Draußen peitscht ein nasser Schneesturm über die Weinberge von Ziegelanger; drinnen im Haus lagert das Produkt des sonnenverwöhnten Jahres 2011. "Bamberg Michaelsberg Silvaner" steht in kaum leserlichen Buchstaben auf einem Edelstahltank. Martin Bauerschmitt lässt ein paar Tropfen ins Glas plätschern; die Flüssigkeit hat eine hellgelbe Farbe, ist aber noch trüb von Hefesubstanzen, die sich in den nächsten Tagen setzen werden. Der Wein schmeckt außergewöhnlich herb. Das Urteil des Winzers klingt dennoch verlockend: "Der Wein ist ganz dicht, komplex, er duftet verhalten nach Pfirsich. Es ist ein großer Wein, der sich lange lagern lässt."

War es ein Zufall oder eine glückliche Fügung? Das erste Jahr nach einer 175 Sommer dauernden Unterbrechung in Bambergs großer Weinbautradition war wie gemacht für die 4000 Rebstöcke, die als Teil der Landesgartenschau am Südhang des Klosters Michaelsberg gepflanzt worden waren. Einem trockenen Frühling, der in Bamberg wie durch ein Wunder ohne Frostschäden vorüberging, folgte ein feuchter Sommer und ein scheinbar endloser Sonnenherbst. Jetzt reift die Frucht eines ganzen Jahres im Keller des Weinguts Bauerschmitt, das in den Hang hineingebaut ist. Das ganze Jahr über herrschen hier Temperaturen um zehn Grad.

Ein Allerweltswein wird der Michaelsberger Rebsaft freilich nicht. Alles andere: Die Traubenernte, die mit einem Oechsle-Gehalt von 98 Grad Mitte Oktober von zahlreichen Helfern eingebracht wurde, reicht gerade mal für 1500 Liter, ein halbes Fass voll. In wenigen Wochen, wenn sich die Hefe vollends abgesetzt hat, wird der Wein in 3000 Halb-Liter-Bocksbeutel abgefüllt.

Man muss kein Hellseher sein, um zu prophezeien, dass der Bamberger Jungfernwein kein Ladenhüter wird. Liebhaber werden sich sputen müssen, wenn sie sich im freien Verkauf eine Flasche sichern wollen. Frühestens zur Eröffnung der Landesgartenschau am 26. April 2012 soll der Startschuss zur Vermarktung fallen.
Trotz der überschaubaren Menge ist Martin Bauerschmitt sehr zufrieden. Der Ausbau der Silvanertrauben gehört zu den eher schwierigen Übungen eines Kellermeisters. Aber sie scheint gelungen. Gleich nach der Lese wurden die Trauben gepresst und wurde der klare Traubensaft von den anderen Bestandteilen getrennt. Zugesetzte Hefe sorgte dafür, dass der in den Trauben reichlich vorhandene Fruchtzucker komplett in Alkohol umgewandelt wurde. Danach wurde die Hefe eineinhalb Monate lang maschinell eingerührt, zur Beschleunigung der Reife und um den Silvaner geschmacklich abzurunden, wie Bauerschmitt sagt - ein Verfahren, das bei der leichteren Rebsorge Bacchus nicht zur Anwendung kommt.

"Der Wein hat jetzt 13 Prozent Alkohol, eher mehr", schätzt Bauerschmitt und blickt mit Kennermiene auf das leicht gefüllte Glas. Wer daran nippte, spürte die Wirkung des Alkohols schon nach einem Schluck. Ein extrem herber Tropfen. Würde der Michaelsberger so verkauft, wie er jetzt im Fass ruht, wäre die Zahl der Liebhaber wohl doch nicht so groß. Aber das ist völlig normal, klärt der Winzer auf: Der Wein hat jetzt keinerlei Restsüße mehr und schmeckt ziemlich sauer. Doch das bleibt so nicht: Ehe er abgefüllt wird, führt man dem Wein noch Restsüße in Form von sterilisiertem Traubensaft zu. Einen Restsüßegehalt von zwei bis vier Gramm pro Liter hält Bauerschmitt für optimal.

Bis die Bamberger Weinfreunde den ersten Silvaner vom Kammerathengarten selbst kosten dürfen, werden noch drei Monate vergehen. Aus begreiflichen Gründen will die Stadt den Start der Landesgartenschau abwarten, auch wenn der Wein schon im März fertig ist. Noch nicht entschieden ist über das Verkaufsverfahren. Es soll gerecht sein und verhindern, dass wenige Liebhaber sich mit großen Mengen eindecken. Dennoch ist klar, dass sich der Michaelsberger nicht wie der Wein von Kanaan vermehren lässt: "Es wird nicht gelingen, dass jeder, der will, auch eine Flasche bekommt", sagt Vesna Plavsic von der Gartenschau GmbH.

Möglicherweise sorgte ja auch der Preis des Mini-Bocksbeutels dafür, dass sich der Ansturm auf die Spezialität des Jahres doch etwas in Grenzen hält. Zwar haben sich Winzer, Stadt, Gartenschau GmbH und die Bürgerspitalstiftung als Eigentümerin des Klostergeländes noch nicht festgelegt, doch je näher der Termin rückt, desto höher scheint der Maßstab zu klettern. Für Winzer Bauerschmitt ist heute schon klar, dass es kein billiger Wein wird: "Deutlich über zehn Euro die Flasche."