Pro Sharing

Teilen statt Haben? Das ist etwas für Öko-Romantiker, für die Studentenbude, für die Fantasie unverbesserlicher Weltveränderer auf der Grundlage von Marx und Lenin. Die moderne Welt teilt nicht. Sie hat. Und nimmt. Immer mehr.

Das Prinzip, das hinter dem Nicht-Teilen steckt, heißt Wachstum. Seit Jahrzehnten teilen sich Politik und Wirtschaft das Versprechen, dass es immer so weiter geht: dass es den Menschen morgen besser geht als gestern, dass sich Wohlstand unbegrenzt vermehren lässt. Das hat unabsehbare Folgen: Der Wohlstand des kleinsten Teils der Menschheit wird erkauft mit der Armut der großen Mehrheit.


Der unerschütterliche Glaube an grenzenloses Wachstum leert die Rohstofflager der Welt und macht den blauen Planeten zu einem Endlager für Müll und Abgase, von den sozialen "Altlasten" gar nicht erst zu reden.
Die Welt steht am Scheideweg. Die Kriege und Flüchtlingsströme von heute sind ein Vorgeschmack auf das, was passiert, wenn der Rest der Welt seinen Anteil am Wohlstand einfordert. Wenn der Klimawandel weite Landstriche unbewohnbar macht. Wenn die Rechte an Öl, an Wasser, an seltenen Erden mit Gold aufgewogen und mit Gewalt erstritten werden.

Ökopessimismus? Im Gegenteil, es ist der Ansatz für eine optimistische Weltsicht. Nicht die Zähmung des Feuers oder die Erfindung des Rads machte aus Primaten eine Zivilisation. Die Arbeitsteilung war der entscheidende (Fort-)Schritt. Heute kommt es darauf an, die erschöpflichen Schätze dieser Welt nachhaltig zu nutzen und gerecht zu ver-teilen. Ein großer Sprung auf der Leiter der Evolution - in vielen kleinen Schritten. Günter Flegel


Contra Sharing

Kein vernünftiger Mensch wird die Mitglieder der Sharing-Gemeinschaften kritisieren oder auch nur belächeln wollen. Wenn Lebensmittel vor der Tonne gerettet werden, wenn jemand umsonst jemandem hilft oder eine Couchgarnitur statt in der Müllverbrennungsanlage zu landen noch einige Jahre im WG-Zimmer steht, ist das gut.

Doch was auf den ersten Blick besticht, ist erstens so neu gar nicht, und der zweite Blick ist ein skeptischer. Leihen und Teilen waren immer Kennzeichen einer Mangelökonomie - ob in der deutschen Nachkriegsgesellschaft oder im realen Sozialismus. Ist es Zufall, dass in Zeiten der Prekarisierung solche Konzepte wieder auftauchen? Die Kleinanzeige wurde durch die Facebook-Gruppe ersetzt; Sharing basiert auf schneller Kommunikation via PC und Smartphone. Ganz trübe wird es, wenn sich Tauschringe und Regionalwährungs-Theoretiker auf Silvio Gesell beziehen, der die Zinswirtschaft mit antisemitischen Untertönen kritisierte.

Davon haben die lokalen Idealisten vermutlich noch nie gehört. Sie sollten aber bedenken, dass Alte, Kranke und Behinderte von einer Gesellschaft der Mikrounternehmer ausgeschlossen sind - von schwer erkämpften Arbeitnehmerrechten zu schweigen. Reiche und Mächtige scheren sich nicht ums Sharen, lassen umweltschädigend produzieren und pflegen weiter ihren Luxuskonsum. Die Ökonomie des Teilens wird eine Randerscheinung bleiben, so wie von einem Netzwerk der Alternativprojekte, 1980 viel diskutiert, heute keiner mehr spricht. Rudolf Görtler