Bamberg
Gaststätten-Namen

Fränkische Gasthäuser und ihre Namen: Warum sie heißen, wie sie heißen

Linde, Krone, Stern, aber auch Schlenkerla, Nabelschnur und "Wunschlos Glücklich": Was hat es mit den Namen unserer fränkischen Gasthäuser auf sich? Das haben wir für Sie herausgefunden.
 
Glänzend: der Ausleger des Gasthauses "Goldene Gans" in Kitzingen. Foto: D. Fuchs
Glänzend: der Ausleger des Gasthauses "Goldene Gans" in Kitzingen. Foto: D. Fuchs
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  • Fränkische Gasthäuser: Woher kommen ihre Namen?
  • Tradition trifft Kreativität 
  • Ist der Name Programm?

Soll einer sagen, wir Franken seien nicht kreativ! Wir sind sogar sehr einfallsreich, speziell, wenn es um das Wohl von Leib und Seele geht, sprich: um Gastlichkeit. Wir gehen in Kulmbach - weit entfernt vom nächsten Meer - in den "Seelöwen", in Coburg zum "Hungry Highlander" und in Bamberg ins "Schlenkerla". Aber warum eigentlich?

"Wirtshausnamen sind Fenster in die Vergangenheit"

Einer, der auf solche Fragen die Antwort weiß, wuchs in Coburg auf, studierte und promovierte an der Uni Würzburg und hat ein Faible für Wirtshäuser und Speiselokale, Wein- und Bierstuben, Kneipen und Schänken: Gunther Schunk. Der 53-jährige Sprachwissenschaftler hat schon Ende der 90er-Jahre ein kleines "Wirtschaftsstudium" betrieben. Wenn er sich mit Freunden und Kollegen auf ein Bier traf, ging es gerne in den "Schelmenkeller". Die Bezeichnung weckte den Forschergeist Schunks, der viele Jahre lang dem Würzburger Zweig der Gesellschaft für deutsche Sprache vorstand. "Wirtshausnamen sind ein tolles Stück Kulturgeschichte, ein Fenster in die Vergangenheit, das spannende Einblicke gibt."

Schon die kunstvollen Ausleger vieler Gasthäuser beweisen, wie fantasievoll Franken seit jeher sind, wenn es um ihre Gastkultur geht. "Kunstschmiede haben die Ausleger oft sehr detailreich gestaltet, sie sind ein unfassbarer Schatz", findet Schunk. In seinem kürzlich erschienenen Buch "Von Adler bis Zauberberg - eine kleine Geschichte der Gasthausnamen in Mainfranken" erzählt der Autor, dass die Namen oft Rückschlüsse zulassen auf die Zeit, in der die Lokale eröffneten. Denn auch im Gastgewerbe gab es schon immer Trends und Moden. "Da spiegelt sich der Zeitgeist wider."

Aus dem Mittelalter, als die Gastronomie allmählich begann, gebe es nur wenige Dokumente über Gasthäuser. Erst ab dem 18. Jahrhundert, sagt Schunk, taufte man Kneipen, Schänken und Spelunken. Damals seien Tiernamen beliebt gewesen - man ging zum "Ochsen", "Bären", "Adler" und "Lamm". Berufsbezeichnungen wie "Postkutscherl" oder "Winzermännle" kamen im 19. Jahrhundert dazu. "Wichtig war wohl, dass man den Namen gut aufs Wirtshausschild malen konnte."

Symbolik und Wappenkunde: Name muss aufs Schild passen

Auch die Symbolik spielte von Anfang an eine große Rolle: "Sonne", "Rose" und "Anker" lassen grüßen. Auch die Heraldik, die Wappenkunde, nahm Einfluss auf Schänken. "Eben alles, was eine gute Bedeutung in der Alltagserfahrung der Leute hatte." Nomen est Omen - der Name ist Programm - , das gilt noch immer: "Wenn wir 'Linde', 'Lamm' oder 'Hirsch' hören, gehen wir heutzutage doch immer noch davon aus, dass es hier gutbürgerliche fränkische Küche und auch etwas Ordentliches zu trinken gibt", stellt Schunk fest.

"Waldesruh", "Zur schönen Aussicht", "Zur Fröhlichkeit" - so hießen Lokalitäten um 1900. Hier trafen sich Damen mit Hüten, Fächern und Spitzenkleidern sowie Herren in Frack und Zylinder zum gepflegten Parlieren und sicher auch zum Sich-sehen-Lassen. Das war spätestens mit dem Ersten Weltkrieg passé. Doch vereinzelt haben sich Namen bis in die heutige Zeit gehalten: "In Ostheim vor der Rhön gibt es noch immer das Gasthaus 'Zur Erholung'. Mittlerweile hat es aber einen griechischen Zweitnamen, weil es heute ein Grieche bewirtschaftet."

