Franziska Betzold ist der Einkaufs-Vize-Champion. Das verrät Schwiegertochter Manuela mit hörbarem Stolz. Doch das ist "der Oma", wie sie in der Familie heißt, nicht so wichtig. Wesentlich entscheidender ist für sie die Feststellung: "Wir Gundelsheimer brauchen den Markt." Sie meint damit den einzigen verbliebenen Einkaufsmarkt am Ort. Gerade für die Älteren, aber auch für die ohne Auto oder anderen motorisierten Untersatz, selbst für diejenigen ohne Fahrrad ist diese Einkaufsmöglichkeit von elementarer Bedeutung. Ebenso wie die anderen Geschäfte oder Einrichtungen.

Franziska Betzold und ihre Schwiegertochter haben im April an einer Studie teilgenommen, die untersuchte, ob man sich in Gundelsheim versorgen kann. Franziska Betzolds zweiter Platz belegt das eindrucksvoll. Drei Wochen lang musste penibel über alle Einkäufe Buch geführt werden, mit Bons und Belegen als Beweis. "Wir sollten alles so machen, wie immer", erläutert die 73-Jährige.

Die Spitzenreiter bei der Versorgung (mit Produkten oder Dienstleistungen) wurden nach Summen ermittelt. "Wenn wir das eine Woche später gemacht hätten, wäre die Oma sicher der Spitzenreiter gewesen", sagt die Schwiegertochter. Denn es standen noch Kommunion und Pflanzarbeiten im Garten aus.

Franziska Betzold stammt ursprünglich aus Höfen bei Rattelsdorf und hat mit ihrem Mann 1964 in Gundelsheim gebaut. Weil's hier schön und stadtnah war. Beide arbeiteten in Bamberg. Dorthin gelangte das junge Paar mit dem Fahrrad, Motorrad oder mit dem Linienbus. Stadtbusanbindung gab's erst später, dafür aber zwei kleine Lebensmittelläden, zwei Bäcker und einen Metzger. So manches Geschäft hat die gelernte Einzelhandelskauffrau Betzold kommen und wieder gehen sehen. Gundelsheim hat keinen Getränkemarkt mehr und auch keinen Schlecker. Bäcker und Metzger gibt's jetzt "nur noch" unter dem Dach des Einkaufsmarktes. Franziska Betzold weiß wie wichtig es ist, dass die Einheimischen die Angebote vor Ort nutzen, "damit sie erhalten bleiben".

Insbesondere gelte das für den Einkaufsmarkt, der schon mal ein Vierteljahr geschlossen hatte. Eine Situation, die so manchen in Bedrängnis brachte, wie ihre Schilderungen zeigen. Die Jungen müssten hier einkaufen, damit es den Markt auch dann noch gibt, wenn sie alt sind, fordert sie. Die Schwiegertochter nickt und verweist doch auf ihr eigenes Einkaufsverhalten.

Sonderangebote in der Stadt


Für die vierköpfige Familie sind entsprechende Mengen nötig, und wenn sie Sonderangebote der Supermärkte nutze, "da spart man schon". Die 45-Jährige verbindet Arztbesuche und Einkäufe in Bamberg, aus ökonomischen Gründen. Schwerere Sachen bringt sie der Schwiegermutter, mit der sie im gleichen Haus wohnt, aus der Stadt mit.

Getränke lässt Franziska Betzold seit langem schon von einer Brauerei in Kästen liefern. Dinge des täglichen Bedarfs holt sie selbst. "Ich möchte die jungen Leute doch nicht belasten." Die 72-Jährige kann aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr Rad fahren und ist auf ihre Gehstütze, angewiesen. Und ihr liegt viel daran, selbst einzukaufen. Dafür hat sie sich eine rollende Einkaufstasche und einen geräumigen Umhängebeutel zugelegt. Damit ist sie zweimal die Woche Richtung Einkaufsmarkt unterwegs. Natürlich wegen der Besorgungen, aber auch weil hier ein Treffpunkt ist. "Man kommt unter Leute." Das sei gerade für die Älteren wichtig, und für die, die alleine leben.

Franziska Betzold entstammt der Generation, in der Frauen noch nicht selbstverständlich den Führerschein hatten. So hat sie keine Möglichkeit, sich im nahen Hallstadt oder Memmelsdorf zu versorgen. Dorthin fährt auch kein Bus, in Bamberg wiederum ist es ihr zu hektisch. In den Märkten werde man, wenn auch aus Versehen, oft angerempelt, sagt sie. Im Gundelsheimer Markt sei das ganz anders. Außerdem bekomme sie in Gundelsheim alles, was sie brauche, im Markt und an Dienstleistungen, den Facharzt einmal ausgenommen. "Wir haben den Markt, Allgemein- und Zahnarzt, Blumengeschäft, Banken, Frisör, Apotheke", zählt sie auf. Das Wichtigste: "Mir gefällt es auf dem Land."

"Die Oma hat recht"


Das gilt für ihre aus Bamberg stammende Schwiegertochter gleichermaßen. Besonders wegen der unbeschwerten Art, in der ihre beiden Kinder Verena und Timo hier aufwachsen können. Durch die Studie hat bei ihr in gewisser Weise ein Umdenken eingesetzt. "Sonderangebote sind hier genauso günstig wie in Bamberg." So kauft sie zumindest diese am Ort. "Ich weiß, ich sollte öfter hier einkaufen", sinniert sie. "Die Oma hat Recht." Für die steht fest: "Ich brauche den Markt und all die anderen Geschäfte im Ort."

Welche Bedeutung der Markt für die Älteren hat, machen zwei andere Senioren deutlich: Der 98-jährige Richard Stadler etwa ist froh, dass man beim Gundelsheimer Markt Lebensmittel bestellen kann, die gebracht werden. Zum Laufen wäre es ihm zu weit, Auto kann er seit rund vier Jahren nicht mehr fahren.

In einer ähnlichen Lage befindet sich die 88-jährige Anneliese Moosmaier, die auf ihren Rollator angewiesen ist. Sie schätzt den Essensservice des Marktes, den sie als "einmaligen Laden" bezeichnet. Sie rückt zugleich ins Bewusstsein, dass man sich das alles auch leisten können muss.

Bürgermeister Jonas Merzbacher (SPD) wollte mit der Studie belegen, dass man sich vor Ort versorgen kann. Er betont: "Nur wenn die Einrichtungen genutzt werden, werden sie bleiben." Ein weiteres Ergebnis der Studie: es besteht Handlungsbedarf im medizinischen Bereich. Gespräche mit einer weiterer Bäckerei und zweitem Metzger würden geführt. Das dürfte Franziska Betzold freuen.