Bamberg
Domschatz

"Heinrichskrone" ist fast fertig

Vor drei Jahren erhielt der Gold- und Silberschmied Friedemann Haertl den Auftrag, die so genannte Heinrichskrone nachzubauen. Einige Tausend Arbeitsstunden später sieht die Replik ihrer Vollendung entgegen.
Friedemann Haertl mit der Replik der Heinrichskrone Foto: Matthias Hoch
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Täuschend echt steht die Krone auf dem Arbeitstisch von Friedemann Haertl. Sie hält dem Vergleich mit dem Original aus dem späten 13. Jahrhundert stand, das auf einem Computer-Monitor zu sehen ist. Nur in Form von Fotos und dreidimensionalen Computerscans existiert die so genannte Heinrichskrone in Bamberg. Genau das ist das Problem und der Hintergrund des einmaligen Auftrags, den der Bamberger Gold- und Silberschmied Ende 2008 von der Oberfrankenstiftung erhalten hat. Er soll Bamberg bzw. dem Diözesanmuseum wieder zu einem Prunkstück verhelfen, das nach der Säkularisation mit anderen Teilen des Domschatzes nach München gelangt und nie wieder zurückgekehrt ist.

Rund 176 000 Euro lässt sich die Oberfrankenstiftung die Replik kosten. Die Stiftung bleibt nach Auskunft ihres Geschäftsführers Eckhard Wiltsch Eigentümerin, stellt die Krone dem Diözesanmuseum aber als Dauerleihgabe zur Verfügung. Mit dem Ergebnis von Haertls Arbeit zeigt man sich in Bayreuth "sehr zufrieden". Wiltsch ist überzeugt davon, dass sie "dem Domjubiläum ein Sahnehäubchen aufsetzen" wird.

Bis zum Jahr 2012, in dem sich die Weihe des Heinrichsdoms zum 1000. Mal jährt, sollte Haer tl die Krone nachbauen. Er hat es geschafft. Bis auf wenige Handgriffe war sie fertig, als wir den Kunsthandwerker vor wenigen Tagen in seiner Werkstatt an der Oberen Brücke besuchten. Ein paar Wochen Zeit sind noch bis zur offiziellen Übergabe an das Diözesanmuseum am 14. Februar.

Domkapitular Norbert Jung, als Leiter der Hauptabteilung Kunst und Kultur im Erzbischöflichen Ordinariat auch verantwortlich für das Diözesanmuseum, hat der Krone in der Sonderausstellung 2012 einen repräsentativen Platz zwischen den Kaisermänteln und dem Papstornat zugedacht. Die Nachbildung ist für ihn eine "kostbare Leihgabe in der Tradition des Domschatzes".

Die Krone besteht aus vergoldetem Silber. Obwohl das Gold hauchdünn ist, musste beim Anfertigen der vielen Tausend Einzelteile bedacht werden, dass jedes später ein kleines bisschen dicker sein wird. Zum Beispiel die Nadeln für die Scharniere, mit denen die Grundplatten am Ende verbunden werden.
Fünf der sechs lilienförmigen

Grundplatten sind bereits zur Krone zusammengefügt. Das sechste Element liegt noch auf der Werkbank. Es müssen die letzten Edelsteine eingesetzt werden. Das helle Licht der Arbeitslampe spiegelt sich in der frischen Vergoldung. Es handelt sich laut Haertl um eine Grünvergoldung. Sie entspreche dem Original am besten, habe den gleichen gelbgrünen Stich.

Zahllose Eichenblätter


Alle Bestandteile wurden in Handarbeit gefertigt, die sechs Segmente genauso wie die filigrane Zier, die passgenau montiert werden musste. Sie zeigt ein Rankwerk aus Hunderten kleiner stilisierter Eichenblätter. Wie viel Mühe und Kunstfertigkeit dafür nötig waren, kann der Betrachter nur erahnen. Das Laub umgibt die Fassungen für 54 Edelsteine, eine Perle und zwei Gemmen. Weitere sechs Zuchtperlen krönen die mit Engelchen geschmückten Scharniernadeln. Mit den Schmucksteinen hatte Haertl insofern zu tun, als er sie im Fachhandel ausfindig machen und originalgetreu nacharbeiten lassen musste. "Die Suche", sagt er, "war nicht einfach." Etliche Exemplare bezog er aus dem für seine Edelsteinindustrie bekannten Idar-Oberstein.

