Das breite Grinsen über beide Wangen. Der Griff nach der Trophäe im Scheinwerferlicht. In den Augen des Künstlers strahlt kindliche Freude, fast wie Ostern und Weihnachten in einem. Arnd Rühlmann hat es geschafft: Er darf den "Geistesblitz" in der Kategorie "Theater und Schauspiel" für sich einheimsen. Dieser wird in verschiedenen Feldern vergeben und vom Bayernwerk in Zusammenarbeit mit dem Ministerium für Wissenschaft und Kultur gesponsert. Doch wie kam es dazu, dass Künstler Rühlmann sich in das Münchner Fernsehstudio zur Preisverleihung setzen durfte? Spurensuche im Leben eines Tausendsassas.

Anruf bei einem gut gelaunten Künstler. Geboren in Hessen, aufgewachsen in Heroldsbach im Landkreis Forchheim, lebt er nun in Bamberg. Schon früh hat der Junge gemerkt, dass die Kunst etwas für ihn ist: "Ich habe immer gerne Geschichten erzählt", erinnert sich Rühlmann, wie er seinen Eltern Puppentheater und später auch der Schulgemeinschaft seine Schauspielkünste zeigte. Dann nach der Schule ab zum Studium ins schöne Bamberg. Germanistik stand auf dem Stundenplan. Doch zwischen Hörsaal, Bibliothek und Mensa passt immer noch ein Engagement für ein Studiotheater. Die Leidenschaft war nicht kleinzukriegen. Wenn man Rühlmann am Telefon zuhört, empfindet er es als kein Problem, dass er sein Studium nicht abgeschlossen hat. Mit der Kleinkunst war er damit aber noch lange nicht am Ende.

Denn Rühlmann hat seinen Traumberuf gefunden. Und er ist ein rühriger Zeitgenosse. So stieg der Kleinkünstler bei Chapeau Claque in Bamberg auf die Bühne und später in die Regie ein. Nach künstlerischen Zwischenstationen in Hameln und Hannover fand er eine zweite Heimat am Dehnberger Hof Theater, Rollen als Don Camillo inklusive. 1999 machte er die wohl längste - und nach seinen Ausführungen sehr strapaziöse - Krimi-Lesung der Welt mit 72 Stunden. Stichwort "Leichen im Keller". "Nur wussten die vom Guinnessbuch dann nicht, ob sie den Rekord als Einzel- oder Gruppenleistung werten sollen, deshalb haben wir das mit der Eintragung aufgegeben", erzählt Rühlmann. Und dank seinem Kontakt zum Weinwirt in der Fischerei entstanden 2006 die ersten "Fischerei-Festspiele", die bis heute beliebt sind.

2011 dann der wohl größte Schritt: Der Kleinkünstler darf sich den Hut des nana-Theaters im Club Kaulberg aufsetzen. "Wenn mir das jemand damals gesagt hätte, dass ich den Laden übernehme, hätte ich es nicht geglaubt", schildert Rühlmann seine Gedanken. Drei Mal hat er die Bamberger Fastenpredigt zelebriert. Das Schöne daran: "Ich kann das auf der Bühne umsetzen, was ich mir auch gerne selbst anschauen würde." Ein solider Maßstab.

Der Mensch im Vordergrund

Verbunden mit all diesen Stationen stehen auch immer Menschen im Vordergrund. Doch wer hat ihn in seinem Schaffen positiv geprägt? "Da ist zum einen der großartige Regisseur Marcus Everding zu erwähnen, von dem ich mehr über Theater und Schauspielerei gelernt habe als von irgendjemand sonst", findet der Schauspieler. Aber auch von Heidi Friedrich habe er viel gelernt, beim Schreiben der gemeinsamen Krimiparodien. "Und wenn Kurt Meier bei den Chansonabenden nicht gesagt hätte, dass ich weitermachen soll, weiß ich nicht, was aus alledem geworden wäre", erinnert er sich zurück an die Anfänge in der Fischerei. Und natürlich Jürgen Heimüller, mit welchem der Künstler 20 Jahre Chanson- und Theatererfahrung teilt und das nana-Theater getauft hat. Dass er mit alledem durchkam, sei viel Glück gewesen, auf die richtigen Leute zu treffen.

Dass Menschen den Unterschied machen, betont auch der Preisträger bei der Verleihung: "Zwar kriege ich heute diesen Kulturpreis verliehen, aber den verdanke ich den Menschen, die all Jahre mit mir auf der Bühne oder auch dahinterstanden", sagt Rühlmann freudestrahlend. Man sei immer nur so gut wie das Team. Mit im Gepäck nach München war auch Ursel Gumbsch vom Theater im Gärtnerviertel. Die beiden haben sich bei besagter 72 Stunden Lesung kennengelernt und seitdem einiges zusammen auf die Beine gestellt. Kein Wunder, dass sie zusammen den nächsten Streich planen. Die Theaterlesung "Love Letters" wollen sie nach Möglichkeit im neuen Jahr in Szene setzen.

"Ich habe mich auf der Bühne immer wohlgefühlt. Manchmal wohler als im richtigen Leben", beschreibt der Künstler seine Motivation. Die Zeiten sind für Rühlmann nicht immer einfach, denn seit seiner Jugend leidet er an Depressionen. Auf die Frage hin, ob er unter den Corona-Bedingungen eher ans Aufgeben denke, meint der Schauspieler: "Als Kulturschaffender überlegst du dir regelmäßig, ob du nicht alles hinschmeißen willst." Zum ersten Lockdown sagte der Theaterchef dem Virus den Kampf an. Mittels "Pandemie-Poesie-Projekt" wirkte das kulturelle Leben auf Youtube weiter. Doch die Monate vergingen und das Geld für die Bühne wurde knapp. Da kamen die 5000 Euro Preisgeld zu einem guten Zeitpunkt.

Politisch Stellung beziehen

Aber nicht nur im Theater beweist er seine Qualitäten. Wenn er sich mit Hut, Sonnenbrille und Lippenstift fein macht, um als Hanuta Gonzales auf einer Gegendemo Ende November den Corona-Leugnern Lieder hinüberzuträllern, bleibt kein Auge trocken. Als er am Ende ein sanftes "Wer will schon Teil einer Bewegung sein, die der Wendler gut findet?" dranhängt, ist ihm der Applaus sicher.

"Es war mir schon immer wichtig, politisch Stellung zu beziehen", erklärt Rühlmann, welcher Ende der 80er Jahre sein Coming Out hatte, als noch andere Zeiten für Homosexuelle herrschten. "Gerade wenn die Rechten wieder erstarken, werde ich mir meinen Standpunkt nicht nehmen lassen", macht er klar. Sein Schaffen habe ihn zum Bamberger B-Promi werden lassen, meint er mit einem herzhaften Lachen. "Immer, wenn ich dachte, jetzt habe ich den Zenit überschritten, kam etwas Neues", fasst Rühlmann sein Glück zusammen.

Wie schön, dass dazu nun Arnd Rühlmanns neues Hanuta-Gonzales-Album "Die unerträgliche Knusprigkeit des Seins" unter dem Weihnachtsbaum lag. Bleibt nur noch ein Wunsch offen: "Endlich wieder mit all den lieben Menschen auf der Bühne stehen. Das ist nicht selbstverständlich."