Im Erzbistum Bamberg gibt es Kritik am Umgang mit Priestern. Es ist von bischöflicher Willkür die Rede.
Unter vielen Geistlichen im Erzbistum Bamberg herrscht schlechte Stimmung. Regelrechte Verärgerung. Nicht, weil immer weniger Gläubige in die Kirche kommen - daran hat man sich inzwischen gewöhnen müssen. Nein, weil sich viele Pfarrer von der Bistumsleitung im Stich gelassen fühlen, bevormundet vorkommen. Erst der Missbrauchsskandal und die damit verbundenen gesellschaftlichen Anfeindungen, jetzt auch das noch. Willkür herrsche, erklärt ein Geistlicher, der natürlich namentlich nicht genannt werden möchte. Personalentscheidungen würden nur noch vom Erzbischof getroffen, die dafür an sich zuständigen Stellen im Ordinariat wären zu reinen Befehlsempfängern degradiert. Von einem "Bischof gnadenlos" ist da die Rede.

Versetzungsordnung in Bamberg

Zwei Beispiele werden genannt. So habe man einem Pfarrer nach 20-jähriger Dienstzeit in einer Gemeinde mitgeteilt, dass man seine Versetzung wünsche. Der wollte jedoch nicht. Berief sich auf seine kanonische Installation ins Amt. In Can. 522 heißt es: "Der Pfarrer muss Beständigkeit im Amt besitzen und ist deshalb auf unbegrenzte Zeit zu ernennen." Eine kirchenrechtlich durchaus starke Position, die die Pfarrer da innehaben, erklärt der emeritierte Kirchenrechtler Alfred Hierold. Andererseits könne der Bischof auf eine Versetzung drängen, "wenn das Heil der Seelen oder die Notwendigkeit oder der Nutzen der Kirche es erfordern". (Can.1748)
Fälle, in denen sich ein Pfarrer gegen seine Versetzung wehrt, können in Bamberg seit einigen Jahren mit Hilfe einer Versetzungsordnung geklärt werden. Diese Ordnung ist zwar unter Kirchenrechtlern umstritten, im Erzbistum jedoch in Kraft und anzuwenden, wenn es notwendig ist. Um Willkür auszuschließen, ist der Priesterrat beratend in das Verfahren miteinzubeziehen, heißt es.

Der Moderator oder auch Sprecher dieses Priesterrats, Stephan Alexander, erklärt, er habe keine Kenntnis von einem Verfahren gegen einen Geistlichen des Erzbistums. Der Priesterrat sei ein reines Beratungsgremium, das nur gehört werde und sich auch nicht mit Einzelfällen beschäftige. Alexanders Stellvertreter Christoph Uttenreuter wollte sich zwar auch nicht äußern, vermochte sich jedoch immerhin daran zu erinnern, von dem Verfahren gegen einen Priester der Diözese im Protokoll der letzten Priesterratssitzung gelesen zu haben. Es soll den Priesterrat in seiner nächsten Sitzung beschäftigen - offenkundige Ungereimtheiten.

In Rom gegen Amtsenthebung gewehrt

In Bamberg ging man inzwischen anders vor. Es wurde kein Versetzungsverfahren, sondern gleich ein Amtsenthebungsverfahren eingeleitet. Nach Meinung Hierolds ein "ungewöhnlicher Vorgang", da Suspensionsverfahren in der Regel nur dann eingeleitet werden, wenn einem Geistlichen schwere Verfehlungen vorgeworfen werden. Kein Wunder also, dass sich der Betroffene wehrte, seinen Fall bei der Kleruskongregation in Rom vortrug. Die hat inzwischen auch reagiert, in der Sache jedoch keine Entscheidung getroffen. Unter Berufung auf einen Formfehler - eine nicht eingehaltene Frist - wurde die Angelegenheit zu den Akten gelegt. Offenbar um größeren Schaden zu vermeiden.
Das Bistum hatte inzwischen längst gehandelt. Dem Pfarrer wurde die Pfarrei entzogen, ein Administrator eingesetzt. Das Suspensionsverfahren war angeblich auch damit begründet worden, der Geistliche lösche abends das ewige Licht in der Kirche und entzünde es am nächsten Morgen wieder - aus Sorge, die Kirche könne abbrennen. Abends sperre er sich im Pfarrhaus ein. Kurz vor Weihnachten sei der Geistliche schriftlich aufgefordert worden, das Pfarrhaus zu räumen. Andernfalls drohte man angeblich mit einer zivilen Räumungsklage. In dieser Form dürfe man nicht mit Mitbrüdern umgehen, heißt es von Seiten Geistlicher. Der jeweiligen Persönlichkeit werde von der Bistumsleitung in keiner Weise mehr Rechnung getragen.

