Roschlaub
Erzählung

Ein Königsgrab im Wald bei Roschlaub?

In dem Scheßlitzer Stadtteil hat sich eine mündliche Überlieferung erhalten, die zur großen Bedeutung des Reisberges während der Völkerwanderungszeit passen würde. Roschlaub ist vermutlich eine Burgunder-Siedlung.
Am Ortsrand von Roschlaub zweigt bei einer kleinen Kapelle der Weg nach Kleukheim ab und führt weiter am Wald entlang. Befindet sich hier ein Königsgrab? Foto: Barbara Herbst
"Die alten Roschlauber haben bei verschiedenen Anlässen darüber gesprochen, dass sich im Wald rechts vom Weg in Richtung Kleukheim ein kleiner Hügel befindet, in dem ein König begraben liegt, der im Kampf gefallen ist." Die Geschichte hat sich Hanne Schneider, die in Roschlaub aufgewachsen ist, offenbar gut eingeprägt. "Auch meine Mutter und meine Großmutter haben davon gesprochen", erinnert sie sich. Vergessen hat sie die mündlichen Überlieferungen ihrer Lebtage nicht, und für sich behalten wollte sie sie auch nicht, als sie von der Möglichkeit gelesen hat, dass die Festungsanlage aus der Völkerwanderungszeit auf dem Reisberg zum Zeitpunkt ihrer Zerstörung vermutlich eine Burgunder-Festung war.

Damit wäre der König, der hier ums Leben kam, aber wohl ein ziemlich prominenter. Denn das Landesamt für Denkmalpflege datiert die Zerstörung der "Rinsburg", wie sie noch um das Jahr 1400 genannt wird, auf "nicht später als attilazeitlich", also nicht später als etwa um 450 nach Christi Geburt. Das Burgunder-Gebiet reichte damals von Worms und Speyer bis an den oberen Main, befand sich allerdings zwischen dem römischen Imperium und dem Machtbereich des Hunnenkönigs in der Gefahr, wie zwischen zwei Mühlsteinen aufgerieben zu werden.

Gäbe es also ein Königsgrab bei Roschlaub, könnte hier eigentlich nur ein König bestattet worden sein, der auf der "Rinsburg" - dem Reisberg - im Kampf getötet wurde: der Burgunderkönig Gunter. Verbrieft ist, dass er nach 415 das Burgunderreich regierte, wie lange, das weiß man nicht so genau. Aber so häufig kam es auch wieder nicht vor, dass ein König im Kampf bei Roschlaub sein Leben ließ. Die einzige Möglichkeit liegt eigentlich in der Zeit zwischen 420 und 450, als der Reisberg nach den Forschungsergebnissen des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege eine überragende Bedeutung besaß und zerstört wurde. Teile des Burgunderreiches standen danach unter hunnischer Oberhoheit. Ein weiteres Indiz dafür ist die Zuordnung der Ortsnamen Roschlaub - ebenso wie Stübig und Pauster - als Burgunder-Siedlungen durch den Bamberger Namensforscher Joachim Andraschke. Auch die Bezeichnung Rinsburg (= Grenzburg) ist germanisch.

Was aber weiß man beim Landesamt für Denkmalpflege darüber? Der Reisberg-Experte in München ist Jochen Haberstroh, der in den 1980er Jahren selber die ersten Ausgrabungen auf dem "Schlappenreuther Berg" geleitet hat. "Bekannt ist nur ein möglicherweise mittelalterlicher Turmhügel östlich von Rosch laub, das würde nicht zur Lageangabe in Richtung Kleukheim passen", sagt Haberstroh. Allein die mündliche Überlieferung sei in solchen Fällen aber oft zweifelhaft. Die Bestattung in Hügelgräbern sei für diese Zeit zwar nicht grundsätzlich auszuschließen, aber sehr unwahrscheinlich und in Oberfranken bislang nicht nachgewiesen (ähnlich äußert sich Joachim Andraschke).

Dass aber auf dem Reisberg prominente Leute gelebt und regiert haben müssen und hier auch bestattet wurden, belege das Fürstengrab in der Scheßlitzer Kohlstatt mit seiner in Germanien durchaus prominenten Ausstattung aus der Zeit um 400 sehr gut, sagt Haberstroh. In einem Erdgrab war hier ein Herrscher des elbgermanischen Volkes der Sueben beigesetzt worden, die vor den Burgundern auf dem Reisberg saßen und die Festungsanlage vermutlich erbauten, bevor sie weiter nach Spanien zogen. Ethnische Zuordnungen wären aber auch mit großformatigen Ausgrabungen problematisch.

Im Nibelungenlied, dessen Dichter nach eigener Aussage weite Teile seiner Handlung aus mündlicher Überlieferung bezieht, findet sich kein Hinweis auf die posthumen Geschehnisse des Burgunderkönigs Gunter und seines Waffenmeisters Hagen von Tronje. "Was danach geschah, weiß ich nicht", sagt der Dichter lapidar, nachdem Gunter und Hagen getötet sind. Was hätte Walther von der Vogelweide auch sagen sollen? Nachdem er selbst das Geschehen aus dramaturgischen Gründen in "Attilas Burg" verlegt hatte, konnte er wohl schlecht ein paar wackere Burgunder aus Roschlaub ins Bild laufen lassen, um den Leichnam König Gunters für ein recht profanes Begräbnis abzuholen.

Zu Lebzeiten des Dichters dürfte der wahre Ausgang des Geschehens in der Bevölkerung auch durchaus nicht unbekannt gewesen sein. Andererseits ist es unwahrscheinlich, dass die Geschichte hier ein so abruptes Ende gefunden haben sollte. Eine Bestattung etwas abseits der todbringenden Festung und in Sichtweite der verbliebenen burgundischen Untertanen aber wäre eine vorstellbare Szenerie. Leider ist davon durch die überlagernde Dichtung nichts mehr bekannt. Außer vielleicht in den Erinnerungen von Roschlaub.
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