Der Akt an sich geht recht schnell. Gunter Demnigs Helfer schlägt mit Hammer und Pickel ein quadratisches Loch in des Asphalt auf dem Bahnhofsvorplatz. Während zwei Schüler der Martin-Wiesend-Schule die Eimer mit dem Schutt wegbringen, kniet der Künstler Demnig vor dem Loch. Nach einem kurzen Moment des Innehaltens senkt er den vergoldeten und gravierten Pflasterstein hinein.

Kurz ein wenig Sand und Zement um die Kanten herum geschüttet, Wasser zur Härtung des Zements eingießen und schließlich mit einem Besen die Überreste des "Klebstoffs" entfernen. Etwa sieben Minuten hat es gedauert bis Ferdinand Rapiteaus Stolperstein Teil des Bahnhofvorplatzes wurde. Doch diese kleine Tat hat große Wirkung: Der vergoldete Pflasterstein mit Rapiteaus Lebensdaten liegt hier nun länger.
Für immer, genau genommen.

Seit über 20 Jahren verlegt der Künstler Gunter Demnig diese goldenen Stolpersteine, anfangs in Deutschland. Mehr als 40 000 Steine liegen mittlerweile auf dem Kontinent. "Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist" ist ein Satz aus dem jüdischen Schriftwerk Talmud, der zu Demnigs Leitmotiv für seine Arbeit wurde. Deshalb gibt Demnig den Opfern ihre Namen zurück.

In Bamberg kümmert sich die Willy-Aron-Gesellschaft um die Verlegung von Stolpersteinen. Der Gedenkstein für den jüdischen Gerichtsreferendar Wilhelm Aron in der Luitpoldstraße war 2004 der erste, der in Bamberg verlegt wurde. Mittlerweile sind es 113 Steine, die im Stadtgebiet an Bamberger NS-Opfer erinnern.

Ferdinand Rapiteau kam 1940 als französischer Kriegsgefangener nach Bamberg. Der ursprüngliche Pferdezüchter aus Coux (in der Nähe von Bordeaux) arbeitete für die Reichsbahn und lebte in einer Holzbaracke in der Nähe des Bahnhofs. Am 19. Juli 1941 traf ihn ein Geschoss aus einem Tesching, einer Sportpistole, abgefeuert von einem 16-Jährigen, der damit vermutlich auf Tauben geschossen haben soll.

Mitgefangener vermutete Vorsatz

Sein Mitgefangener Bernard Delachaux, ein Jahr später ebenfalls durch eine Schusswaffe zu Tode gekommen und 2012 mit einem Stolperstein in der Roppeltsgasse bedacht, war in seinem Tagebuch weniger von einem Unfall, als viel mehr von einem Vorsatz ausgegangen.

Dennoch: Der damalige Bürgermeister von Coux, Veteran des Ersten Weltkriegs, fand bei Rapiteaus Begräbnis im Jahr 1949 bemerkenswerte Worte: "Es darf keinen Hass, keine Rachegefühle geben ... Aber, dass Ferdinand Rapiteau zurückgekommen ist, soll uns helfen, ihn nicht zu vergessen und in unseren Herzen weiterleben zu lassen."

Der Historiker Christophe Woehrle, der im Rahmen seiner Promotion die Schicksale französischer Kriegsgefangener in Bamberg erforschte und rekonstruierte, hielt eben jene Rede des Bürgermeisters zur Stolpersteinverlegung noch einmal; zeitgleich wurde sie auch in Rapiteaus Heimatort Coux verlesen.

Woehrle stellte aber auch fest: "Auf dem Bamberger Friedhof sind sämtliche Spuren verstorbener Ausländer verschwunden. Somit ist natürlich keine Erinnerungskultur möglich. Aber vielleicht ist es jetzt wieder möglich, dass auch diese Menschen wieder einen Platz in Bamberg finden."

Dies ist auch im Sinne von Bürgermeister Christian Lange (CSU): "Wir sind gerade dabei zu überlegen, wie unser Friedhof eine beständige Stätte der Erinnerung werden kann. Deshalb haben wir auch an Allerheiligen ganz bewusst das Mahnmal für die französischen Kriegsgefallenen von 1870 bis 1945 besucht, um auch hier noch mal ein signifikantes Zeichen für Völkerverständigung zu setzen."

Für die Stolpersteinverlegung waren auch Rapiteaus Enkelinnen Maryse Cot und Betty Lambert aus Frankreich angereist. Sie erwiesen ihrem Großvater am Ort seines Todes mit Blumen und Bildern eine besondere Ehre. Sie wurden begleitet von der derzeitigen Bürgermeisterin aus Coux, Marianne Léturgie. Sie nutzte ihre kurze Ansprache für ein Plädoyer: "Ich möchte, dass mit dieser Erinnerungskultur nicht nur unseren Heimatländern, sondern ganz Europa geholfen wird. Mit Geschichte kann man vorwärts gehen!"

Die weiteren am Samstag verlegten Stolpersteine in Bamberg findet man hier: Peter Burgis (Josephstraße 23), Anna Engelmann (Hainstraße 14), Siegfried Buchstein (Kleberstraße 35), Jakob, Bella, Walter, Mathilde Ruth und Heinz Fleischmann (Obere Königstraße 16), Gustav, Margarete, Anneliese, Ernst Otto und Paul Fleischmann (Kunigundendamm 20), Adam Kaim (Mittlerer Kaulberg 37).