"Mit Engelszungen geredet"

Der im Bistum an sich für das geistliche Personal zuständige Domkapitular Hans Schieber betonte, dass es sich hier um einen Einzelfall handle, man mit Engelszungen geredet habe - alles ohne Erfolg.
Ein Einzelfall? Einem anderen Geistlichen wurde mitgeteilt, er solle neben seiner angestammten Pfarrei zwei weitere übernehmen. Die Personalnot sei eben so groß. Der Pfarrer weigert sich schließlich, die zusätzlichen Aufgaben zu übernehmen. Auch mit dem Hinweis, die Pfarreien seien 20 Kilometer von seiner derzeitigen Gemeinde entfernt. Er weist auf seinen Gesundheitszustand hin, legt ein Attest vor, von einem Amtsarzt bestätigt. Die Bistumsleitung legt ihm die Daumenschrauben an. Entweder vorzeitiger Ruhestand bei Kürzung der Bezüge um 25 Prozent und sofortiges Verlassen des Pfarrhauses, oder ein Verbleib im Amt wie bisher, aber bei Kürzung der Bezüge um 15 Prozent. Der Betroffene erklärt unserer Zeitung gegenüber, er habe sich schließlich für die letzte Variante entschieden. Eine andere Wahl blieb ihm wohl auch nicht. Ein christlicher Umgang mit einem Mitbruder sehe anders aus, befinden die Kritiker der Bistumsleitung.

Der Eindruck, hier herrsche bischöfliche Willkür, wird dadurch verstärkt, dass in den letzten Jahren immer wieder eine Reihe von Pfarrstellen gar nicht mehr ausgeschrieben, sondern vom Bischof direkt mit einem favorisierten Kandidaten besetzt worden seien. Ein Domkapitular räumt ein, dass hier nach außen der Eindruck entstehen könne, es handle sich um eine einsame Entscheidung des Bischofs.

Eine Praxis, die Hans Schieber im Wesentlichen bestätigte. Versehen mit der Einschränkung, dass die übliche Praxis der Stellenausschreibung zusehends hinterfragt werden müsse. Weil oft schon bei der Ausschreibung feststehe, dass es für einzelne Pfarreien - insbesondere im ländlichen Bereich - gar nicht zu Bewerbungen kommt. Ausdruck der immer verzweifelter werdenden Personallage. Schieber weiß, dass in den nächsten Jahren eine Ruhestandswelle über ihn hereinbrechen wird. Wenn die Zahl der Geistlichen weiter abnehme, bleibe nur eine weitere Vergrößerung der Seelsorgebereiche. Eine Lösung, die die katholischen Geistlichen noch stärker fordern würde als dies jetzt schon der Fall ist. Weshalb sich viele Geistliche zunehmend auch deshalb gegen eine Versetzung wehren. Weil sie nicht wissen, welche zusätzlichen Aufgaben sie sich mit einer neuen Pfarrei einhandeln.

