Die Tage des Kernkraftwerks Grafenrheinfeld sind gezählt. Am 31. Dezember 2015 wird zum letzten Mal Strom produziert, dann ruht der Betrieb. Klar, dass die über 500 Mitarbeiter des Kraftwerks die Entwicklung mit gemischten Gefühlen verfolgen. Dabei bedeutet das Ende der Stromproduktion noch lange nicht das komplette Betriebsende. Ein Kernkraftwerk kann man nicht einfach so abreißen. Aber wie es für die Mitarbeiter weiter geht, hängt auch davon ab, ob das Kraftwerk mit Beginn des Nachbetriebs rückgebaut wird, oder ob ein sicherer Einschluss für circa 30 Jahre erfolgt. Beides ist laut Atomgesetz möglich.

Zehn Jahre für den Rückbau

Im ersteren Fall, dem Rückbau, könnte ein Großteil der Belegschaft noch einige Jahre beschäftigt werden. Rund zehn Jahre dauert ein solcher Rückbau. Entscheidet man sich für den sicheren Einschluss, wird das Kraftwerk für etwa 30 Jahre in eine Art Dornröschenschlaf versetzt. Die meisten Arbeitsplätze würden dann entfallen, erklärt Bernd Gulich, Pressesprecher des Kraftwerks. Für die jüngeren Kraftwerksmitarbeiter gibt es also kaum Perspektiven. Gerade die Jungen schauen sich deshalb bereits jetzt nach Alternativen um. Nur die über 50-Jährigen müssen sich keine größeren Sorgen mehr machen. Weil mit Ende des Nachbetriebs die meisten eh kurz vor dem Ruhestand stehen.

300 Milliarden Kilowattstunden

Für den noch relativ jungen Pressesprecher Bernd Gulich ist das keine Perspektive. Zwar sind konzernintern Alternativen möglich, doch das hilft wenig, wenn man sich seinem bisherigen Job mit Herzblut verschrieben hat. "Das tut schon weh, wenn das Ende so absehbar ist."

Dabei wurde und wird in Grafenrheinfeld gute Arbeit geleistet. Das Kraftwerk hat erst im März als weltweit drittes Kraftwerk die Marke von 300 Milliarden Kilowattstunden erzeugten Stroms überschritten. Mit dieser Strommenge hat Grafenrheinfeld derzeit einen Anteil von rund 15 Prozent an der gesamten Stromproduktion in Bayern und deckt damit einen großen Teil der Grundversorgung.

Zahlen, die keine Rolle mehr spielen. Weil Kernkraft bei der Energieversorgung keine Rolle mehr spielt. Kommt jetzt der Rückbau oder der sichere Einschluss in Grafenrheinfeld? "Diese Entscheidung fällt in der Nachbetriebsphase,"erklärt Gulich. Er räumt aber ein, dass er persönlich den Rückbau bevorzugen würde. Nicht zuletzt deshalb, weil dann ein größerer Teil der bisherigen Belegschaft weiter beschäftigt werden könnte.

Woher soll die Grundlast kommen?

Fraglich bleibt, wie die ab 1. Januar 2016 fehlenden 1345 Megawatt Grundlaststrom aus Grafenrheinfeld ersetzt werden. Für Kraftwerkleiter Reinhold Scheuring nur dann machbar, wenn zum Netzausbau ausreichend konventionelle Kapazitäten kommen und mehr Energiespeicher.

Seine Sorge: Frequenzschwankungen oder kurze Stromunterbrechungen im Millisekundenbereich - sie fallen dem Privatkunden gar nicht auf - könnten in der Industrie zu erheblichen Problemen führen. Diese Netzstabilität sei seit dem Abschalten der älteren Kernkraftwerke sehr angespannt, so Scheuring. Um Ausfälle zu verhindern kann sich der Kraftwerkleiter den Bau neuer Gas- und Kohlekraftwerke vorstellen. Auch Biomasse könne zu einem geringen Teil zur Grundlastversorgung herangezogen werden.

Strom aus Grafenrheinfeld könnte es dann weiter geben, würde am Standort Grafenrheinfeld ein Gaskraftwerk errichtet. Eine Lösung, die sich besonders die Landräte in der Region gut vorstellen könnten. Die bayerische Staatsregierung favorisiert derzeit jedoch andere Standorte, zum Beispiel Dettelbach. Egal wo, ein Investor ist bislang eh nicht gefunden. Weil Gaskraftwerke nur dann zum Einsatz kommen sollen, wenn mit Hilfe erneuerbarer Energien nicht genügend Strom produziert werden kann. Das ist wirtschaftlich nicht mehr interessant.

Wann fallen die Kühltürme?

Jetzt hoffen die Bürger in Grafenrheinfeld darauf, dass im Falle des Rückbaus auch die derzeit das Maintal optisch dominierenden riesigen Kühltürme abgerissen werden. Nichts würde das Ende der friedlichen Nutzung der Kernkraft in Franken mehr verdeutlichen.