Die Begeisterung ist ansteckend, wenn die Senior-Brauereichefin Hilde Kraus über die Vielfalt und den Wert ihrer geliebten fränkischen Bierkultur spricht. Ihr Plädoyer für eine Rettung der Bamberger Braugasthöfe hält die Hirschaiderin in zünftigstem Fränkisch. Ohne Ausschmückungen. Ohne Beschönigungen.

"Es geht nicht um uns, nicht um Kraus, es geht einfach um die Tradition! Die müssen uns was geben! Und wenn's weniger ist! Wir müssen überleben!", ruft Kraus ins Telefon. Seit 42 Jahren ist sie Teil des Familienbetriebs, der auf 175 Jahre Geschichte zurückblicken kann. Die Brauerei selbst ist sogar noch älter. "Wir sind halt mit Leib und Seele Brauer", erzählt die Seniorchefin und erinnert an ihren verstorbenen Mann Georg. "Unser Gasthof ist das Wichtigste!" Ein paar Hotelzimmer, eine kleine Metzgerei, Festsaal, Biergarten: Freilich hätten sie neben dem Gasthof auch die Brauerei zusperren können im Lockdown, doch habe die Familie Verantwortung für über 40 Mitarbeiter. "Ich will aufmachen, weil ich die Leute halten will! Die will ich halten um jeden Preis!"

Und der Preis ist hoch in der Corona-Krise: Einnahmen durch Gasthof und Hotel brechen weg. Kein Bockbieranstich, keine Geburtstagsfeier, keine Hochzeit spült Geld in die Kasse. Das wirtschaftliche Konstrukt des Braugasthofes braucht aber alle Betriebsteile, um als Einheit wirtschaftlich zu sein. Zwei Kredite habe die Familie schon aufgenommen, im März 2020 bekam man außerdem ein Darlehen vom Landkreis. "Da haben wir uns richtig gefreut, das ging super schnell." Doch all das müssen die Empfänger zurückzahlen.

Eisiger Wind aus Berlin

Jetzt, mitten im kalten Krisen-Winter, fallen die Braugasthöfe plötzlich durchs Raster der staatlichen Corona-Hilfen (wir berichteten). Für viele Familienbetriebe ist das eine echte Existenzbedrohung. Die Hilferufe blieben nicht ungehört. Artikel wurden geschrieben, Fernsehsendungen gedreht, Briefe verfasst - lokale Politiker setzten sich in Berlin für eine Änderung ein. Und das Bundeswirtschaftsministerium besserte wirklich nach. Braugaststätten durften nun "bei erheblichen Umsatzausfällen von über 40 Prozent" rückwirkend auf Geld hoffen. Mancher Politiker klopfte sich da schon selbst auf die Schulter - doch in den Gesichtern der Brauer standen weiter tiefe Sorgenfalten. Noch immer waren sie ausgegrenzt. "Wir wollen behandelt werden wie Bäckereien, die ihre Café-Einnahmen ersetzt bekommen", forderten sie.

Der Durchbruch soll nun mit dem schönen Arbeitstitel "Fassbierklausel" gelingen. Damit mehr Brauereigaststätten von den November- und Dezemberhilfen profitieren können. "Mit der Fassbierklausel wird nur noch der Absatz von Flaschenbier an den Lebensmittelhandel zum geöffneten Geschäftsbereich gezählt. Der Absatz von Fassbier sowie der Umsatz, den eine Brauerei mit der Belieferung von Gaststätten, Kneipen, und so weiter erzielt, wird dem geschlossenen Bereich zugerechnet", erklärt der Bundestagsabgeordnete Andreas Schwarz (SPD), der die Neuerung als "großartige Neuigkeiten für unsere Brauereigaststätten in Oberfranken" wertet. Die bisherige Problemstellung sei damit gelöst. Brauereien mit angeschlossener Gaststätte wurden laut Schwarz bisher in der November- und Dezemberhilfe als sogenannte "Mischbetriebe" betrachtet, weil sie ja auch mit ihrem Bierverkauf Geld verdienen. "Mischbetriebe sind dann in der November-/Dezemberhilfe antragsberechtigt, wenn wenigstens 80 Prozent der Umsätze auf den geschlossenen Bereich entfallen. Das wäre der Fall, wenn die Gaststätte 80 Prozent und die Brauerei nur 20 Prozent zum Gesamtumsatz des Unternehmens beitragen", erklärt Schwarz. Doch viele kamen über die 20-Prozent-Marke.

