In Bamberg geht die Große Muttergottesprozession immer am Sonntag nach Mariä Himmelfahrt, urkundlich bezeugt schon seit dem Jahr 1700. Dann wird das Gnadenbild Unserer Lieben Frau von Häckern getragen. Die Ehre, ein Muttergottesträger zu sein, war in gewisser Weise mit dem Namen der Familie verknüpft. Der Simon und der Lenz gehörten zu den Großen, also trugen sie das Gnadenbild hinten.


Abwechslung zum Keller

Als die Häcker von St. Martin das Gnadenbild über den Obstmarkt auf das Alte Rathaus zu trugen, fiel der Blick des schwitzenden Simon auf das Schild "Weinhaus Zeis". Da kam ihm ein Gedanke, den er dem Lenz nach der Prozession gleich mitteilte. Ob sie nicht zur wohlverdienten Feier statt in den Greifenklau oder Kaiserwirtskeller in das Weinhaus Zeis gehen könnten?

Der Lenz war sofort einverstanden. Ihre Kränze, damals noch aus Hunderten von Goldplättchen, Blumen und kleinen Perlen bestehend, gaben sie einem Nachbarn und stiefelten zu zweit und so wie sie waren im "Spotzäfrack" und weißen Hosen, den Kaulberg hinunter.
Als sie vor dem Weinhaus standen, war ihnen nicht wohl zumute. Jeder hätte gerne einen Rückzieher gemacht. Sie waren doch noch nie in einem Weinhaus gewesen. Doch dann stiegen sie gemeinsam die Treppe hinauf und suchten sich einen Platz. Die Bedienung brachte ihnen italienischen Rotwein. Leise machen sie ihre Bemerkungen über das Fräulein, ein "recht saubers und stramms Weibsbild", wenn es so "zötiga Hoor" hat und bloß a klaans weiß Schörzerla.

Durstig, wie sie waren, leerten sie das Glas in einem Zug. "Des hätt i fei net gädocht, dass deä Weizso gut schmeckt", sagte der Lenz und bestellte noch und noch einmal. Die Vorhaltungen vom Simon tat er ab: "Des bissla süßa Zeug mächt miä nex, do bin i oo a andersch Quantum gäwöhnt!" Mit jedem Glas steigerte sich sein Selbstbewusstsein und er fühlte sich wie ein König - mindestens wie ein Baron.
Allmählich wurde es Zeit zu gehen. "Fräulein, zohln!", schrien sie wie auf dem Keller. Beim Zahlen merkte der Lenz, dass er das Geld nicht zusammenbrachte. Ja, gereicht hätte es schon, aber die Münzen verschwammen vor seinen Augen. Also suchte es der Simon zusammen aus dem alten Geldbeutel. Ausnahmsweise gab er ein großzügiges Trinkgeld in Höhe von zwei Pfennigen.

"Dunnäkeil, geht der Wei nei die Baa!" Doch ganz schlimm wurde es erst draußen an der frischen Luft. Vor dem Lenz drehte sich alles im Kreis, und er konnte sich kaum auf den Beinen halten. Simon, dem sonst Unerschütterlichen, wurd's ein wenig bang. Wie soll er mit dem "zammgäwaachtn" Lenz heim auf den Kaulberg kommen, noch dazu im Muttergottesträgeranzug mit den weißen Hosen? Das gäbe ein Schauspiel, "Schand ä Spott" für beide. Da kam ihm die rettende Idee: " Do gibt's doch etz des neumodischa elektrischa Zeuch!" Und zum Lenz sagt er: "Nobl geht die Welt zägrund! Heut fohrn mä mit der Stroßnboh haam, wenigstns bis zän Karmelitnbrunna."
Mit Müh und Not steuerte er den Lenz über den Obstmarkt bis zur Haltestelle Mohrenapotheke. Ehe der Simon ihn halten konnte, rumpelte der Lenz mit einem Satz durch die Tür der Apotheke. Die Türschelle läutete dabei Sturm. Das war für ihn das Bimmeln der Straßenbahn. Der Lenz lallte. "Nä longsom, ich will aa nuch mit!", und torkelt auf die Bank zu, die für wartende Kunden gedacht ist. Unter den staunenden Augen des Apothekers lässt er sich darauf niederfallen und seufzt erleichtert: "Iich sitz. Fohr zu!"
Woher ich das weiß? Natürlich nicht vom Lenz: Ich hab's vom Simon, meinem Großvater.
Rettl Motschenbacher