Im Alter von zwölf Jahren fingen Sie zu zaubern und zu jonglieren an. Wann, wie und warum kam das Bauchreden dazu?
Sascha Grammel: Damals gab es einen Jonglierladen, in dem ich immer neue Bälle und Keulen einkaufte. Und als ich ungefähr 19 Jahre alt war, entdeckte ich hier eines Tages ein Buch mit dem Titel "Die Kunst des Bauchredens". Ich war neugierig und wollte wissen, wie man das anstellt. Als ich mir das Buch kaufte, hatte ich aber nicht vor, der große Bauchredner zu werden. Irgendwie hat mich dann doch der Ehrgeiz gepackt und ich wollte diese Kunst unbedingt lernen. Es hat ungefähr ein Jahr gedauert. An jeder roten Ampel selbst verstellte ich im Auto meinen Innenspiegel und übte davor.

Wie schwierig ist es, diese spezielle Sprechtechnik zu lernen?
Ich musste einige Buchstaben wie das V, W, B, P, M und F ganz neu lernen. Das alles sind eben Laute, bei deren Aussprache man die Lippen bewegen muss. Die Schwierigkeit dabei ist es, die Lippenbewegung durch die Zunge zu ersetzen. Vor allem darf man die alte Sprechweise, die wir von Kindesbeinen an praktizieren, nicht mehr nutzen, wenn die Puppe spricht. Kompliziert wird es dann, wieder umzuschalten. Denn melde ich mich selbst auf der Bühne zu Wort, muss ich schließlich normal sprechen. Hier ständig umzudenken, war am Anfang doch sehr anstrengend.

Zwischen Zauberkunst und dem Bauchreden erlernten Sie einen recht herkömmlichen Beruf: den des Zahntechnikers. Warum entschieden Sie sich doch, als Künstler Ihre Brötchen zu verdienen?
Ich bin von Kindesbeinen an doch sehr in der Zauberei verwurzelt und hatte auch an vielen Wettbewerben teilgenommen. Ich kann mich aber ebenso noch sehr gut an eine Podiumsdiskussion im Rahmen eines Zauberkongresses erinnern. Ich war eingeladen und hatte vehement die Position vertreten, dass man das Zaubern nur als Hobby praktizieren sollte. Damals konnte ich mir nicht vorstellen, das beruflich zu machen. Später stellte ich jedoch fest, dass es fast ein Geschenk ist, seinen Lebensunterhalt mit dem zu verdienen, was man gerne macht. Die Zahntechnik in allen Ehren, aber sie war nicht meine Leidenschaft.

Sie nennen Ihre Art der Darbietung Puppet-Comedy. Was alles unterscheidet sie vom herkömmlichen Bauchreden?
Es gibt viele Bauchredner, die ein nicht unbedingt positives Bild prägen. Immer wenn ich mich als Bauchredner vorstellte, wurde ich somit von oben bis unten angeschaut. Es gibt in der Branche eben viele, die ein Stofftier im Arm halten, irgendwas erzählen und dabei nicht einmal Lippensynchron den Mund bewegen, geschweige denn Bauchreden können. Und genau damit wurde ich verglichen, was mich sehr ärgerte. Puppet-Comedy ist sicherlich nichts anderes als Bauchreden, aber auf die moderne Zeit zugeschnitten. Ich mache auf der Bühne auch viel mehr, als nur mit Puppen zu reden. So gibt's beispielsweise eine Schattennummer, bei der ich Schattenpuppen darstelle.

Wie kamen Sie eigentlich zu Ihren Figuren?
Frederic Freiherr von Furchen sumpf ist mir zugeflogen. Professor Hacke hat sich selbst erfunden, Josie habe ich beim Speed-Dating kennengelernt (Grammel lacht). Im Ernst: Frederic stammt aus den Anfängen heraus. Damals musste eine Puppe her, obwohl mein Budget noch nicht groß war. In einem amerikanischen Spezialgeschäft fand ich seinen Vorgänger Justus: Ein schielender Vogel mit Flügeln, aber sehr unmenschlich. Später entdeckte ich, dass andere Bauchredner die gleiche Figur hatten, was ich unter keinen Umständen wollte. In Berlin habe ich dann einen Puppenbauer kennengelernt, der mir den Frederic zusammenbastelte. Auch bei Josie wollte ich eine Figur haben, die kein anderer Bauchredner hat. Und bei Prof. Dr. Peter Hacke ging's mir darum, das Thema Ernährung zu spezifizieren.

