Die zahlreichen Spaziergänger waren etwas verwundert, als auf dem Plateau bei Rathsberg die Sektkorken knallten. Mit dem Begriff "Niederfall", der da gefeiert wurde, konnten sie erst recht nichts anfangen.

Der Oberlindacher Landwirt Karl-Heinz Hertlein drehte in den vergangenen Tagen auf dem höchsten Punkt der Gemeinde Marloffstein mit seinem Mähdrescher Runde um Runde. Vier Tage und auch manche halbe Nacht dauerte es, bis rund 48 Hektar Weizen gedroschen waren. Nun kommt der Begriff "Niederfall" ins Spiel, mit dem nicht nur die Spaziergänger nichts anfangen konnten, auch den jüngeren Generationen ist der Ausdruck meist unbekannt.

Im Arbeitsjahr der Menschen auf den Dörfern gehört die Ernte seit jeher zu den wichtigsten Perioden.
So entschied früher eine gute Getreideernte nicht nur über den Wohlstand der Bauern, sondern auch darüber, ob zum einen die ärmeren Bewohner und zum anderen das Vieh ausreichend versorgt werden konnten. Oft verhinderten widrige Witterungsverhältnisse eine gute Ernte und brachten häufig empfindliche Verluste mit sich. Umso dankbarer waren früher die Bauern, wenn die Getreideernte eingebracht war und die Dorfgemeinschaft in dieser Hinsicht keine Not leiden musste.

In vorchristlicher Zeit glaubten unsere Vorfahren an Geister der Fruchtbarkeit und Vegetation in Gestalt eines Tieres. Besonders dem Hahn sprachen sie Kräfte zu, die Ernte zu beeinflussen. So versteckte sich der Hahn, glaubt man alten Überlieferungen, bei der Getreideernte unter der letzten Garbe, um neue Kraft für das kommende Vegetationsjahr zu sammeln. Diese letzte Garbe schmückte man mit bunten Bändern, sicher der Ursprung des Brauches, eine Erntekrone zu winden, die bis heute mit bunten Bändern und Getreideähren geschmückt wird.

Aber nicht nur der Abschluss der Getreideernte wurde gefeiert, bei Handwerkern gab es nach Abschluss der Arbeiten oder Fertigstellung ein festliches Gemeinschaftsmahl, das oft auch mit einem Geldbetrag verbunden war. Mit dem Fest auf dem Hof wurde schließlich wieder Kraft getankt, denn das eingefahrene Getreide musste noch gedroschen werden. Auf großen Höfen, die viel Getreide anbauten, dauerte das Dreschen oft viele Tage, gar Wochen und zählte oft schon zur Arbeit im Winter.

Früher halfen die Maurer aus


Beim Dreschen halfen sich Nachbarn oft gegenseitig aus, oder Tagelöhner in speziellen Dreschkolonnen verdingten sich zu dieser Arbeit. Oft waren es auch Maurer, die im Winter keine Außenarbeiten ausführen konnten. Aber auch Kleinbauern, die neben einer kleinen Landwirtschaft einen weiteren Beruf ausübten, kamen vor Arbeitsbeginn zwei bis drei Stunden zum Dreschen.

Am letzten Tag der Ernte versammelte sich die Bauersfamilie mit den Mägden und Knechten und feierte den "Niederfall" der letzten Garbe. An diesen uralten Brauch erinnerte Karl-Heinz Hertlein auf dem Höhenrücken zwischen Rathsberg und Marloffstein. Nachdem die letzten Ähren im Mähdrescher des Oberlindacher Landwirtes verschwanden, war für ihn auch das Erntejahr zu Ende. "Morgen beginnt bereits die Ernte für das Jahr 2013", erklärte Hertlein, der Raps wird ausgesät.

Hertlein wollte damit einen alten Brauch wiederbeleben und den Niederfall auch deshalb etwas feiern, weil die Ernte (fast) problemlos, sieht man von einer gerissenen Antriebskette oder einem Plattfuß ab, über die Bühne ging. "Wir hatten heuer eine leicht unterdurchschnittliche Ernte, im Mai musste Schlimmeres befürchtet werden, aber die Körner haben eine gute Größe", erzählte Hertlein. Denn der Mai und der Juni waren überwiegend zu trocken und jetzt macht die Trockenheit vor allem dem Mais zu schaffen, wie auch unschwer an den faustbreiten Rissen des Weizenfeldes zu erkennen war.

Dennoch versammelten sich auf dem Höhenrücken, von dem man bis weit in die Fränkische Schweiz und bis nach Nürnberg blicken kann, die gesamte Familie Hertlein, die Helfer sowie Verwandte und Bekannte, um auf die zufriedenstellende Ernte anzustoßen. Es gab natürlich nicht nur Sekt, die landwirtschaftlichen Praktikanten waren am Grill zugange und legten Bratwürste und Steaks auf den Rost. Die Frauen hatten jede Menge selbstgemachten Salat und sogar Süßspeisen mitgebracht und die Runde ließ sich, bei bester Aussicht, Essen und Trinken schmecken.