Seit März singt eine ganze Straße für sich und gegen Corona. Es war die Zeit, als Deutschland in den ersten Lockdown ging, nachdem längst Schreckensnachrichten aus Italien die Welt erschütterten. Für die musikalische Nachbarschaft der Anna-Maria-Junius-Straße war es die Zeit, ein Zeichen der Solidarität über die Alpen zu schicken. Und so sangen und spielten sie alle das italienische Partisanenlied "Bella Ciao" - und trafen damit übers Internet weltweit einen Nerv.

"Europa ist der immerwährende Austausch von Ideen. Dazu konnten wir zumindest auch einen kleinen Beitrag leisten", sagt Johannes Klehr. Der Musiklehrer am E.T.A.-Hoffmann-Gymnasium war sofort dabei, als seine Nachbarn Jürgen Pfister und Mischa Salzmann auf die Idee kamen, ein Video für die Leidtragenden der Corona-Pandemie zu drehen. "Unser Lied ist wirklich einmal um die Welt gegangen, das hätten wir uns nie träumen lassen", sagt Klehr.

3,5 Millionen Mal wurde das Bamberger "Bella Ciao" allein auf der Video-Plattform YouTube angeschaut - große europäische Zeitungen und italienische Minister teilten den Clip. "Das Video kam in einer Zeit, wo Italien so etwas gebraucht hat", erinnert sich der Musiklehrer. "Und es hat auch einiges von der antideutschen Stimmung herausgenommen, die damals wegen des Streits um Finanzhilfen für Italien entstanden ist."

Immer wieder sonntags

Klehr ist bis heute eine der musikalischen Triebfedern und auch Mit-Garant dafür, dass die Arrangements stimmig sind. Wobei die Grundvoraussetzungen von Anfang an gut waren: "Die ganze Straße ist schon sehr musikalisch." Neben Musikern gibt es technisch und medial versierte Nachbarn - und vor allem viele, die einfach gern singen.

Auch nach dem "Bella Ciao"-Erfolg haben die musikalischen Bamberger einfach immer weiter gesungen, anfangs täglich, inzwischen wöchentlich. Sonntags um 18 Uhr ist mittlerweile ein gesetzter Termin für das gemeinsame Sing-Ritual. In der Regel geht es immer mit Beethovens Ode an die Freude, der Europahymne, los. Eine halbe Stunde später endet die Runde mit einem vierstimmig gesungenen "Abendstille". Dazwischen Volkslieder, politische Songs, Beatles, Udo Jürgens oder Police - und zur Zeit eben auch Weihnachtliches.

Vor dem nahenden Fest ist nun das neue Video entstanden: "Adeste Fideles" soll nach dem Wunsch der Nachbarn an Heiligabend um 22 Uhr von möglichst vielen Menschen gesungen werden. "Damit haben wir ein Weihnachtslied gefunden, das in allen Sprachen Europas existiert. An Heiligabend stellen auch wir uns wieder an die Fenster und werden es singen", kündigt Klehr an.

Und so hat der Chor aus der Anna-Maria-Junius-Straße den Text in Latein, Italienisch ("Venite Fedeli"), Deutsch ("Herbei, all ihr Gläubigen"), Englisch ("O come, all ye faithful") und dank CSU-Stadtrat You Xie auch in Chinesisch ("Tchi Lai, Chong Hsin Sheng Tu") eingeübt. Eigentlich sollte es zudem am 24. Dezember eine kleine Andacht in der Straße geben, aber die musste das Ordnungsamt "schweren Herzens" ablehnen. Stattdessen ist nun ein "virtueller gemeinsamer Weihnachtsgottesdienst" und Gesang aus den Fenstern vorgesehen. Und Johannes Klehr wird sein Klavier wieder in den Hausflur stellen, um "Adeste Fideles" zu spielen und zu singen.

Insgesamt sind es 14 Häuser mit 30 Bewohnern, die regelmäßig mitmachen. Auch Mischa Salzmann von Radio Bamberg zählt zu den Sängern der ersten Stunde: "Das schafft wirklich ein Gemeinschaftsgefühl." Salzmann macht sich jedoch keine Illusionen, dass das Weihnachtslied ein ähnlich großes Echo erzielen könnte wie "Bella Ciao".

Aber darum geht es den Bewohnern der Anna-Maria-Junius-Straße auch nicht. Sie konnten Spenden für einige wohltätige Projekte sammeln, ihre Nachbarschaft trotz Corona vertiefen und neue Freundschaften knüpfen. So ist im nächsten Jahr die ganze Straße zu einem Kultur-Festival nach Rimini eingeladen, ein Radler aus Bergamo wollte die Sänger aus dem Video ebenso kennenlernen wie ein italienischer Schauspieler, der auf der Durchreise zu den Lofoten in Bamberg stoppte.

Polizei hat nichts zu beanstanden

Dass das musikalische Treiben offenbar nicht jedem in der Nachbarschaft gefällt, haben allerdings schon mehrere Polizei-Besuche gezeigt. Auch beim Video-Dreh standen Beamte vor der Tür. "Aber die waren wirklich freundlich und hatten nie etwas zu beanstanden", sagt Salzmann. "Wir haben alle auf unseren eigenen Grundstücken gesungen, mit sechs bis zehn Metern Abstand zu den anderen." Salzmann bedauert wie Klehr, dass sich nie jemand persönlich beschwert hat, sondern immer gleich die Polizei gerufen wurde. "Und die müssen dann kommen, auch wenn sie unsere Aktion eigentlich gut finden."

Für Klehr ist das "die andere Seite von Corona". Aber seine Nachbarn würden sich auch weiter an die Regeln halten - und weitersingen. "Das ist das, was die Menschen brauchen." Und das gelte auch noch, wenn Corona vorbei sei.

"Wir als Gesellschaft müssen unsere kulturellen Wurzeln kennen, um auch andere wahrzunehmen und zu sehen, wie viel von unserer Kultur aus anderen Ländern stammt", ist der Musiklehrer überzeugt. Anfang September möchte Klehr mit seiner zwölfköpfigen Soulband und allen singenden Nachbarn nach Bergamo und Rimini reisen. Bis dahin singen sie weiter besseren Zeiten entgegen.