"Der Reisberg bei Scheßlitz war in jener Zeit gewiss einer der wichtigsten Plätze in Nordbayern, wenn nicht sogar in ganz Süddeutschland." In dieser Aussage sind sich Björn-Uwe Abels, ehemaliger Leiter der Außenstelle Seehof des Landesamtes für Denkmalpflege, und Jochen Haberstroh, der heute beim Landesamt in München tätig ist, vollkommen einig. Während der Völkerwanderung - also um das Jahr 400 nach der Zeitenwende - trug er eine starke Befestigung, die dem Berg wohl seinen Namen gab: Als "Rinspurg" wird er noch 1000 Jahre später urkundlich genannt. Doch seine Geheimnisse hat der Reisberg noch längst nicht preisgegeben - auch da sind sich die Experten einig.

Denn seine Zerstörung fiel in die Zeit um 420, in jene Zeit also, als die Hunnen von Osten her das Reich der Burgunder an Rhein und Main attackierten. Immerhin berichtet das bedeutendste deutsche Heldenepos - das Nibelungenlied - vom heldenhaften Untergang der Burgunderkönige Gunter, Gernot und Giselher und ihres Waffenmeisters Hagen von Tronje. Der Dichter selbst stellt seinen Versen die Aussage voran, dass er mündliche Überlieferungen als Grundlage seiner Erzählungen genommen hat. "Uns ist in alten Mären, wunders viel geseit."

An turbulenten Ereignissen fehlte es in jener Zeit wahrlich nicht. Etwa um das Jahr 400 machten sich Burgunder und Vandalen unter dem Druck der von Osten kommenden Hunnen aus ihren Siedlungsgebieten an der Oder auf den Weg nach Westen. Und sie waren nicht die Einzigen, die auf diese Weise ihre Haut zu retten suchten. Angeln und Sachsen beispielsweise bestiegen ihre Schiffe und übersiedelten nach Britannien, das gerade von den Römern geräumt worden war. Denn die Weltmacht Rom hatte ein Problem mit den Westgoten, die die Metropole am Tiber bedrohten (und sie 410 auch eroberten).

Vandalen und Burgunder jedenfalls suchten über das Maingebiet in das damalige Gallien zu kommen. Aus irgendeinem Grund blieben die Burgunder am Rhein zurück, während die Vandalen unter ihrem entschlussfreudigen König Geiserich sich ohne Rücksicht auf Verluste durch das heutige Frankreich nach Spanien schlugen, solange die Römer noch mit den Westgoten beschäftigt waren - eine Parforce-Aktion, die ihren bis heute zweifelhaften Ruhm zu sinnloser Zerstörung begründet hat. Doch Geiserich wusste offenbar genau, was er tat.

Warum aber blieben die Burgunder zurück? Vielleicht war der Tod ihre Königs Tankred, der im Nibelungenlied zumindest als Vater Krimhilds ausdrücklich genannt wird, dafür die Ursache. Nach ihm übernahmen Gunter, Gernot und Giselher - in der "Lex Burgundionum" anno 413 bezeugt als Gundahar, Gislahar und Gundomar - die Macht in einer Art Erbengemeinschaft. Vermutlich waren sie keine Brüder, durch seine Heirat erlangte Gundahar (Gunter, vielleicht ein Bruder Tankreds?) eine Führungsrolle. Die Führungskrise wäre jedenfalls ein Grund gewesen, um das etwa 50 000 Köpfe zählende Volk zum Halten zu bringen.


Starke burgundische Festung


Mit großer Wahrscheinlichkeit, da sind sich die beiden Experten Abels und Haberstroh einig, war der Reisberg damals eine starke burgundische Festung im Osten des Burgunder-Reiches - an der "Seite" also, aus der die Hunnen, die mit ihnen verbündeten Ostgoten und andere germanische Völker kamen. Und wenn es irgendwo zu einer Begegnung zwischen den Burgunder-Königen und den Hunnen und ihren Verbündeten gekommen sein sollte, dann käme nur der Reisberg in Frage - nur diese Festung war der Könige würdig. "Der Staffelberg zum Beispiel hatte zu jener Zeit kaum eine Bedeutung", sagt Björn-Uwe Abels, der auf beiden Bergen Ausgrabungen geleitet hat.
An Attilas Hof spielten sich die Dinge jedenfalls nicht ab - wo aber dann? Von der Historie her ist es nicht ausgeschlossen, dass Burgunder und Hunnen sich in zunächst unkriegerischer Absicht getroffen haben könnten, wie es das Nibelungenlied beschreibt. Dass dessen Verfasser die Angelegenheit an den Sitz des (später regierenden) Hunnenkönigs Attila verlegt, beruht auf dichterischer Freiheit.

