Der musikalische Martin Luther führte sozusagen Regie in diesem Gottesdienst am Reformationstag. In der voll besetzten Erlöserkirche erklangen gleich sieben Lutherlieder: "Das ist harter Tobak", meinte zunächst Regionalbischöfin Dorothea Greiner, die im zentralen Abendmahlsgottesdienst für das evangelisch-lutherische Dekanat die Festpredigt hielt.

Mit dem Tobak meinte sie allerdings nur die fast 500 Jahre alten Texte und Melodien. Denn das Singen von Dank-Liedern passe zum Themenjahr 2012 "Reformation und Musik" im Rahmen der Lutherdekade bis 2017.

Schließlich sei die Reformation auch singend geschehen: "Singend zog der evangelische Glaube ein. Das Christuswort erklang in Wort und Gesang", erklärte die Bischöfin mit einem Rückgriff auf eine Geschichte aus den Zeiten Luthers, in denen den "Altgläubigen" eine Lehre mit Liedern gefährlich erschien. Luther habe "Hauptstücke des Glaubens" eben nicht nur mit Worten erklärt: "Er war der Überzeugung, dass das Gesungene besser im Kopf haftet und tiefer ins Herz dringt", sagte Greiner.

Dafür, dass Kopf und Herz im Gottesdienst auch heutzutage gleichermaßen mitspielen, sorgten der Kantatenchor der Erlöserkirche und der Dekanats-Posaunenchor unter der Gesamtleitung von Dekanatskantor Martin Wenzel. Posaunen und Schlagzeug mischten sich mit dem kräftigen Gemeindegesang, bei dem "Ein feste Burg ist unser Gott" nicht fehlen durfte.


Mit oder trotz dieser typisch lutherischen Hymne hieß Hausherr Pfarrer Günther Schardt besonders die Katholiken in der Kirche willkommen. Sie konnten sich durch das Taufgedächtnis im Gottesdienst angesprochen fühlen, denn nach den Worten Schardts gelte ja "ein Herr, ein Glaube, eine Taufe".

Bei aller dargebotenen Musikalität nutzte die Regionalbischöfin den Reformationsgottesdienst aber auch zur evangelischen Positionsbestimmung.
"Mit Luther" schaute sie kritisch auf die Gegenwart. Sie habe den Eindruck, so Greiner, dass das Wort Christi, das Evangelium zurücktrete: "Wir reden gegenwärtig viel von Gott und wenig von Christus", beklagte Greiner. Das Christuswort zu lehren heiße aber auch, von Christus zu sprechen. Das Christuswort unterscheide von anderen Religionen, mit denen "wir doch Frieden wollen". Gerade der Glaube an Jesus Christus, der die Liebe zu Menschen anderer Religionen gelehrt habe, lasse den Frieden mit ihnen suchen.

An diesem Punkt warf Greiner einen kritischen Blick auf Luther. Er habe gegen Juden zu wettern begonnen, als sie sich trotz seines Werbens nicht zu Christus bekehrten. "Doch enttäuschte Liebe soll nicht in Hass umschlagen, da müssen wir Luther mit dem Christuswort entgegentreten", forderte sie. Gerade im kommenden Jahr "Reformation und Toleranz" sollten bewusste Lutheraner "mutig die Schattenseite Luthers anschauen, mit der er selbst den Kern des von ihm neu entdeckten Evangeliums verfehlt hat".