Sid Roth heißt der gute Mann, der mich für "die überirdische Botschaft Gottes" begeistern will: Früher war er Jude, seit aber das Böse von ihm Besitz ergriff, er vor dem Einschlafen rief: "Jesus, hilf mir!", und am nächsten Morgen alles gut war, ist er Erweckungsprediger in North Carolina. Schön für ihn, interessiert mich aber nicht die Bohne. Insbesondere, weil er weiterhin glaubt, dass Juden als erstes erweckt werden. Falsche Adresse - ich bin katholisch!

Andererseits war seine Werbestrategie gar nicht so blöd: Immerhin war ich auf seiner Homepage, was ich wahrscheinlich nicht getan hätte, wäre es ein deutsches Buch aus, sagen wir mal, Köln gewesen. Erst die Tatsache, dass ein Prediger aus North Carolina in Nordindien russische Bücher drucken lässt, die er dann nach Deutschland schickt, hat mich neugierig gemacht. (Falls Sie das immer noch langweilig finden: Sie haben auch nichts verpasst, wenn Sie sich seine Homepage sparen.)

Warum hält mich Sid Roth für bekehrbar?

Wobei sich dabei aber erst recht die Frage stellt: Warum schickt Sid Roth ausgerechnet mir ein Erweckungsbuch? Und wenn wir gleich dabei sind: Warum auf russisch? Warum von Indien aus? Und, woher zum Kuckuck haben Sid Roth, beziehungsweise seine indischen oder russischen oder was-weiß-ich-welche Freunde meine Adresse? Denn das Buch machte einen Umweg über meine Oma - und bei der habe ich gewohnt, als ich zwischen 15 und 20 war. Also zu einer Zeit, in der es noch nicht mal Studi-VZ gab.

Genau genommen habe ich während dieser fünf Jahre nur vier Mal meine Adresse herausgegeben: Meiner Uni. Einer Kinderhilfsorganisation. Einer Tierschutzorganisation. Und Scientology. Ja, Sie vermuten richtig, ich war in meiner Jugend sehr naiv.

Scientology scheidet als Schuldiger aus

Jetzt bin ich es nicht mehr und wüsste gerne, wer mit meinen Ex-Adressdaten handelt. Meine Uni scheidet als gewissenloser Adressverkäufer wohl aus. Scientology kann es auch nicht gewesen sein, die würden fremden Erweckungspredigern bestimmt keine Adressen verkaufen. Bleiben Hilfsorganisation 1 und Hilfsorganisation 2.

Nicht, dass ich damit sagen will, Sie sollten vor Weihnachten nichts spenden. Aber vielleicht lesen Sie sich vorher mal das Kleingedruckte durch?! Insbesondere, weil nicht einmal die kostenlosen Adressaufkleber, die sie einem nach einer Spende ständig andrehen, einen Sinn haben. Es sind nämlich grundsätzlich Schreibfehler drin.

Weg mit den sinnlosen Adressaufklebern!

Deshalb hätte ich einen Vorschlag an alle Hilfsorganisationen dieser Welt: Schafft die Adressaufkleber ab und finanziert uns spendewilligen Passanten stattdessen lieber eine Adress-Verfolgungs-App, die uns mit neuesten Informationen rund um unseren Datenklau versorgt: Ihre Adresse wurde heute an unsere lieben Freude aus Russland verkauft. Heute haben unsere lieben Freunde aus Russland Ihre Adresse an Bekannte aus Nordindien verkauft. Für weitere Informationen bitte auf den Link klicken und ihre Kontodaten angeben.

Vielleicht käme dann irgendwann die Nachricht: Ihre Adresse wurde soeben an Al-Kaida übermittelt - immerhin grenzt Indien an Pakistan. Aber deren Post hätte ich dann gerne auf portugiesisch und von Grönland aus losgeschickt! Das unterhält mich und fördert gleichzeitig die Völkerverständigung. Und die Hilfsorganisationen. Denn wenn ich die Auswahl zwischen russischer Erweckungspredigt und portugiesischer Al-Kaida-Propaganda habe, nehme ich - den Überweisungsträger mit der Spendenaufforderung. So einfach kann Werbung sein!