Als Wende in der Namensgebung bezeichnet Schunk das Ende des Zweiten Weltkrieges. Damals sei langsam, aber sicher die internationale Küche in Deutschland angekommen. "In den 50er-Jahren waren das Italienische oder Griechische Riesentrends." Skurril und kreativ wurde es in der Gastro-Szene ab den 1960ern/ 1970ern, als Diskos und immer mehr Kneipen aufkamen. Das Würzburger "Jenseits" gibt es seit Ende der 1980er-Jahre - "zuvor hat man mit der Endlichkeit keine Witze gemacht". Ab den 1990ern "ist es dann explodiert", sagt der Wissenschaftler schmunzelnd mit Verweis auf den "neuen Zeitgeist".

In Städten mehr "Bewegung" in der Kneipenszene

Dieser war in urbaneren Regionen wie Würzburg spürbarer als auf dem Land. "In Würzburg und Schweinfurt mit dem vergleichsweise hohen Anteil an Studenten und jungen Leuten gibt es viel Bewegung in der Kneipenszene und eben auch viele moderne, oft lustige und ausgefallene Namen, zum Beispiel das 'Wunschlos Glücklich' in Würzburg. In Coburg, Kulmbach und Bayreuth ist man eher klassisch und traditionell geblieben." In der "heimlichen Hauptstadt des Bieres", Kulmbach, spiele nach wie vor Bier eine große Rolle - hier geht man zum Beispiel ins Kommunbrauhaus. Das gelte auch in Bamberg mit seinen urfränkischen Brauereigasthöfen.

Buch 'Auf dem Keller - Biergeschichten aus Franken'

Allerdings gibt es Ausnahmen. Wie kommt man in Kulmbach darauf, sein Gasthaus "Zum Seelöwen" zu nennen, oder in Haßfurt "Zum Walfisch"? Theoretisch wäre es möglich, dass ein ausgestopftes Meerestier die Grundlage für ein "Naturalienkabinett" war, das sich weltliche und geistliche Fürsten vor 300 Jahren gerne anlegten. Am wahrscheinlichsten klingt für Werner Glaser, den Besitzer des "Seelöwen", jedoch diese Geschichte: "Die früheren Markgrafen hatten auch hoch im Norden Deutschlands noch Besitzungen. Boten und Kuriere, die hin und her reisten, mussten nach dem Gesetz außerhalb der Kulmbacher Stadtmauern übernachten" - in einem Gasthaus, das mit einem Nordsee-Bezug im Namen wie für sie gemacht war.

Eine echt fränkische Dialekt-Story rankt sich um den "Walfisch" in Haßfurt. Gunther Schunk meint, dass das Wort von Waller, also Wels, kommen könnte - von einem Mainfisch also. Maria Kötzner, Pächterin des 500 Jahre alten Hauses, erzählt die Geschichte etwas anders: "Gegenüber unseres Gasthauses befindet sich die Ritterkapelle, die seit jeher ein Wallfahrtsort ist. Bei uns sagt aber niemand 'wallfahren', sondern 'walen'. Und Fisch ist ja das typische Wallfahrer-Essen. Daher kommt der Name Walfisch!" Und warum geht man in Bamberg ins weithin bekannte "Schlenkerla"? Das soll der Sage nach eine spöttische Bezeichnung für den ehemaligen Wirt Andreas Graser gewesen sein. Der soll beim Gehen immer mit den Armen geschlenkert haben - warum auch immer. Ob es mit den vielen Bierfässern in seiner Brauerei zu tun hatte?

Männer neben der Entbindungsstation

Manches traditionsreiche Gasthaus bekam im Lauf der Zeit einen Zweitnamen. Etwa das "Wirtshaus Holzapfel" in der Würzburger Klinikstraße. Weil sich nebenan früher die Frauenklinik mit der Entbindungsstation befand und die werdenden Väter sich tapfer wartend am Bier festhielten, wird die Schänke auch "Nabelschnur" genannt.

"Ganz generell glaube ich schon, dass Franken eine sehr schollenverbundene Region ist", bilanziert Gunther Schunk. "Viele Städte - Bamberg etwa - leben ihre Kultur mit Stolz, verschließen sich aber trotzdem nicht dem Zeitgeist. Sie führen Traditionen in die Jetztzeit fort." Der Begriff des "modernen fränkischen Gasthauses" habe sich längst eingebürgert. "Gasthauskultur ist per se etwas sehr Lebendiges", sagt Schunk. Er hofft, "dass unsere Wirte noch ein paar Monate durchhalten, bis Corona eingedämmt ist". Denn nichts und niemand könne die Orte fränkischer Geselligkeit ersetzen, "nach deren Wiedereröffnung wir uns alle sehnen".

 

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