von Sarah Pfister

Unruhig streckt sie den Finger in die Luft, rutscht auf dem Miniaturholzstuhl hin und her, bis sie endlich, endlich aufgerufen wird. Sie geht nach vorne zu der Frau, deren Namen für sie seltsam klingt, nimmt die Kreide in die Hand und malt acht gerade Striche an die Tafel neben das Bild eines Oktopus. Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben - acht. Oder wie es eigentlich für sie heißt: "thmany".

Den arabischsprachigen Teil der Welt, in der sie eigentlich zur Schule ging, musste Sahar (Name geändert) vor ein paar Monaten zurücklassen. Zurücklassen in Schutt und Asche an einem Ort in Syrien, den sie mal ihr zu Hause nannte. Ihre Eltern hatten sie und ihre zwei Geschwister eingepackt und waren losgezogen. Ihrem ältesten Bruder und dem Onkel hinterher, die den weiten Weg bereits einige Zeit zuvor auf sich genommen hatten.
Zurückgelassen hatten sie ein Haus, das keines mehr war. Eine Straße, die unter all dem Geröll verschwand. Und eben eine Schule, in der kein Kind mehr Arabisch lernte.


Die Lehrerin mit dem Lockenkopf

Jetzt sitzt sie hier. In einem hellen Raum, in dem sich kleine, weiß-lackierte Holztische akkurat und symmetrisch nebeneinander aufreihen. Die Mitschüler sitzen unbeschwert auf ihren Holzstühlen und hören der Frau mit dem Lockenkopf vorne an der Tafel mal mehr, mal weniger aufmerksam zu. Sahar kann über die Köpfe der anderen Erstklässler hinweg blicken, obwohl sie für ihre zehn Jahre eher klein ist.

Als sie von der Lehrerin zum ersten Mal vorgestellt wurde, kam sie sich anders als die anderen vor. Irgendwie größer und älter, aber irgendwie auch kleiner und unwissender. Die Lehrerin sagte etwas zu ihr in einer hart klingenden Sprache, die sie nicht verstand. Sie nickte nur leicht lächelnd. Dann schrieb die Lehrerin, Frau Krug, kantige Zeichen an die Tafel und sagte: "Sahar". Das Mädchen nickte wieder leicht lächelnd und setzte sich an seinen Platz.

Das ist jetzt fast vier Wochen her. In dem 2200-Seelen-Dorf irgendwo im Norden Bayerns sind sie gut untergekommen - Sahar und ihre Familie. Sie wohnen im alten Haus des Bürgermeisters. Das ist ganz anders als ihr eigenes Haus, als es noch in der Straße stand, die sie verlassen mussten. Aber zumindest haben sie ein Dach über dem Kopf. Die Leute im Dorf sind nett zu ihnen, sie nennen Sahar und ihre Geschwister "unsere Flüchtlingskinder".

In die 1. Klasse der Grundschule kam sie kurz nach ihrem Bruder Bassam (Name geändert). Der ist erst sechs - wobei das so genau auch keiner weiß, denn ein Geburtsdatum haben beide nicht. Die Lehrerin machte einmal Unterricht nur mit ihnen beiden. Sie legte farbige Felder in die Mitte des Raumes, deutete auf eine der Farben, sagte "Blauuu" und blickte erwartungsvoll zu Sahar und Bassam. Dann auf eine weitere Farbe "Grüüüün" und "Geeeelb" - dann nahm sie wieder das blaue Feld und sah Bassam fragend an. Der blickte verstohlen zu seiner Schwester "Gel..." die Lehrerin tat so als sei sie erschrocken, "Gru.." wieder ein leichtes Kopfschütteln von Frau Krug. "blauw" - erfreutes Nicken und Lächeln auf Seiten der Lehrerin. Bei Sahar klappte das schon besser, sie konnte sich die Namen der Farben, die sie ja eigentlich schon lange kannte, merken, was von der Lehrerin mit einem begeisterten Händeklatschen belohnt wurde.


