Bayreuth hat sie, Erlangen hat sie, Schweinfurt hat sie auch. Nur Bamberg hat noch keine neue Innenstadt-Einkaufspassage. Doch kommt Zeit, kommt der Wandel auch an der Regnitz an. Die Mehrheiten im Stadtrat scheinen für das größte Bamberger Handelsprojekt der letzten Jahrzehnte sicher: "Ich stehe dem Projekt sehr aufgeschlossen gegenüber, weil ich mir einen Aufschwung in der Innenstadt verspreche. Dadurch können wir der Konkurrenz der grünen Wiese besser Paroli bieten."

Das sagt Helmut Müller, Chef der CSU-Fraktion im Bamberger Stadtrat. Was die Pläne für ein neues Handelsquartier mitten in der Altstadt angeht, befindet er sich im Schulterschluss mit den meisten Fraktionen im Stadtrat, auch mit der Bamberger SPD. Deren erster Mann, Oberbürgermeister Andreas Starke, ist ebenfalls voll des Lobes für ein Vorhaben, das immer konkreter wird. Er sieht im "Quartier an der Stadtmauer" des Duisburger Projektentwicklers Multi Development (MD) eine "einmalige Entwicklungschance für die Bamberger Altstadt". Attraktivitätssteigerung ist Starkes wichtigstes Argument. Andernfalls drohe eine Brache: "Wenn wir jetzt im Verfahren stecken bleiben, lösen wir auf absehbare Zeit Stillstand aus."

Stagnation beherrscht das Gelände zwischen Langer Straße und Promenade bereits seit über 14 Jahren. So lange versucht der Eigentümer des Grundstücks, die Sparkasse Bamberg, dem Gewirr von verwahrlosten Hinterhöfen und Rückgebäuden eine neue Nutzung einzuhauchen.

Doch die Versuche, das 5000 Quadratmeter große Gelände zu versilbern, waren bislang alles andere als erfolgreich. Erste Pläne, eine überdachte Einkaufspassage zwischen die Altstadtgassen zu klotzen, scheiterten 2005 am Einspruch der Denkmalschützer, die sogar den Welterbestatus Bambergs in Gefahr wähnten. Mit einem neuen Investor aus Duisburg wurde nun ein zweiter Anfang gemacht: Nicht überdacht, kleiner und kleinteiliger soll das neue Quartier werden; vor allem sollen, so will es die Mehrheit, die historischen Hinterlassenschaften des Gebiets Berücksichtigung finden. Hier hatten seit 1422 Juden gelebt, eine so genannte Mikwe, ein rituelles Tauchbad, wurde bereits ergraben. Die Reste einer Synagoge stecken vermutlich noch im Erdreich. Außerdem stoßen an diesem historischen Ort die beiden Stadtmauern aneinander, die Bamberg einst umgürteten. Die ältere stammt aus dem 13. Jahrhundert, die jüngere wurde im 15. Jahrhundert errichtet. Auch hier sind noch bedeutende Reste erhalten.

Doch der historischen Anleihe im Namen zum Trotz sieht sich das "Quartier an der Stadtmauer" einer breiten Allianz aus vier namhaften Bamberger Denkmalschutzverbänden samt Stadtheimatpflegern gegenüber. Sie lehnen das Vorhaben mit einer Stimme ab, "weil es an einer der sensibelsten Stellen der von der Unesco als weltbedeutend eingestuften Altstadt einen Kahlschlag vorsieht".
Vor allem der geplante Abriss zweier Häuser von Denkmalwert, der Verlust mehrerer spätmittelalterlicher Keller und von Teilen der historischen Stadtmauer erregt den Zorn der Altstadt-Liebhaber. Schon ist vom "Quartier ohne Stadtmauer" die Rede.

