Bamberg
Archäologie

Eine Scherbe weist den Weg in die Geschichte

Ein Fund am Sonnenplätzchen liefert den Beweis, dass es vor rund 1200 Jahren schon eine Siedlung außerhalb der Domburg gab. Für den Hausherrn Thomas Kraus ist Archäologie mehr Lust als Last.
Stadtarchäologe Stefan Pfaffenberger mit der uralten Scherbe. Foto: Ronald Rinklef
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Wenn sich Thomas Kraus vorstellt, dass ein Mensch vor rund 1200 Jahren das Gefäß formte, von dem er im Keller seines Hauses eine Scherbe gefunden hat, dann ist das für den 49-jährigen Bamberger "absolut faszinierend". Erst von Stadtarchäologe Stefan Pfaffenberger hat er erfahren, welchen Schatz er im Boden unter dem Sonnenplätzchen 1 geborgen hat. Das dunkle und für Laien unscheinbare Stück Keramik stammt aus der Zeit Karls des Großen (768-814). Es sei der erste Beweis für die These der Historiker, dass das frühmittelalterliche Bamberg nicht nur aus der Burg auf dem Domberg bestanden haben kann, sagt Pfaffenberger. Dass es eine Siedlung oder mehrere im Schatten der Domburg gegeben hat, sei schon immer angenommen worden. Der Beleg dafür habe aber noch gefehlt.

Jetzt scheint er vorzuliegen. Der Stadtarchäologe hegt jedenfalls nicht den geringsten Zweifel, dass die bewusste Scherbe aus dem 8. Jahrhundert stammt. Das sei an der Machart eindeutig zu erkennen. Er beschreibt sogar, wie das Gefäß ausgesehen haben muss, aus der das leicht geschwungene Bruchstück stammt: Der Topf hatte demnach eine bauchige Form mit einem schmalen Hals und die Scherbe stammt von der Stelle, wo die Verengung begann. Funde aus karolingischer Zeit machte man in Bamberg nach Angaben Pfaffenbergers bisher nur auf dem Domberg.

Thomas Kraus hört den Erklärungen mit strahlenden Augen zu. Der Archäologe in städtischen Diensten ist schon Stammgast auf seiner Baustelle und freut sich über die positive Einstellung, die der Bauherrn zur Denkmalpflege hat. Es sei schön, wenn jemand die Sanierung als Möglichkeit begreift, die Geschichte seines Hauses weiter zu schreiben. Pfaffenberger kennt es auch anders: "Oft ist eine Sanierung eine Zäsur." Der 49-jährige Kraus dagegen sagt, es mache ihm Freude, die Geschichte seines Anwesens zu erforschen. Einen Zuschuss der Denkmalpflege zu den Mehrkosten, die ihm durch die Grabungen entstehen, würde er nicht ablehnen. Rausgeschmissenes Geld ist das Erfüllen der Auflage für ihn aber keineswegs. Die Entdeckungen machen das Haus für ihn nur noch wertvoller.

Am Sonnenplätzchen hat es der Stadtarchäologe mit einem Bauherrn zu tun, der glaubwürdig versichert, dass es sein Lebenstraum war, ein Denkmal geschütztes Haus in seiner Heimatstadt zu kaufen und mit möglichst viel Eigenleistung zu sanieren. Er habe lange nach einem bezahlbaren Anwesen gesucht. Mit dem ehemaligen Rückgebäude der Judenstraße 9 hat er es offensichtlich gefunden. Die Familie ziehe mit, betont Kraus. Sonst könne man sich nicht auf so ein Abenteuer einlassen. Auch die Zusammenarbeit mit der Denkmalpflege lobt er sehr. Wann immer es seine Zeit erlaubt, geht er Grabungsleiter Claus Vetterling vom Bamberger Büro für Archäologie ReVe zur Hand, berichtet der Bamberger: "So macht es optimal Spaß!"

Was noch zu Tage kommen mag, weiß niemand. Schon die bisherigen Entdeckungen machen die Grabungsstätte für Pfaffenberger zu einem "ganz spannenden Objekt". So wurde im nicht unterkellerten Teil eine gemauerte Brunnenanlage aus dem 12. Jahrhundert gefunden. Brunnen dieser Art gab es in Bamberg viele. Das Besondere an diesem ist für die Bodendenkmalpflege, dass er nie verfüllt wurde. Im Gegenteil: Er weist einen fünf Meter tiefen Wasserspiegel aus und weil es sich um klares Wasser handelt, ist anzunehmen, dass der Brunnen bis heute von Grundwasser gespeist wird, das vom Stephansberg zur nahen Regnitz fließt.

Dass es auf dem Grundstück eine Wasserstelle gab, wusste der neue Eigentümer aus alten Akten. Darin fand er einen Bescheid des Bamberger Magistrats aus dem 19. Jahrhundert. Damals wurden Vorderhaus und Rückgebäude endgültig getrennt; der Stadtrat stimmte nur unter der Bedingung zu, dass der Brunnen für die Bewohner des Hauptgebäudes an der Judenstraße zugänglich bleibt.

Irgendwann wurde der elf Meter tiefe Schacht jedoch abgedeckt und geriet in Vergessenheit. Selbst die vermutlich im Barock montierte Holzkonstruktion zum Aufstecken der Pumpe ist noch vorhanden, berichtet Pfaffenberger. Weil sie im Wasser steht, sei sie auch noch sehr gut erhalten. Kraus will das mittelalterliche Bodendenkmal unbedingt so in das Haus integrieren, dass es sichtbar bleibt.

Die schriftlichen Quellen für das Anwesen Sonnenplätzchen 1 reichen nur bis in die Mitte des 16. Jahrhunderts. Wie viel älter es hinter seinem Erscheinungsbild ist, das zu großen Teilen erst aus dem 17./18. Jahrhundert stammt, belegen neben dem Brunnen und der uralten Scherbe weitere Funde. In den abgetragenen Bodenschichten am Brunnenschacht stießen die Experten auf Reste von Gruben und Pfosten, die sie ebenfalls dem 12. Jahrhundert zuordnen. Zu dieser Zeit könnte es laut Pfaffenberger an der Judenstraße schon eine Steinbebauung gegeben haben, aber hier habe man es wohl eher mit einem Nebengebäude zu tun. Das schmälere aber nicht im Mindesten die Bedeutung der Nachweise am Sonnenplätzchen 1.
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