In anderen Bistümern weniger Druck

Andere Bistümer gehen mit der Personalnot anders um. Beispiel Würzburg: Wie aus Ordinariatskreisen verlautet, habe man in der Regel in Versetzungsfragen keine größeren Probleme. Was daran liegt, dass es nach zehn oder zwölf Jahren nicht automatisch zu Versetzungen kommt. Zwar wären nach zehn Jahren Versetzungen wünschenswert, und zwar im Interesse der Gemeinde wie der beruflichen Entwicklung des Priesters. Es gelte aber immer die jeweilige Situation zu berücksichtigen. Der Würzburger Generalvikar Karl Hillenbrand hält eine Versetzung gegen den Willen eines Pfarrers kirchenrechtlich nur in ganz klar definierten Ausnahmefällen für möglich. Er persönlich halte wenig von Zwang, weil eine bestimmte Grundmotivation als Voraussetzung für eine Versetzung vorhanden sein sollte. Sonderregelungen mit unmittelbarer Besetzung durch den Bischof gibt es in Würzburg nach Aussage des Bistumssprechers Bernhard Schweßinger nicht.

Auch die Erzdiözese München geht mit dem Problem der Besetzung von Pfarrstellen anders um, wie Pressesprecherin Karin Basso-Ricci erklärt. Hier werden die Pfarreien seit zwei Jahren nicht mehr ausgeschrieben. Dem für das pastorale Personal Zuständigen im Ordinariat sind zwei Geistliche zugeordnet. Letztere sind ständig in den Seelsorgeregionen des Bistums unterwegs und halten Kontakt zu den Pfarrern. Sie werben um Verständnis für notwendige Versetzungsmaßnahmen und haben damit scheinbar Erfolg. Bei allen anstehenden Entscheidungen bemühe man sich darum, die Geistlichen mitzunehmen, heißt es.

Suspensionsverfahren unbekannt

Auf die Frage, wann es das letzte Suspensionsverfahren in Würzburg oder München gegeben habe, kann keiner der Befragten eine Antwort geben. Das sei zu lange her.
Um eine Stellungnahme zu den Vorwürfen gebeten, ist von der Pressestelle des Bamberger Ordinariats zu erfahren, dass für die Besetzung von Stellen in der Seelsorge einzig und allein pastorale, gemeindliche und personelle Gründe ausschlaggebend seien. Versetzungen fänden immer unter Einbeziehung der Betroffenen statt. Der Priestermangel mache manchmal allerdings schwierige Entscheidungen notwendig. In den beiden angesprochenen Fällen sei es inzwischen zu Lösungen gekommen. Der nicht versetzungswillige Pfarrer werde sich nun doch versetzen lassen. Und der Priester, dessen Gehalt gekürzt werde, habe sich schriftlich bei der Bistumsleitung für die jetzt gefundene Lösung bedankt.

Kanonisches Recht

Bedeutung
Das kanonische Recht ist das Kirchenrecht der römisch-katholischen Kirche des lateinischen Ritus sowie der katholischen Ostkirchen. Es regelt die internen Angelegenheiten der kirchlichen Gemeinschaft und sieht für viele Bereiche eine eigene Gerichtsbarkeit vor. Sein Name leitet sich von griechisch/lateinisch canon ‚Richtschnur‘ ab, weil die einzelnen Normkomplexe im Codex des kanonischen Rechtes als Canones bezeichnet werden.

Beständigkeit im Amt
Can. 522 — Der Pfarrer muss Beständigkeit im Amt besitzen und ist deshalb auf unbegrenzte Zeit zu ernennen; der Diözesanbischof kann ihn nur dann für eine bestimmte Zeit ernennen, wenn dies durch ein Dekret der Bischofskonferenz zugelassen worden ist.

Vorgehen bei Versetzung
Can. 1748 — Wenn das Heil der Seelen oder die Notwendigkeit oder der Nutzen der Kirche es erfordern, dass ein Pfarrer von seiner Pfarrei, die er erfolgreich leitet, in eine andere Pfarrei oder ein anderes Amt versetzt wird, soll der Bischof ihm die Versetzung schriftlich vorschlagen und anraten, Gott und den Seelen zuliebe einzuwilligen.