"Sie warf die reichen rabenschwarzen Locken nach hinten" oder "Die Pflicht gebietet mir, der Schlange das verderbliche Gift zu nehmen": Das sind Sätze mit einem geradezu unfassbar hohen Kitschfaktor. Der sie verbrochen hat, ist, genau, Karl May. Unser Karl May alias Old Shatterhand alias Kara Ben Nemsi. Die meisten Leser des sächsischen Fantasten werden nicht bis zu den höheren Zahlen der "Gesammelten Werke" vorgedrungen sein, aus denen dieser Schmalz stammt. Es ist der ganz frühe May, der in noch unbeholfenen Dorfgeschichten und Ritterschmonzetten seine Feder schliff.

Ausgerechnet in diesen trüben Gewässern fischte Rainer Lewandowski, der für die Calderón-Spiele zwei Erzählungen dramatisierte und zusammenfügte: "Der Samiel" und "Der Falkenmeister", eigentlich "Die Rose von Güntersberg", beide leicht nachzulesen in dem voriges Jahr erschienenen Karl-May-Lesebuch. "Von Zeit zu Zeit" springt die Inszenierung (Georg Mittendrein) in der Tat. Die krude Wilderer- und Liebesgeschichte des "Samiels" spielt im 19. Jahrhundert, der eingedampfte Ritterroman des "Falkenmeisters" um 1410, übrigens laut Vorlage in Preußen. Zusammengehalten werden die disparaten Handlungsstränge durch einen Erzähler. Das ist Karl May (Gerald Leiß) selbst, dessen Schreibpult kurz vor den Sitzreihen in der Alten Hofhaltung thront. Und der hat viel zu tun. Unentwegt kommentiert er, erfindet neue Sätze und Wendungen, tummelt sich gar in der Szenerie.

Nicht Fisch, nicht Fleisch

Also springt das Stück hin und her zwischen den Rittern, Fantasierittern selbstredend, und dem Dorf des 19. Jahrhunderts. Greift im Spätmittelalter Henning von Wedel auf Friedland (Florian Federl) zu einer List, um dem Töchterlein Brunhilde (Sybille Kreß) des Erzfeinds Simon von Güntersberg (Eckhart Neuberg) näherzukommen, so enttarnt der edle Jüngling Hermann im "Samiel" den bösen Wilderer, mit dem es ein böses Ende nimmt, und führt die Försterstochter Pauline (Ulrike Schlegel) heim, nun mit ihrem Vater Kuno Wildach (Volker J. Ringe) versöhnt. Je länger man das schröckliche Geschehen verfolgt, desto drängender wird die Frage: Müssen's unbedingt zwei sein? Hätte eine Geschichte Mays, der sich zu dieser Zeit als Zeilenschinder verdingen musste und elenden Fusel, handwerklich bis ins Lächerliche unbeholfen, für unterste Leserschichten produzierte, nicht gereicht?

Man hätte sich rückhaltlos zum Kitsch bekennen und ihn so inszenieren können. Man hätte aus dem Stoff eine Farce machen können. Stattdessen ist diese Inszenierung nicht Fisch, nicht Fleisch. Sie leistet sich manche Ironie, wenn der trefflich aufspielende Gerald Leiß intoniert "Ein schwerer Tropfen fiel aus ihrer Wimper" oder Florian Walter als der tölpelhafte Ritter Janeke von Stegelitz umhertaumelt, bleibt aber halbherzig und unentschieden. Ja, mit dem Waffenmeister Elias Siebenhaut (Patrick L. Schmitz) hat May schon einen Proto-Sam-Hawkins geschaffen, und ist Hermann (Felix Pielmeier) nicht ein ganz junger Old Shatterhand? Dies sind Gedankenspiele am Rande für den gealterten May-Fan.

Wenig subtil

Das komplett eingesetzte Ensemble gibt sich Mühe. Doch das wortreiche Eingreifen des Schriftstellers stört den Handlungsfluss. Das Umschalten von einer Geschichte, einer Szenerie in die andere, durch die Kostüme schon deutlich signalisiert (Ausstattung Jens Hübner), wirkt künstlich. Wir Zuschauer verstehen schon, was vor sich geht, und brauchen niemanden, der uns an die Hand nimmt. Wir brauchen keine Metaebene und so eine Art V-Effekt bei diesem Stoff schon gar nicht. Man erwartet in der Hofhaltung keineswegs, dass die darstellende Kunst neu erfunden wird, aber ein bisschen was für Auge wäre schön gewesen.

Vorbei die Zeiten, in denen das Freiluft-Spektakel Gags wie Zigeunerlager oder feuerspeiende Drachen bot. Ist unser Theater so arm geworden? Da können einige Wirtshaus- und Kampfszenen - Nadine Panjas singt als Wirtin zum Schifferklavier Franz Trögers, immerhin - wenig Trost spenden. Auch nicht verfremdete Zitate aus einem von Karl May komponierten "Ave Maria". Halt, zwei leibhaftige Pferde tragen Fräulein und Ritter. Hatatitla und Iltschi? Mitnichten. Zuletzt wenigstens tönt die Melodie der Winnetou-Filme. Schön wär's gewesen.