Diese Totenklage zum Gedenken an die sechs Millionen Opfer der Shoa ließ niemanden unberührt. Arieh Rudolph, Chasan und Vorsitzender der Israelitischen Kultusgemeine Bamberg, sang das "El male Rachamin". Klagend drang Rudolphs sonorer Bariton in den dunklen Abendhimmel. "Auschwitz, Bergen-Belsen, Theresienstadt, Buchenwald, Treblinka...": Wie Peitschenhiebe klangen diese Namen der mörderischen Lager in den Ohren der vielen Bamberger, die sich am Synagogenplatz eingefunden hatten. Genau 75 Jahre nach der Reichspogromnacht (9. November 1938), in der auch in Bamberg die Synagoge brannte und der braune Terror gegen die jüdischen Mitbürger seinen grausamen Lauf nahm.

Ist das nur Geschichte, die endlich ad acta gelegt werden sollte? "Wir sind noch lange nicht so weit, auch nach 75 Jahren auf Gedenktage wie den heutigen zu verzichten", sagte Arieh Rudolph in seiner Ansprache. Die Geschehnisse seien zwar Geschichte. "Doch eine Schlussstrichmentalität darf es nicht geben." Es gehe heute nicht nur um Erinnerung, sondern darum sich bewusst zu machen, "welche Folgen es haben kann, wenn wir nicht darauf achten, jeglichen antidemokratischen Störungen entschieden entgegenzutreten", so Rudolph. Mit äußerster Vorsicht und Sensibilität müsse auf Volksverhetzung und fundamentalistische Strömungen jeglicher Art reagiert werden. Das gelte nicht nur im großen gesellschaftlichen Rahmen: "Auch die kleinen Entmenschlichungen sind nicht minder gefährlich."

Der Redner verwies auf Schulhöfe im ganzen Land, auf denen "schreckliche Worte" wie "Du Jude", "Du Schwuler", "Du Behinderter" zu hören seien. "Das ist nicht harmlos", erklärte Rudolph und mahnte praktische Erinnerung an, die in Zivilcourage münden müsse: "Wenn Kinder sich schon früh an Entmenschlichung und Verächtlichmachung auf dem Schulhof gewöhnen und nicht von Eltern oder Schule gebremst und über ihr verächtliches Tun aufgeklärt werden, dann können sich solche Denkstrukturen verfestigen." Von dort bis zur Radikalisierung sei es nicht mehr weit.

Die siebte Synagoge

Arieh Rudolph würdigte aber auch die Arbeit und die Unterstützung derer, die dazu beigetragen haben, dass das Judentum in Deutschland wieder erstarkt sei. Die Nazis hätten ihr Ziel nicht erreicht, da es heute wieder rund 115 jüdische Gemeinden mit einer stetigen Mitgliederzahl gebe. Auch in Bamberg herrsche "jüdische Kontinuität", wie die neue Synagoge - die siebte in etwa 1000 Jahren - verdeutliche. Rudolph führte als positive Beispiele für wachsende Normalität die jährlich stattfindende "Woche der Brüderlichkeit", die Gesellschaften für christlich-jüdische Zusammenarbeit oder den vor wenigen Jahren hinzugekommenen Trialog mit den Muslimen an.

Oberbürgermeister Andreas Starke (SPD) sieht in der Erinnerung an die Reichspogromnacht und die folgenden furchtbaren Verbrechen "unsere ständige Verantwortung auch für unsere nachfolgenden Generationen." Es sei "unsere Pflicht, darüber zu reden", betonte Starke. Nur wenn das Vergangene präsent bleibe und die Opfer nicht vergessen werden, könnten die richtigen Lehren gezogen werden: "Wie etwa gehen wir heute mit ethnischen, religiösen oder politischen Minderheiten um? Wie begegnen wir beispielsweise Asylbewerbern, die in ihrer Not zu uns kommen und aus Verzweiflung ihre Heimat verlassen? Wie steht es eigentlich um unsere Bereitschaft, Ausländern zu helfen, damit sie sich in Deutschland integrieren können?", richtete der OB bohrende Fragen an die Zuhörer.

Schüler entzünden Kerzen

Es bleibe notwendig, allen radikalen Tendenzen entschlossen entgegenzutreten und Fremdenfeindlichkeit, Intoleranz, Unmenschlichkeit im Keim zu ersticken, forderte Starke. Er zeigte sich dankbar für die Arbeit vom "Bamberger Bündnis gegen Rechtsextremismus", das sich konsequent gegen Neonazis einsetze und mit seinen vielfältigen Aktionen die breite Öffentlichkeit informiere. Mit einer Kranzniederlegung verneigten sich Andreas Starke und Assija Spivak, Zweite Vorsitzende der Israelitischen Kultusgemeinde, vor den Toten und Opfern des 9. November 1938. Rabbinerin Antje Yael Deusel sprach ein Totengedenken: "Wir gedenken derer, die wir gekannt haben, deren Namen verloren gegangen sind. Die Welt ist ärmer geworden..." durch die Ermordung von Millionen Menschen.
Schüler und Schülerinnen des Franz-Ludwig-Gymnasiums und der Maria Ward-Schulen erinnerten mit angezündeten Kerzen an die Opfer an den beiden Schulen. Im Unterricht hatten sich die jungen Leute intensiv mit den Spuren des Holocaust auseinandergesetzt.

Dass dieses gemeinsame Gedenken an die Pogromnacht alles andere als alljährliche Routine war, bewies der Synagogenchor unter der Leitung von Dimitri Braudo. Die Sängerinnen versetzten die Besucher mit melancholisch anmutenden Liedern in nachdenkliche Stimmung. Ihr letztes Gesangsstück trug jedoch den frohen Titel "Hatikwa" (Hoffnung). Hatikwa ist die Nationalhymne Israels.