Verhaltene Freude

Am Montag dann verkündete Schwarz den Rechenkniff, den er als Durchbruch wertet. Der Dreh: "Bei genauerer Betrachtung zeigt sich, dass die Umsätze der Brauerei nicht gänzlich als Umsätze im geöffneten Bereich zu betrachten sind", sagt Schwarz. Nun gilt: Der Absatz von Fassbier wird grundsätzlich als Umsatz betrachtet, der dem geschlossenen Bereich zuzurechnen ist. "In der Regel kann also nun der Absatz von Flaschenbier an den Lebensmittelhandel uneingeschränkt fortgesetzt werden. Solange dieser Absatz an den Handel nicht mehr als 20 Prozent des Gesamtumsatzes ausmacht, ist die 80-Prozent-Regel für Mischbetriebe erfüllt", betont Schwarz.

Bei den Brauern erntete er nur verhaltene Freude. "Das ist kein großer Wurf, sondern nur eine Richtigstellung der Mischbetriebsregel. Und entgegen der Beteuerungen von diversen lokalen Politikern hilft uns das in der Breite nicht", kritisiert Stefan Stang, Hauptgeschäftsführer der Vereinigung Privater Brauereien Bayern. In seinen Augen bleibe das Hauptproblem ungelöst: "Selbst eine Brauerei, die 21 Prozent an Flaschenbier verkauft, ist raus."

Schwarz entgegnet auf Nachfrage: "Es wird noch nicht verstanden, wie weit die neue Regelung geht. Umsatz der Brauerei ist in Zukunft nur noch der Flaschenbierverkauf, der in den Lebensmittelhandel geht, und damit müssten nahezu alle Brauereien hier im Raum Bamberg in das Hilfsraster fallen."

Stang kontert: Größere Brauereien hätten mehr Flaschenumsatz plus größere Gastronomie - diese Umsätze würden ja nicht kompensiert. Er fordert weiter eine Lockerung bei der 80/20-Regelung. Doch Schwarz berichtet aus den Verhandlungen im Bundeswirtschaftsministerium: "Am 80/20 lassen die nicht mehr rütteln." Die jetzige Änderung sei das Beste, was rauszuholen gewesen sei. Neuerdings müssten Brauer nur aufpassen, was an Rewe, Lidl, Edeka und so weitergeht. Das sollte bei den meisten heimischen Brauern problemlos sein.

Kritik eines Kollegen

Nicht nur Schwarz kämpft in Berlin für Verbesserungen. Als Schutzpatrone für die heimischen Brauereien treten mehrere Abgeordnete auf, etwa Lisa Badum (Grüne) und Bundestagsabgeordneter Thomas Silberhorn (CSU). Dieser bleibt kritisch: "In der Sache reicht das nicht. Es ist eine kosmetische Korrektur, die nur wenigen Brauereien hilft. In den Ministerien muss man sich ja auf die Schenkel klopfen, wenn man damit so günstig durchkommt." Es müsse weiterhin hart verhandelt werden. "Ziel bleibt eine Gleichbehandlung von Braugaststätten mit Bäckerei-Cafés."

Hilde Kraus jedenfalls hat sich mit der Familie gleich nach der neuen Nachricht von Andreas Schwarz über die Rechnungen und Akten gemacht und das Addieren angefangen. "Es sieht wirklich so aus, dass wir mit der neuen Regelung jetzt Hilfsgelder bekommen sollten", berichtet die Hirschaiderin freudig. Allerdings hätten sie in der Eile die Zahlen nur grob überschlagen können. "Das alles ist sehr kompliziert und muss jetzt vom Steuerberater geprüft werden." Hilde Kraus will ausdrücklich die Lokalpolitiker loben, die sich eingesetzt haben. "Ich habe bestimmt 40 von denen angerufen."