdeich von 650 Metern Länge. Er verbirgt eine Spundwand als statisch tragende Innendichtung.

Um bei Hochwasser der Regnitz das in dem Ortsteil anfallende Niederschlagswasser abzuleiten, wurde ein Sammelkanal zu einem Rückhaltebecken mit einem Volumen von 10.500 Kubikmetern verlegt. Das sich hier sammelnde Wasser wird durch zwei Pumpwerke mit einer Leistung von zusammen vier Kubikmetern pro Sekunde in den Fluss befördert: Binnenentwässerung nennt das der Fachmann. Die Pumpen samt aufwendiger Energiezuführung sind installiert - eigentlich warten sie darauf, nie anspringen zu müssen ...

"Kein Unfall, keine größeren Beschwerden der Anlieger, keine Probleme mit dem Naturschutz!" Projektleiter Rost ist hochzufrieden mit der nun fast abgewickelten Baumaßnahme. Es bleiben noch zwei Aufgaben: In den nächsten Wochen und dann wieder im Frühjahr werden parallel zu der Schutzmauer im Abstand von 15 Metern ansehnliche Linden oder Eichen gepflanzt. Es bildet sich somit eine Allee, die die künftigen Spaziergänger auf den neuen Gehwegen schätzen werden. Die Wege dürfen nur von Fahrzeugen zum Unterhalt der Hochwasserschutzbauten befahren werden. Ob sie auch für Radfahrer freigegeben werden, hängt davon ab, wie viel Unfallrisiko die Marktgemeinde übernehmen will. Asphaltiert und markiert werden die Wege jedenfalls nicht.

Wohin mit dem Aushub?

Zur Zeit läuft eine europaweite Ausschreibung zur Entsorgung von etwa 4000 Kubikmeter Aushub einer ehemaligen Mülldeponie, die zur Überraschung der Projektleitung aufgedeckt wurde. Vorher durchgeführte Sondierungsgrabungen hatten keinen Befund ergeben. Eines Tages aber war die "schöne Bescherung" perfekt. Die Grube wurde ausgehoben, das Material auf Hügel geschüttet, auf giftige Belastungen geprüft - gefunden wurde nichts Besorgniserregendes - und mit Planen abgedeckt. Es wird nun einen nicht geringen sechsstelligen Betrag kosten, den in den 30er- bis 50er Jahren des vorigen Jahrhunderts in die Landschaft gekippten Abfall endgültig zu entsorgen.

Bislang haben nur ein paar Anlieger neue Risse in Mauern und Schäden an Einfriedungen und Gärten gemeldet. Die Schadensabwicklung sei auf der Basis der vorausgegangenen Beweissicherung in die Wege geleitet, versichert der Projektleiter.

Und mittlerweile hat auch schon die Freiwillige Feuerwehr Hirschaid die Schließung der vier Durchgänge mit Hilfe von Dammbalken aus Aluminium trainiert: An die 30 Feuerleute ließen sich von der Herstellerfirma einweisen, wie die Öffnungen der Hochwasserschutzvorrichtungen bei einer nahenden Jahrhundertflut verriegelt werden können.

Angesichts dieser umfangreichen Vorsorge auf der östlichen Seite der Regnitz fürchten nun die Sassanfahrter auf der Westseite, dass sie bei Hochwasser mehr zu leiden haben werden. Umso dringender der Appell von Bürgermeister Homann an den Abteilungsleiter des Wasserwirtschaftsamtes, jetzt der Hochwasserfreilegung von Sassanfahrt Vorrang zu geben. Für Mai oder Juni nächsten Jahres möchte Homann die Fertigstellung feiern: Bis dahin sind alle durch die Bauarbeiten entstandenen Wunden vernarbt.