"Lernen ohne Leistungsdruck"

"Bassam war von der Entwicklung noch nicht so weit, das habe ich nach ein paar Wochen in der Klasse gemerkt", erzählt Michaela Krug. Sie ist eine engagierte Lehrerin, die sich für ihre Schüler einsetzt. Sie fand es besser, Bassam erst noch eine Zeit lang im Kindergarten nebenan unterzubringen: "Dort kann er erst mal spielerisch und ohne Leistungsdruck die deutsche Sprache lernen, bevor er die erste Klasse besuchen wird."

In Bayern sind Kinder zwischen sechs und sechzehn Jahren schulpflichtig - auch Flüchtlingskinder. Sobald die Kinder mit ihrer Familie einer Gemeinde zugeordnet wurden, müssen sie in die örtliche Schule. In welcher Schule und Klasse das jeweilige Kind aufgenommen werden soll, das entschied bei Sahar und Bassam das Bayerische Rote Kreuz in Kooperation mit den jeweiligen Lehrern. Etwa zwanzig Flüchtlingskinder befinden sich momentan in fünf verschiedenen Schulen in der Umgebung. Das klingt erst mal nicht viel, wenn man die Anzahl der Asylanträge der unter 16-jährigen Flüchtlinge betrachtet, die zwischen Januar und Oktober 2015 an das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge gerichtet wurden: 86 498. Nicht einberechnet ist hier die Zahl solcher Kinder, deren Anträge noch gar nicht erst eingegangen sind.

Das deutsche Schulsystem ächzt darunter: "Mit Kindern, die Krieg und Flucht am eigenen Leib erlebt haben, aus einem fremden Land kommen und eine andere Sprache sprechen, ist der Unterricht natürlich nicht leicht", erklärt Sahars Grundschullehrerin, "Mit zwei, drei oder höchstens vier Flüchtlingskindern in meiner Klasse komme ich klar, wenn es aber mehr werden, wird der Unterricht schwierig bis kaum machbar. Es braucht eine gute Verteilung auf die Klassen und Schulen."


Vorurteile mancher Eltern

In der Grundschule in Ackerfeld (Ortsname geändert) funktioniert die Integration von Sahar gut - das mag an der Größe der Grundschule, vor allem aber an der positiven Einstellung der Lehrer, Eltern und Einwohner des Ortes liegen. Aber das ist nicht immer so. Eine Mutter aus einem anderen Ort - sie möchte anonym bleiben - erzählt, dass ihre Kinder mit ausländerfeindlichen Einstellungen aus der Schule zurückkommen: "Die Eltern schüren ganz klar Vorurteile und die Kinder glauben das natürlich. Ein regelrechter Schock, mit was für Meinungen meine Kinder plötzlich aus der Schule nach Hause kommen."

In der kleinen Dorfschule entwickelt sich Sahar gut. Schon bald soll sie in die 2. Klasse eingestuft werden und dann so schnell wie möglich weiterkommen, sodass sie schließlich in eine ihrem Alter angemessene Klasse gehen kann. Das ist der Plan von Michaela Krug - sie will ihre Schüler voranbringen. Sie glaube an die Stärken jedes einzelnen, sagt sie, egal aus welchem Land der- oder diejenige gerade komme. Ob Sahars und auch Bassams Schullaufbahn allerdings auch weiter in Deutschland verlaufen wird, ist noch keineswegs sicher. Darüber entscheidet am Ende ein Stück Papier der Asylbehörde.



Geschichten einer Flucht - Reportageserie

Die Beiträge stammen allesamt aus der Feder von Studentinnen und Studenten der Otto-Friedrich-Universität Bamberg. Die Stücke sind das Ergebnis eines Reportage-Seminars zum Thema "Flüchtlinge" am Institut für Kommunikationswissenschaft (Prof. Markus Behmer). Fachlich begleitet wurden die Studenten vom Lehrbeauftragten Stefan Klein (Süddeutsche Zeitung).