Die Situation in Bamberg hat sich noch einmal zugespitzt, als nach dem Veto der lokalen Kräfte nun auch die Internationale Denkmalschutzorganisation Icomos schwere Geschütze auffährt. In einem von Präsident Michael Petzet gezeichneten Schreiben ist von "kompletten Zerstörungen in einem geschichtsträchtigen Teil der Alstadt" die Rede. Achim Hubel, ein bekannter Wissenschaftler aus Bamberg, wirft den Investoren gar vor, mit einem "einzigen Lügengebilde" die wahren Tatsachen zu verschleiern: Von einem altstadtgerechten Vorhaben, das auf die Parzellen Rücksicht nehme, könne nicht die Rede sein. "Das Quartier an der Mauer ist von einer gigantischen Übernutzung gekennzeichnet und bedeutet nicht nur den Abriss denkmalgeschützter Häuser, sondern auch den Verlust sämtlicher Bodendenkmäler, denn das ganze Gelände wird metertief ausgebaggert", sagt Hubel.

Beim Projektentwickler MD, der die Passage nicht nur bauen, sondern auch auch betreiben will, erklärt man sich den heftigen Gegenwind aus Bamberg mit Missverständnissen, die auch dem frühen Planungsstadium zuzurechnen seien. Anders als von den Denkmalschützern vorgeworfen sei man willens, die Altstadtmauern komplett zu erhalten, ebenso das rituelle jüdische Tauchbad. "Wir erhalten vier von fünf Denkmälern", sagt Henning Zimmermann. Auch den Vorwurf einer gigantischen Baumasse in der Altstadt weist er zurück. Zimmermann spricht von 14 500 Quadratmetern Bruttogeschossfläche, verteilt auf fünf Stockwerken, darunter 2 300 Quadratmeter Wohnfläche. Mit großen überdachten Einkaufs-Centern wie in Schweinfurt und Erlangen sei die Planung in Bamberg nicht zu vergleichen. "Dort hat man 100 Geschäfte. Wir werden vielleicht zwölf bis 14 Shops haben."

Nicht nur unter den Denkmalschützern, auch bei einem Teil der Bamberger Gewerbetreibenden stößt der neue Handelsriese schon vor seiner Geburt auf massive Bedenken. Klaus Stieringer, Geschäftsführer von Stadtmarketing, spricht von einem Verdrängungswettbewerb, den die kleinen Händler zu büßen hätten. Neue Kunden werde das Quartier, das einen Flächen zuwachs von 20 Prozent in der Innenstadt bedeute, nur dann anziehen, wenn neue Parkplätze in Bamberg entstünden.

Die sind aber nicht geplant. Glaubt man Gutachter Dietmar Sandler reichen die 1720 Stellflächen, die im engsten Innenstadtbereich in Parkgaragen angeboten werden. Auch MD-Geschäftsführer Andrej Pomptow ist deshalb überzeugt, dass es gelingt, mit attraktiven Anbietern aus dem Bereich Sport und Textilien neue Kunden von außerhalb Bambergs ins Quartier zu locken.

Für ihn bedeutet die Passage, die "historische Chance", einen neuen Rundlauf über Lange und Franz-Ludwig-Straße zur Fußgängerzone zu eröffnen. Die Sorgen der Denkmalschützer teilt er erwartungsgemäß nicht. Die Passage werde dazu beitragen, dass bisher nicht sichtbare Denkmäler wie die Stadtmauer oder das einstige jüdische Tauchbad erlebbar würden.

Anders als sein Vorgänger, der die Handelspläne wegen des Protests der Denkmalschützer begrub, versucht Bambergs Oberbürgermeister Andreas Starke, dem Streit die Schärfe zu nehmen. Bei einer Besichtigung schilderte er am Mittwoch dem Bayerischen Generalkonservator Egon Johannes Greipl, Chef des Landesamtes für Denkmalpflege, einen Kompromiss-Vorschlag, der aus Sicht der Stadt tragen könnte. Dazu gehört es, Tauchbad und Stadtmauer komplett zu erhalten und die Öffnung der Fassadenfront der Langen Straße so behutsam wie möglich zu gestalten. Dazu ist dem Abwägungsprozess auch ein Architektenwettbewerb vorgeschaltet. Keinen Zweifel ließ Starke gegenüber Greipl allerdings in einem zentralen Punkt: "Am Abbruch der Häuser Hellerstraße 13 und 15 führt für uns kein Weg vorbei."