Bamberg
Eigenes Haus

Für bezahlbare Miete in Bamberg: Familie schließt sich einzigartigem Wohnprojekt in Oberfranken an

Anna W. (29) zieht demnächst mit Mann und Tochter in das erste Mietshäuser-Syndikat-Projekt Oberfrankens. Dahinter steckt eine besondere Idee, die auch explodierenden Mieten etwas entgegensetzen soll.
Bamberg: Familie schließt sich einzigartigem Wohnprojekt in Oberfranken an - und spart dabei
Gegen Vereinsamung und teure Mieten: Eine Bamberger Wohngemeinschaft hat sich entschieden, das erste Mietshäuser-Syndikat-Projekt in Oberfranken zu starten. Foto: privat
  • Bamberg: Familie schließt sich besonderem Wohnprojekt an 
  • "Hoffentlich nur der Anfang": Erste Mietshäuser-Syndikat-Gruppe Oberfrankens
  • "Einfach nicht mehr gerechtfertigt": WG landete in brutaler Mietpreis-Spirale
  • Gemeinschaft und günstige Miete: So funktioniert die Wohn-Revolution 

Teure Mieten und zunehmende Vereinsamung: In immer mehr deutschen Städten ist das bittere Realität. Auch in Bamberg wird Wohnraum immer teurer - viele Familien können sich das kaum noch leisten. Anna W. wollte diesem Trend etwas entgegensetzen. "Wir sind eine bestehende Wohngemeinschaft in Bamberg, die von einem Mitbewohner vor mehr als zehn Jahren gegründet wurde", erzählt sie gegenüber inFranken.de

Bamberger Mutter lebt mit Tochter und Partner in WG - dann kommt der Mietpreis-Schock

Die 29-Jährige sei seit sieben Jahren dabei und lebe aktuell mit ihrem Partner und ihrer zweieinhalbjährigen Tochter in der WG. "Insgesamt sind wir sieben Erwachsene, fünf Handwerker, ein Koch und ich bin Pädagogin", so W. Außer ihrer Tochter seien noch zwei weitere Kinder im Haushalt. Eine tolle Konstellation, wie sie betont. Doch Anfang 2021 dann der Schock. 

"Damals wurde unser Haus zum ersten Mal verkauft und es gab eine drastische Mieterhöhung. Als das Haus dann im Herbst 2021 zum zweiten Mal verkauft wurde, wollten wir das Vorverkaufsrecht nutzen, aber das konnten wir uns schlicht nicht leisten." Die Familie sei in einer Spirale gelandet, die viele Menschen kennen: "Die Miete wurde noch teurer, das ist einfach nicht mehr gerechtfertigt", erzählt W. 

Daraufhin habe man einen Ausweg gesucht - und gefunden. "Also haben wir uns schon recht frühzeitig für das sogenannte Mietshäuser-Syndikat entschieden", erklärt die 29-Jährige. Ein Modell, das in Zeiten explodierender Wohnkosten immer mehr zum Trend wird - gerade in deutschen Großstädten. Doch in Oberfranken stellt das Ganze eine absolute Premiere dar. 

"Dann sagt das Syndikat Nein": So funktioniert das außergewöhnliche Wohnmodell

"Das Modell funktioniert so, dass sich eine Gruppe von Menschen zusammenfindet, die Lust auf ein gemeinsames Wohnprojekt hat. Meistens sucht man sich dafür ein altes Haus aus, das noch der jeweiligen Kommune gehört – wir haben auf dem privaten Immobilienmarkt gekauft", erzählt die 29-Jährige. "Dann gründet man einen eingetragenen Verein und der gründet dann eine GmbH."

Einen einzelnen Eigentümer des Objekts gibt es nicht, stattdessen ist jedes Mitglied des Vereins voll stimmberechtigt. "Und wenn man irgendwann auszieht, dann geht man auch aus dem Verein raus", so W. Das Mietshäuser-Syndikat, eine Beteiligungsgesellschaft aus Freiburg, geht als zweiter Gesellschafter in die GmbH, hat dort aber nur ein bestimmtes Veto-Recht.

"Das garantiert, dass das Haus nicht mehr verkauft werden kann. Wenn man also in 20 Jahren sagen würden, die Immobilie ist jetzt eine Million Euro wert, dann sagt das Syndikat Nein zum Verkauf", sagt die Pädagogin. Finanziert werde das erste Projekt dieser Art in Oberfranken durch einen Bankkredit - und private Kredite. "Wir haben 191.000 Euro von Freunden, Bekannten und anderen Menschen gesammelt", so W.

Wohngemeinschaft kauft zwei Häuser in Bamberg - Miete wird solidarisch bleiben

Man sei natürlich auf die Unterstützung von außen angewiesen, von Leuten, die sagen "ich finde das cool, was ihr macht", betont die Pädagogin. "Der Mietpreis errechnet sich aus einem Finanzierungsplan, 80 Prozent sind die Kredite, die abbezahlt werden, der Rest ist für Instandhaltungskosten, Verwaltungskosten und den Solidarfonds", erklärt sie. Beim Mietpreis für die Bewohner und Bewohnerinnen orientiere man sich "zum einen an der Quadratmetergröße der Räume, aber auch daran, ob sich jemand das leisten kann". Sollte dies nicht der Fall sein, "dann können die anderen das ausgleichen", sagt W. 

Auch ein passendes Objekt hat die Wohngemeinschaft schon gefunden: "Unser neues Haus liegt in der Siechenstraße gegenüber der Ottokirche. Besser gesagt, sind es zwei Häuser, die über einen Innenhof miteinander verbunden sind." Im Vorderhaus habe man 200 Quadratmeter Wohnfläche, dort müsse lediglich renoviert werden. "Im Hinterhaus müssen wir sanieren", so die Pädagogin. 

Der Plan: Dort sollen im Erdgeschoss eine Gemeinschaftsfläche und drei WG-Zimmer entstehen. Außerdem plane die Gruppe auch eine Terrasse und "langfristig eine begrünte Balkon-Brücke zwischen den Häusern". Voraussichtlich wolle man bereits am 1. August 2022 einziehen, aktuell warte man noch auf die Eigentumsübergabe. "Vom Syndikat haben wir aktuell noch keinen Beteiligungsbeschluss, da wir erst die Mitgliederversammlung abwarten müssen, die positiven Signale sind da", sagt die 29-Jährige.

Keine Vereinsamung: Bamberger Wohnprojekt will "nur der Anfang" sein 

Neben den Problemen aufgrund der Mietpreisexplosion sei gemeinschaftliches Wohnen "einfach unglaublich bereichernd", findet W. "Man kommt aus seiner Blase raus und lernt immer wieder neue Menschen kennen, und für meine Tochter ist es unglaublich cool, sieben verschiedene Menschen und ihre Lebensformen erleben." Gleichzeitig sei dafür gesorgt, dass "jeder seinen Rückzugsraum hat".

"Gerade während Corona gab es ja eine große Vereinsamung, aber bei uns waren trotzdem immer mehrere Personen da und wir haben zum Beispiel das Ritual, jeden Sonntag gemeinsam Pizza zu backen. Natürlich ist es auch von Vorteil, dass wir uns alle schon lange kennen und das Zusammenleben schon erprobt haben", erzählt sie.

"Unser Wohnprojekt ist eine Herzensangelegenheit und darauf ausgelegt, auch in 20 Jahren noch zu funktionieren", sagt die 29-Jährige. Und sie hat einen Wunsch in Bezug auf Bamberg und Oberfranken: "Wir hoffen sehr, dass das nur der Anfang ist." 

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