Scheßlitz
Privileg

Ein Fischrecht aus unbekannter Zeit

Alle im Main zwischen Kemmern und Ebensfeld (Landkreis Lichtenfels) gefangenen Fische sind zuerst auf dem Scheßlitzer Markt anzubieten.
Albin Amschler angelt im Main bei Zapfendorf. Der passionierte Petrijünger ist seit vielen Jahren Mitglied beim Sportfischerverein Bamberg, der das Fischrecht von der Stadt Scheßlitz gepachtet hat. Foto: Sportfischerverein
Selbst manche Historiker reiben sich verwundert die Augen. Scheßlitz hat ein Fischrecht im Main? Etwas ganz und gar Ungewöhnliches ist dieses Privileg für eine Stadt, die vom Fluss der Franken so weit entfernt ist, dass keine Angel dahin reicht. Und doch ist es so - die Stadt Scheßlitz hat das Fischrecht im Main von Kemmern bis Oberbrunn bei Ebensfeld, das sind immerhin 17 Flusskilometer. Und dürfte damit eine absolute Ausnahme sein, denn sonst liegen solche Rechte nur bei Kommunen respektive Fischerzünften am Fluss.

Die Wurzeln dieser Besonderheit liegen im Dunkel der Geschichte. Der Historiker Thomas Gunzelmann vom Landesamt für Denkmalpflege in Seehof hat die Entwicklung zurückverfolgt. Etwa alle 30 Jahre, also zumindest einmal in jeder Generation, hat Gunzelmann herausgefunden, zogen die Scheßlitzer zu fürstbischöflichen Zeiten nach Zapfendorf, um ihr Fischrecht in feierlicher Weise (Gunzelmann: "Pomp and circumstance") zu bekräftigen. Mit den dortigen Fischern, die die Fische zu fangen und zuerst auf dem Scheßlitzer Markt anzubieten hatten, gab es jeweils eine feierliche Flussbefahrung bis zu den Grenzen. Ähnlich der Flurumgänge, mit denen die Flurgrenzen eines Ortes von Generation zu Generation weitergereicht wurden.

Ein Bericht von 1794 erzählt, wie die Scheßlitzer feierlich zum Main nach Zapfendorf zogen und ihre Rechte geltend machten, wie sie es schon seit "unfürdenklichen Zeiten" kannten. Solche Aktionen fanden nachweisbar 1669 und dann in einem regelmäßigen 30-jährigen Abstand 1734, 1764, 1794, 1824 und 1854 statt. Voran ritt der amtierende Bürgermeister Johann Georg Hügerich mit dem Jurispraktikus Friedrich Wachter von Scheßlitz. Danach erschien "eine große Bande Feldmusik aus Scheßlitz mit Maschen auf den Hüten, sodann der jüngere (also zweite) Bürgermeister Martin Molitor, ebenfalls beritten als Kommandierender des Schützenkorps... und der Fähndrich Lorenz Scheublein mit fliegender Fahne, nun das Schützenkorps zu Fuße auch mit Maschen auf den Hüten zu 35 an der Zahl und mehrere gemeine Bürger, sämtlich mit Rohren in der Hand zu 24 an der Zahl."

Dreimalige Salve


Weiter heißt es im Text: "Noch geendigten öffentlichen Reden ging der Zug unter klingendem Spiele bis an die Ufer des Mains, wo die beiden Korps eine 3malige Salve gaben. Jetzt stunden 4 Fischerkähne bereit um ihre Gerechtsamen nach vorher an das hochfürstliche Kastenamt Baunach ergangener Notification bis an die Kemmerner Martersäule und aufwärts gegen Norden bis an den Brunner Stein gemäß des Besitzstandes ihr Fischrecht zu behaupten."

Woher aber nahmen die Scheßlitzer das Recht zu solchem Tun? Thomas Gunzelmann verweist darauf, dass Zapfendorf bis 1685 zur Pfarrei Scheßlitz gehörte und es da historische Bindungen geben könne. "Allenfalls ließe sich das Recht aus einer Zeit ableiten, in dem Scheßlitz ein Mittelpunkt der Landesherrschaft dieses Mainabschnitts war", folgert er. Doch schon zu fürstbischöflich-bambergischer Zeit wäre dies zumindest schwierig gewesen.

Also noch früher, vielleicht lange bevor Bamberg oder die Babenberger zu Einfluss kamen? "Dieses Fischrecht scheint etwas ganz Altes zu sein", meint auch der Historiker Joachim Andraschke. Darauf weise schon die Formulierung "aus unvordenklichen Zeiten" hin. Zu Zeiten der fränkischen Merowinger im sechsten Jahrhundert zum Beispiel sei "noch nichts aufgeschrieben" worden, doch an eine Entstehung des Rechts zu fränkischen Zeiten glaubt Andraschke nicht - zu wenig bedeutend war Scheßlitz damals für ein solches Privileg. "Mein Favorit ist die Zeit, als der Reisberg bei Scheßlitz stark befestigt und ein bedeutendes Zentrum in Süddeutschland war", mutmaßt Andraschke. Hier verlief im fünften Jahrhundert die Ostgrenze des Burgunderreiches - nicht mehr und nicht weniger. Haben die Scheßlitzer ihr Fischrecht also von den Königen von Burgund? Die waren damals die "Macht am Main" und ergo zuständig, und Zapfendorf war der Ort mit der kürzesten Entfernung von Scheßlitz zum Fluss, sagt Andraschke. In jedem Fall haben die Scheßlitzer ihr Fischrecht in Ehren gehalten.
Lesen Sie auch