Fürchten Sie, dass eine Ihrer Puppen eifersüchtig wird, wenn es demnächst Zuwachs gibt?
Es wird wirklich zwei neue Puppen geben. Eine soll nur über Einspielerfilme zu sehen sein, die andere nehme ich mit auf die Bühne. Und bei dieser Puppe habe ich das Gefühl, dass sie allen die Show stehlen kann. So ist sie im Grunde eine Symbiose aus allen drei bisherigen Puppen. Natürlich muss ich das vor denen noch geheim halten, sonst bekomme ich eins auf den Deckel.

Seit Ende der 90er Jahre sind Sie als Künstler unterwegs. Der große Durchbruch kam allerdings erst in den letzten Jahren. Wie?
Gäbe es ein Geheimrezept, hätte ich es sicherlich schon 1997 benutzt, als ich noch auf kleinen Bühnen spielte. Letztendlich glaube ich, dass bei mir schließlich vieles zusammenkam: ein Management, das an mich glaubte, die Firma Universal, Auftritte im Fernsehen und nicht zuletzt mein Publikum. Darüber hinaus bin ich über die Jahre hinweg auch schlichtweg besser geworden.

"Hetz mich nicht!" ist das Motto Ihrer aktuellen Show. Fühlen Sie sich von den Puppen unter Druck gesetzt oder machen eher Sie ihnen Stress?
Ich denke, ich bin einer der unpünktlichsten Menschen dieser Erde. Daher fühle ich mich ganz schön gehetzt. Und ich finde, dass unsere Welt - sowohl die berufliche, als auch die private - immer schnelllebiger wird. Ich hatte das Gefühl, hier auf die Bremse treten zu müssen.

Woher nehmen Sie (in aller Ruhe oder Eile) Ihre Ideen? Und welche Themen werden Sie auf der Bühne wohl nie anschneiden?
Ideen habe ich eigentlich viel zu viele. Ich gehe mit offenen Augen durch die Welt. Hier sehe ich täglich so vieles, was eigentlich auf die Bühne gehört. Beispielsweisee Süßigkeitenautomaten auf Bahnsteigen. Man muss nur zehn Minuten daneben sitzen und beobachten, wie Menschen versuchen, daraus Süßigkeiten zu bekommen. Das ist oft mehr als komisch: Ständig verklemmt sich was, dann haust du dagegen und schließlich fällt etwas ganz anderes heraus. Von diesen Dingen gibt es viele. Man braucht nur mitzuschreiben und hat schon sein Programm zusammen. Ich würde aber niemals Witze auf Kosten anderer Leute machen. Sicherlich wäre es das Einfachste und man hat viele Lacher auf seiner Seite. Nur möchte ich schlichtweg nicht verletzend sein. Lieber nehme ich mich selbst auf den Arm. Zumal man sich mein Programm auch mit Kindern anschauen kann.

Könnten Sie sich noch ein Leben ohne Puppen vorstellen? Besonders auf der Bühne: Sascha Grammel pur sozusagen?
Ich habe es mal versucht. Auch hat mein Programm einige Momente ohne Puppen, wie beispielsweise bei der Schattennummer. Ganz auf Puppen zu verzichten, könnte ich mir aber nicht vorstellen.

Sie waren schon einmal in Bamberg - bei "Bamberg zaubert". Zu einer Zeit, als der Rummel um Sie noch nicht so groß war. Erinnern Sie sich?
An "Bamberg zaubert" erinnere ich mich nur vage. Aber ich weiß noch sehr genau, dass ich hier einmal ganz privat in einem Wohnzimmer aufgetreten bin. Ich war die Geburtstagsüberraschung für eine Bambergerin. Im Flur der Wohnung hatte ich mich vorbereitet und mit einer kleinen Verstärkerbox im Wohnzimmer schließlich meinen Auftritt vor sechs Personen. Und es war trotzdem ein wunderschöner Abend.

Auf was dürfen sich die Fans heute bei Ihrer Show freuen?
Auf unglaublich viel Spaß. Ich gebe jeden Abend alles, was geht und ich glaube, die Zuschauer auch. Ich denke, wir werden zwei Stunden lang einfach nur lachen. Es werden alle drei Puppen auftreten, aber ebenso Zuschauer. Und es gibt Schattenspiele.