Denn der Verfasser des um das Jahr 1200 entstandenen Nibelungenliedes war Minnesänger und an den Höfen zur Unterhaltung der Damenwelt engagiert. Eine tragische Liebes- geschichte wie die zwischen Siegfried und Kriemhild war da genau das richtige, um den "wahren" Grund zu liefern für all das, was daraus erwuchs. Nicht unrealistisch scheint aber auch die Möglichkeit, dass den Burgundern - wie im Nibelungenlied beschrieben - ein Thronfolger präsentiert werden sollte, der die Sache vielleicht nicht überlebte. Jedenfalls ist dieses Detail von einer Grausamkeit, die man schwerlich erfinden kann. Daraus entwickeln sich dann die Ereignisse mit einer sich immer weiter steigernden Eigendynamik.

Könnten die Geschehnisse aber auf den Reisberg passen? Vor der Sprachgewalt des Nibelungenliedes und der historischen Bedeutung von Attilas Burg müssen natürlich fast alle anderen Orte dieser Welt verblassen. Doch damals war für die Burgunder die "Rinspurg" ein Ort von hoher Bedeutung, zumindest eine Art Nebenresidenz für den Ostteil ihres Reiches. Ihre geopolitische Lage und die Zeit ihrer Zerstörung durch einen hunnischen Angriff um das Jahr 420 nach Christus (Abels: "Wir haben bei unseren Ausgrabungen hunnische Pfeilspitzen gefunden") lässt sie zu einer ernsthaften Möglichkeit für den Ort des historischen Geschehens werden. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.
Andere Interpretationen besagen, dass die Überlieferung des Nibelungenliedes auf einem Ereignis aus dem Jahr 436 beruhen könnten. Da unternahmen Burgunder einen Beutezug in die römische Provinz Belgica, wurden aber von römischen Truppen gestellt. Als sie sich bereits ergeben und ihre Waffen abgelegt hatten, wurden sie von hunnischen Hilfstruppen in römischen Diensten massakriert.

Diese in römischen Quellen belegten Ereignisse lassen sich mit dem Nibelungenlied aber nur schwer in Einklang bringen. Denn von einer bedingungslosen Kapitulation - um diesen modernen Begriff zu gebrauchen - ist dort keine Rede. Außerdem erfolgte das Massaker an den Burgundern in der römischen Provinz Belgica keineswegs im Kampf Mann gegen Mann, sondern mit den hunnischen Distanzwaffen. Vielleicht aber hat es zuvor etwas gegeben, was die Hunnen zu dem disziplinlosen Angriff auf die Burgunder bewegte, die sich eigentlich unter römischen Schutz gestellt hatten. Ein vergeblicher Angriff auf den burgundischen Kronschatz, bei dem man sich Jahre zuvor eine blutige Nase geholt hatte, könnte hier ein triftiger Grund sein.

Kampf um das Burgtor?


Außerdem beschreibt das Nibelungenlied in seinem militärischen Kern den Kampf um ein Tor, das von den Burgundern bis zum letzten Mann verteidigt wird. Weil die Hunnen für den Nahkampf nicht zu gebrauchen sind, müssen ihre germanischen Verbündeten diese Verteidigungsanlage - eine Art Zwinger, in der sich die Burgunder verschanzten - erobern. Die Reisberg-Pläne aber belegen etwa 50 Meter außerhalb des Ringwalles beim Zuweg im Südosten eine vorgelagerte Toranlage mit seitlichen Befestigungsstrukturen - wer sich hier drin aufhielt, war vor Beschuss sicher und konnte nur im Kampf Mann gegen Mann besiegt werden. Weil aber das Gold lockte - die Burgunder waren keine armen Leute - wurde dieser Kampf geführt.

"Wenn man's genau wissen wollte, müsste man eine oder mehrere Grabungen auf dem Reisberg durchführen", sind sich Abels und Haberstroh einig. Doch wer sollte so etwas finanzieren? Den Schatz der Nibelungen wird man jedenfalls nicht mehr finden.