Erfinderisch musste der Bamberger auch sein, um einen stattlichen Bergkristall so ungleichmäßig blau wirken zu lassen, wie er es in der über 700 Jahre alten Krone tut. Haertl mutmaßt, dass damals eine Metallfolie hinterlegt wurde; das sei im 13. Jahrhundert gängige Praxis gewesen. Seine Lösung des 21. Jahrhunderts besteht aus einer wasserlöslichen Farbe auf der Rückseite des durchsichtigen Steins. Sie bringt, wie man sehen kann, den gleichen Effekt.

Was war für ihn die größte Herausforderung an diesem Auftrag? Haertl überlegt nicht lange, ehe er antwortet: "Das Schwierigste war, aus dem Vermessungsergebnis heraus die Maße auf das Silberblech zu übertragen." Den ersten Schritt zu tun, die Entscheidung zu treffen, wo und wie man eine so diffizile Aufgabe richtig anfängt - das sei wirklich schwer gewesen. Später hätten sich "viele Sachen, die man vorher nicht abschätzen kann, ergeben".

Seine wichtigste Arbeitsgrundlage waren die dreidimensionalen Computerscans vom Original. Für dessen Vermessung hatte das Institut für Restaurierungswissenschaft der Bamberger Otto-Friedrich-Universität Einlass in die Schatzkammer der Münchener Residenz erhalten. Mit Hilfe dieser Daten kann Haertl die Krone virtuell drehen und wenden, wann immer und wie immer er es möchte.

Viel zu fragil


Die echte "Heinrichskrone" sei viel zu fragil, um sie solchen Prozeduren auszusetzen, sagt Friedemann Haertl. Seit er sie mit eigenen Augen gesehen hat, könne er die Aussage der Wittelsbacherstiftung bestätigen, wonach dieses Stück aus dem Bamberger Domschatz nicht (mehr) transportfähig sei.

Nach seinem Dafürhalten war die Krone auch neu keine herausragende Arbeit. Er meint, dass sie Ende des 13. Jahrhunderts "ziemlich spontan" und in vergleichsweise kurzer Zeit, in vielleicht zwei bis drei Monaten entstanden ist: "Die (Handwerker) mussten sich an keine Vorlage halten und haben verwendet, was sie bekommen haben." Dafür spricht, dass verschiedene Edelsteine bei genauem Hinsehen Gebrauchsspuren aufweisen. Sie wurden in der Krone offenbar wiederverwendet.

Nie getragen


Aus ihrer Machart und dem beachtlichen Durchmesser zieht der Bamberger Kunsthandwerker den Schluss, dass die "Heinrichskrone" zur Aufbewahrung von Reliquien geschaffen, aber wahrscheinlich nie getragen wurde. Jedenfalls niemals vom Bamberger Bistumsgründer Kaiser Heinrich II, dessen Namen sie trägt. Der starb 1027 und damit lange bevor die Krone gefertigt wurde. Ursprünglich muss sie noch einen dreibogigen Baldachin besessen haben, berichtet Haertl. Darauf deuten drei Halterungen an der Innenseite des Originals - und jetzt auch der Replik - hin. Nur eine Sache ließ der Silberschmied im Einvernehmen mit der Wittelsbacherstiftung und seinen Auftraggebern bei der Nachbildung weg: die alten Reparaturstellen, von denen es zahlreiche gibt.
Was jetzt noch fehlt, um die neue Krone der alten zum Verwechseln ähnlich werden zu lassen, liegt nicht in der Macht der besten Kunsthandwerker: Es ist jene Patina, die nur die Zeit zustande bringt.

Die Entstehung der Heinriuchskrone wird auf das späte 13. Jahrhundert datiert. Sie war vermutlich eine Reliquienkrone. Aufbewahrt wird sie in der Schatzkammer der Münchener Residenz, zusammen mit weiteren wertvollen Stücken aus dem Bamberger Domschatz. Die Nachbildung ist ein Auftrag der Oberfrankenstiftung. Diese hofft, damit auch die Gemüter zu beruhigen, die sich immer wieder am bayerischen "Kulturzentralismus" erhitzen. Die Krone kommt als Dauerleihgabe in das Diözesanmuseum Bamberg. Auf rund 176 000 Euro beziffert die Oberfrankenstiftung die Kosten für die neue Krone. Sie wurde in mehr als 2500 Stunden Arbeit angefertigt. Sie besteht aus vergoldetem Silber, 54 Edelsteinen, sieben Perlen, zwei Gemmen. Ihr Gewicht: 1,8 Kilogramm. Sie wird eine der Attraktionen in der Sonderausstellung "Dem Himmel entgegen - 1000 Jahre Kaiserdom Bamberg" ab 4. Mai im Diözesanmuseum sein.
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