Leesten
Siedlungsgeschichte

Germanen waren früher da

Unsere Vorfahren kamen schon zur Römerzeit von der Weser, sagt der Bamberger Historiker Joachim Andraschke. Funde bei Leesten belegen seine Forschungen zu Ortsnamen.
Wo jetzt der Mais wächst, fand Joachim Andraschke Keramikscherben von früher germanischer Besiedelung. "Die sind hier gar nicht selten", sagt der Historiker. Foto: Barbara Herbst
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"Wenn Brühl und Breite in der Flur noch vorhanden sind, dann ist die Sache klar: Es ist eine germanische Siedlung". Aus alten Orts- und Flurnamen Schlüsse zu ziehen auf diejenigen, die die Ansiedlung einst begründet haben, ist die Spezialität des Bamberger Historikers Joachim Andraschke. Denn ein erhaltener Ortsname ist immer ein Beleg für eine durchgehende Besiedlung, was heißt: Die Menschen, die heute in dem Ort leben, sind irgendwie die Nachfahren derer, die in früheren Zeiten hier eingewandert sind.

Im Falle von Leesten ist dem Geschichtsforscher dabei ein besonderes Glück widerfahren.

Alle Versuche, den Ortsnamen Leesten aus dem Slawischen herzuleiten, hat Andraschke von Anfang an für vergebliche Liebesmüh gehalten. "Die -ste-Endung drückt typisch für eine Germanen-Siedlung die Zugehörigkeit zu etwas aus und ist bei den Rhein-Weser-Germanen häufig anzutreffen". Sogar "Namensvettern" von Leesten gebe es in Niedersachsen und in den Niederlanden. Im Falle Leesten habe wohl lehmiger Boden den Namen gegeben.

Wegen dieser ste-Endung hält Andraschke eine Herleitung des Ortsnamens aus dem Slawischen für "unmöglich". Dennoch habe man sich in vielen Fällen nicht die Mühe gemacht, die Wurzeln der Namen im Germanischen zu suchen. "Dabei sind die Slawen in unserer Gegend vor dem Jahr 700 nach Christus nicht zu belegen, weder historisch noch archäologisch". Deshalb will Andraschke den Blick auf die Besiedlung durch Germanen lenken, die in unserem Raum mit dem Abzug der Kelten um die Zeitenwende begonnen hat - da drangen germanische Sippen aus Norddeutschland in die Main-Region vor. Entlang der Werra und über einen Höhenrücken war der Weg ins Main-Regnitz-Gebiet nicht weit.

Von der Namensgebung her ordnete Andraschke die Siedler aus dem Norden also diesen Rhein-Weser Germanen zu, die - vielleicht auf römischen Druck zu Zeiten des Kaisers Augustus oder nach dem Fall des Limes - ins weiter südlich gelegene Hinterland auswichen.

Hirschaider Funde als Beleg


"Zu glauben, die fränkische Landnahme sei der Anfang der heutigen Siedlungsphase, wäre absolut falsch", ist sich Andraschke sicher. "80 Prozent der Orte im Altsiedelgebiet haben im sechsten Jahrhundert bereits existiert, als nach der Schlacht an der Unstrut die Franken ihren Machtbereich durch das Maintal ausdehnten. Wenigstens ein Beleg dafür? Beim Abbruch einer alten Hofstelle in Hirschaid wurde, so Andraschke, Keramik vom vierten durchgängig bis ins 18. Jahrhundert gefunden.

Im Fall Leesten entdeckte Andraschke selbst in der Flur Unterstützung für seine Namens-Theorie. "Zwar ist die Beweislast aus dem Namen schon erdrückend. Um sie unangreifbar zu machen, brauchte es aber noch einen Fund". Also machte sich Andraschke selbst auf die Suche, und fand tatsächlich etwas: Vor allem ein Stück "fingerkerbverzierte Keramik", wie sie sonst aus dieser Zeit nur von den Germanen zwischen Rhein und Weser aus dem ersten nachchristlichen Jahrhundert bekannt ist.

Dazu noch ein paar Nigra-Scherben, römische oder nachgemachte Schwarz-Keramik, und jede Menge weitere germanische Funde, aber die waren nicht so wichtig. Das eine Stück Fingerkeramik aber, etwa so groß wie eine Zwei-Euro-Münze, belegt eindeutig Andraschkes Namensforschung. Nach seiner Überzeugung sind auch die Ortsnamen Litzendorf und Scheßlitz germanischen Ursprungs und leiten sich von "litze" ab, einer alten Bezeichnung für eine Einhegung.

Brühl und Breite


Dort gibt es übrigens auch Brühl und Breite. Beide Flurnamen gehören zu einer solchen Siedlung wie germanisches Langhaus oder Brunnen. Der Brühl war eine Gemeinschaftsweide, auf der die Nutztiere einer Sippe oder der Siedlungsbewohner geweidet wurden. Und als "Breite" bezeichnete man ein (fruchtbares) Stück Ackerland bei einer Siedlung, das jedes Frühjahr in Streifen auf- und den einzelnen Familien zugeteilt wurde, die es dann für ein Jahr bewirtschafteten. Im Frühjahr darauf erfolgte die Neuverteilung.
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