Hirschaid
Denkmalpflege

"Einmalige Chance für Hirschaid"

Zur Erinnerung an die von den Nationalsozialisten ausgelöschte jüdische Gemeinde soll die ehemalige "Judenschule" der Nachwelt erhalten bleiben.
Efeu und wilder Wein überwuchern die ehemalige Judenschule an der Nürnberger Straße in Hirschaid. Das vom Verfall bedrohte Baudenkmal soll nach dem Willen des Gemeinderats erhalten werden. Archivbild: Werner Baier
"Rückübereignung des Teilgrundstücks Judenschule, Nürnberger Straße 12, an den Markt Hirschaid" - so lautete ein Tagesordnungspunkt der letzten Sitzung des Marktgemeinderates. Bis die Immobilie tatsächlich wieder als Eigentum der Kommune verbrieft sein wird, dürfte aber noch viel Wasser die Regnitz hinunterfließen. Erst einmal ließ sich Bürgermeister Andreas Schlund (CSU) beauftragen, mit den zuständigen Behörden und Institutionen zu verhandeln; es geht dabei hauptsächlich um Zuschüsse aus diversen Fördertöpfen. Der Beschluss wurde bei vier Gegenstimmen gefasst.
Grundsätzlich wurde die Verhandlungsbereitschaft des derzeitigen Eigentümers Alois Büttel zu einer Rückübereignung begrüßt. Und es wurde festgelegt, dass in Abstimmung mit den Denkmalbehörden Vorschläge für die Erhaltung und Nutzung des Baudenkmals erarbeitet werden sollen. Ferner sollen im Rahmen des künftigen "Innovativen Gemeindeentwicklungskonzeptes" gemeinsam mit dem Planungsbüro Ideen entwickelt und mit den Bürgern in einem Dialogverfahren erörtert werden.

Efeu kriecht ins Dach


Derweil muss das vom Verfall bedrohte ehemalige Bauernhaus, das von 1887 bis 1939 von der jüdischen Gemeinde Hirschaids als Gemeindehaus sowie als Elementar- und Religionsschule genutzt wurde und von der jeweiligen Lehrersfamilie bewohnt war, einem weiteren Winter trotzen. Ein mächtiger Efeustock hat sich Bahn ins Innere gebrochen, Dach und Fassaden sind seit vielen Jahren undicht. Über das Schicksal des Gebäudes wird nun erst einmal am grünen Tisch verhandelt.

Dem Markt Hirschaid gehörte das Anwesen ab Mai 1939, nachdem es von der damaligen NS-Ortsverwaltung beschlagnahmt worden war. Zu diesem Zeitpunkt lag die Synagoge der jüdischen Gemeinde Hirschaids schräg gegenüber in Schutt und Asche gelegt: ein Opfer der "Reichspogromnacht". Die "Judenschule" wurde bis Ende der 1970er Jahre als Wohnhaus genutzt. Der Markt Hirschaid überließ es vor der Ansiedlung des Möbelhauses Neubert als Tauschobjekt der direkt angrenzenden Nachbarsfamilie Büttel. Von den Büttels wurde ein Acker im Gewerbegebiet benötigt. Die Hoffnung der neuen Eigentümer, das Haus abreißen und durch einen lukrativen Neubau ersetzen zu können, zerstob: Büttels Abbruchantrag führte dazu, dass das Gebäude in Erinnerung an seine jüdische Vergangenheit wieder auf die Denkmalliste gesetzt wurde. Seitdem nagt der Zahn der Zeit am Gemäuer. Als ein trostloser Zustand erreicht war, signalisierte Eigentümer Alois Büttel vor wenigen Wochen die Bereitschaft, die Judenschule wieder gegen Ackerland zu tauschen. Bürgermeister Andreas Schlund hakte ein.

Dem Gemeinderat trug der Bürgermeister nun vor: "Der Markt Hirschaid sollte sich die Chance nicht entgehen lassen, zumal die ehemalige Judenschule ein öffentliches Anliegen ist - mit kulturgeschichtlich-ethnischem Hintergrund von besonderer Bedeutung für den Markt Hirschaid." Schlund strebt an, die Bürger in die Entwicklung eines Nutzungskonzeptes einzubeziehen, damit das Projekt von einer breiten Bevölkerungsschicht mitgetragen wird. Im Vorfeld hatte Schlund geäußert, dass er sich in dem sanierten Gebäude das jetzt unter Raumnot leidende Gemeindearchiv vorstellen könne.

Der sozialdemokratische Marktgemeinderat Josef Haas gab zu erkennen, dass er sich bei dem vom Bürgermeister skizzierten Vorgehen ganz und gar nicht wohlfühlt. Es gefällt ihm zum einen nicht, dass die Erinnerung an die Juden auf ein Gebäude reduziert werden soll. Zum anderen wünscht er Klarheit, weshalb die Judenschule von der Gemeinde bereits einmal für einen Grundstückstausch benutzt wurde und nun schon wieder als Tauschobjekt dienen soll und weshalb plötzlich nicht mehr von der Mikwe, dem traditionellen Reinigungsbad, das in einem Anbau vorhanden gewesen sein soll, die Rede sei. Die Erinnerung, so Haas, lasse sich nicht verordnen. Sie müsse in den Herzen und im Bewusstsein der Menschen wachsen. Deshalb forderte er, über andere Möglichkeiten nachzudenken "und nicht Unsummen in ein Objekt zu investieren, das über Jahrzehnte hinweg keiner Beachtung wert war." In den Augen von Josef Haas reicht eine Erinnerungstafel am Haus.

"Gemeinde in der Verantwortung"


Kilian Prell (FW), der vor Monaten den Anstoß für die Beseitigung des "Schandflecks" gegeben hatte, sieht jedoch die Gemeinde in der Verantwortung. Prell schnitt ebenso wie Klaus Homann (CSU) die Frage der Sanierungs- und Folgekosten an. Beide ließen keinen Zweifel daran, dass das Gebäude nicht länger dem Ruin preisgegeben werden darf. Weil der derzeitige Eigentümer den Verfall des Hauses so lange in Kauf genommen hat, verlangte Homann weitere Verhandlungen zur Senkung des Kostenaufwands beim Rückerwerb.
Kurt Barthelmes (FW) erinnerte Josef Haas daran, dass zur Geschichte von Hirschaid auch die frühere jüdische Gemeinde und die systematische Ermordung jüdischer Bürger im Nationalsozialismus gehören. Es wäre, so Barthelmes, ein falsches Signal, die Judenschule verfallen zu lassen.

Barthelmes möchte nicht einem Gemeinderat angehören, dem man nachsagen könne, für den Untergang der Judenschule verantwortlich zu sein.

"Skandalös", kommentierte Albert Deml (ökologische Liste) die Argumentation von Josef Haas. Die "einmalige Chance, wieder in den Besitz des Gebäudes zu kommen und unsere geschichtliche Verpflichtung zu erfüllen," dürfe sich der Gemeinderat nicht entgehen lassen. Gerade jetzt gelte es, Position gegen den Ungeist zu beziehen, mahnte Deml. Bürgermeister Andreas Schlund fordert zum Schluss der teilweise emotional geführten Beratung auf, Mut zu haben und zur Verantwortung für die Judenschule zu stehen.
Lesen Sie auch