Die Feierlichkeiten zu Saga Dawa sind vorbei. Alltag kehrt ein in Dharamsala. Geschäfte und Büros sind wieder geöffnet. Wolfgang Grader und ich besuchen das Tibetan Reception Center (TRC) von Dharamsala. Das TRC gilt als erste Anlaufstelle für tibetische Flüchtlinge. Das Auffanglager ist für 500 Personen ausgelegt. Derzeit sind nur zwei Flüchtlinge hier. "Die Grenzen sind aufgrund der Selbstverbrennungen in Tibet dicht", vermutet Mingyur Youdon, stellvertretende Direktorin des TRC. "Ende der Woche erwarten wir jedoch 18 Flüchtlinge aus Nepal."

Finanziert wurde der Neubau des TRC aus Spendengeldern. Die Ausstattung beeindruckt mich. 500 Betten, große Küche mit Speisesaal, ein Krankenhaus. "Viele Flüchtlinge kommen mit starken Erfrierungen hier an," erzählt die Stellvertretende Direktorin.
"Die Flucht über die schneebedeckten Gipfel des Himalaya fordert Opfer."
Das Krankenhaus wurde mit Hilfe der Bamberger Bevölkerung gebaut. Drei Geschäftsfrauen aus Bamberg sammelten 2008, zur Zeit der großen Unruhen in Tibet, das Geld für den Bau. Den Kontakt zum TRC vermittelt die Tibet Initiative Deutschland.

Chonga Gyaltsen war als Elfjähriger im Gefängnis


In der Nähe des TRC gibt es ein Internat für Jugendliche und junge Erwachsene aus Tibet. Dort treffen wir Chonga Gyaltsen. Der 21-Jährige lebt seit einem Jahr hier.

Sein Großvater erklärt ihm im Alter von zehn Jahren die politische Situation in Tibet. Schon als Kind wünscht er sich Redefreiheit und die Rückkehr des Dalai Lama nach Tibet. Und er spricht das laut aus. Es folgen acht Jahre Haft. Als gerade mal Elfjähriger kommt er als jüngster Insasse in das größte Gefängnis des Landes. Seine Familie darf ihn in den acht Jahren nur zweimal besuchen. Auch er wird gefoltert und geschlagen. Tiefe Narben an Kopf und Händen zeugen davon. Sein Zellengenosse überlebt die Schläge nicht.

In Ketten muss er täglich von morgens bis spät in die Nacht Zwangsarbeit verrichten. Am Webstuhl. "Sie haben uns wie Tiere behandelt," erzählt Chonga. "Die Wärter benutzten sogar den Spitznamen "Monjung" für die tibetischen Häftlinge. Eine Art Yak," sagt der aus dem Distrikt Kham Kardze stammende junge Mann. Durch Folter, Zwangsarbeit und schlechter Versorgung geschwächt, ist Chonga häufig krank. Doch er hat Angst, Medikamente von den chinesischen Wärtern anzunehmen. Gerüchte gehen im Gefängnis um, dass politische Gefangene schon vergiftet wurden. Wie man eine solche Tortour acht Jahre überleben kann, ist mir schleierhaft.

Aber auch nach der Haftzeit werden politische Gefangene anders behandelt als Gewöhnliche. Zurück in seiner Heimat, muss er sich ebenfalls wöchentlich bei der chinesischen Polizei melden. 2011 gelingt ihm die Flucht. In Indien fühlt er sich heute frei. " Er hat viel durch gemacht," sagt Gelek Wangyal, sein Englischlehrer. Oft ist Chonga unkonzentriert, kann sich nichts merken. Der Lehrer führt das auf die Schläge gegen den Kopf zurück. Vielleicht lassen ihn die Erinnerungen aber auch einfach nicht los. Nach Abschluss der Schule, will sich Chonga für die tibetischen Organisationen in Indien einsetzen. Auch er hofft weiterhin, dass Frieden in seiner Heimat einkehrt und das Land von der chinesischen Besetzung befreit wird.