Stippvisiten an Kindergärten, um Jungen und Mädchen gegen sexuellen Missbrauch zu wappnen. Besuche an Schulen, um Mobbing, Erpressung und zunehmende Gewalt auf Schulhöfen zu thematisieren: Dirk Bayer hält die Präventionsarbeit mit Kindern, Eltern und Lehrern gehörig auf Trab. Was der Sozialpädagoge mit gemischten Gefühlen sieht. "Inzwischen ufert das Angebot an externen Beratern, Schulpsychologen und anderen Begleitern aus. Überpädagogisierte Kinder sind die Folge. Und dennoch herrscht Krieg in den Klassenzimmern - ab der Grundschule."

Mitte der 90er Jahre begann Bayer im Bamberger Raum, interaktive Theaterstücke zum Thema Gewalt anzubieten. Und war der einzige Ansprechpartner, der Schulen auf diese Weise unterstützte, wie der Familientrainer und Lehrercoach berichtet. "In kurzer Zeit trat ich jedoch eine Lawine los." Viele sprangen auf den Zug auf, da eine so große Nachfrage herrschte, dass sich der Konkurrenzkampf in Grenzen hielt. "Dabei wurden die Formen der Gewalt unter Schülern im Lauf der Jahre nur subtiler, während an den Kindern von allen Seiten herumerzogen wurde", so Bayer. Statt bei der Ursachenforschung in die Tiefe zu gehen, habe man sich auf die Symptomatik konzentriert. "Das Wichtigste kommt trotz aller Ratgeber zu kurz, die Jungen und Mädchen inzwischen umkreisen: eine authentische Beziehung zu Eltern und Lehrern."

Wie sieht man bei den Schulämtern die Entwicklung, die Bayer in denkbar düsteren Farben schildert? "Ja, es ist ein riesiger Markt entstanden. Schon bei ungeborenen Kindern, denen man Musik vorspielt, beginnt im Grunde die Präventionsarbeit", meint Schulrätin Barbara Pflaum. Mehr denn je stünde der Nachwuchs im Blickpunkt, um den sich bei etwaigen Problemen rasch auch pädagogische oder gar psychotherapeutische Maßnahmen ranken. "Unsere Gesellschaft ist leistungsorientierter denn je, dementsprechend stiegen die Anforderungen an Schüler, Lehrer, Eltern und somit das Konfliktpotenzial", so Barbara Pflaum. Statt wie früher bei Konflikten auf Gespräche mit Schülern und Eltern zu vertrauen, setzten Rektoren auf Präventionsarbeit. Ein Trend, den Schulämter statistisch allerdings nicht belegen könnten, so die fachliche Leiterin, da jede Einrichtung für sich entscheide, ob und auf welche außerschulischen Partner sie zurückgreift.


Nicht inflationär nutzen



Barbara Pflaum sieht im Grunde kein Problem darin, dass externe Helfer Schulen unterstützen. Zumal sie bei Spezialthemen wie sexuellem Missbrauch oder der Sexualerziehung Expertenwissen einbrächten. "Nur muss die Qualität und Quantität der Angebote stimmen, die nicht inflationär genutzt werden sollten."

Seit Anfang der 70er Jahre beobachtet Franz Will - zunächst als Lehrer und mittlerweile als Leiter der Julius-von-Soden-Schule Sassanfahrt - derartige Entwicklungen an Schulen. Und möchte das Rad der Zeit nicht zurückdrehen. "In den 70ern wurde vieles totgeschwiegen, was heute offen thematisiert wird. So verharmloste man auch Gewalt in Familien mit Bemerkungen wie: ,Eine Ohrfeige hat noch niemandem geschadet'." An Präventionsarbeit sei nicht zu denken gewesen, nachdem bei Eltern die Alarmglocken schrillten, sobald Problematiken angeschnitten wurden. "Dementsprechend froh bin ich, wenn heute außerschulische Experten ihr Spezialwissen und eine externe Sichtweise an Schulen bringen", meint Will. Jahr für Jahr werde in Sassanfahrt im Kollegium aufs Neue entschieden, ob und bei welchen Projekttagen man auf sie zurückgreift. Schließlich stünden Jungen und Mädchen der Julius-von-Soden-Schule auch intern Schulpsychologin Barbara Wellner und Beratungsrektor Robert Berberich mit Rat und Tat zur Seite.


Beunruhigende Gewalt an Grundschulen



Trotz aller Aufklärungsarbeit und Offenheit, die Will rühmt, sieht der Schulleiter beunruhigende Tendenzen. "Konzentrierten sich früher Probleme im Hauptschulbereich, so sehe ich heute an der Grundschule Formen von Gewalt, die ein neues erschreckendes Maß an Brutalität aufweisen." Zwei Drittel solcher Vorkommnisse - bei denen es sich noch immer um Einzelfälle handelt - spielten sich in diesen Jahrgangsstufen ab. "Da liegt jemand längst am Boden und kann nicht mehr, aber es wird weiter auf ihn eingedroschen." Während sich diverse Präventionsmaßnahmen "totgelaufen" hätten und darüber hinaus den finanziellen Rahmen sprengen.

Martin Schricker als Rektor der Hugo-von-Trimberg-Schule würde Schülern gerne mehr Präventionsmaßnahmen zum Thema Gewalt und Cybermobbing bieten. Nur sei das kaum finanzierbar. Mit zunehmender Gewalt an Grundschulen habe er in Bamberg weniger Erfahrungen als in der Region gemacht. "Aber es gibt auch bei uns eine Tendenz zu Verhaltensauffälligkeiten." Deren Ursache Schricker in der Reizüberflutung der Kinder durch moderne Medien und dem Zeitmangel mancher Eltern sieht. So werden Probleme nicht gelöst, sondern weiter und weiter gereicht. Wie's Bayer auf den Punkt brachte .