Eric Wehlan sagt, er sei halt so erzogen worden: Irgendjemand muss es ja machen, weiß er. Irgendjemand muss Verantwortung, den Job übernehmen. Streng genommen ist er deshalb Schauspieler geworden, damals in Berlin. Jetzt spielt er in Bamberg.

Und das kam so: Eric ist sieben Jahre alt, als Mitarbeiter des Berliner Ensembles seine Schule am Koppenplatz, Berlin Mitte, besuchen. Sie möchten Kinderdarsteller für eine Inszenierung von Robert Wilson casten. Aber alles freiwillig, natürlich. "Da hat sich niemand gemeldet", erinnert sich Eric. "Und ich habe es so in Erinnerung, dass ich mich dann gemeldet habe, weil es sonst niemand gemacht hat."

Als Eric nach der Schule nach Hause kommt, hat er seine Meinung geändert. Zu seiner Mutter sagt er: "Mama, ich hab mich da für was gemeldet, ich möchte das aber gar nicht machen. Ich trau mich nicht." Blöd nur, dass das BE längst bei Wehlans angerufen hat. Und dass Erics Mutter früher selbst gern auf der Bühne stand, ein Theaterfan ist. Sie sagt: "Jetzt gehst du da mal hin, wenigstens zum Vorstellen." Und dass er sich für das Geld, das er am Theater verdient, eine Playstation kaufen kann. "Damit war die Sache dann klar."

Ein paar Wochen später steht Eric Wehlan, sieben Jahre alt, auf einer der berühmtesten Bühnen Deutschlands im Theater am Schiffbauerdamm. In Robert Wilsons Version von Bertolt Brechts "Ozeanflug" spielt Eric den jungen Charles Lindbergh. Das ist nicht nur mächtig historisch, weil Brecht auch Gründer des Berliner Ensembles war. Das ist vor allem prägend. Die Erfahrung macht alle anfänglichen Widerstände hinfällig: "Dieser ganze Betrieb hat mich einfach gefesselt", erinnert er sich. "Was für verrückte Leute da zusammenarbeiten, die teilweise ganz von der Realität entfernt sind. Und dass man einfach jemand anders sein kann."


"Immer geblieben"

Mit zehn Jahren wird Eric Mitglied des Stadttheaters Lichtenberg, einer Bühne von Kindern für Kinder. Er bleibt, bis er 23 ist. Das sei für ihn die wichtigste Zeit gewesen, sagt er, 27 Jahre alt, heute. "Ich habe da unglaublich viel gelernt. Also, Texte lernen, alles, was mit Theater zu tun hat. Aber auch so Sachen wie Knöpfe annähen, Vorhänge nähen ..." Andere Mitglieder dieses Ensembles kamen und gingen. "Ich bin immer geblieben", sagt Eric und grinst.

Nicht nur seine Mutter stand dem Theater an sich eh nahe. Erics Vater war ein bekannter Schauspieler, im Fernsehen und am Deutschen Theater. Auch wenn er nicht mehr mit Erics Mutter lebt, ist sein Einfluss in dieser Phase enorm.

"Mit elf oder zwölf hatte ich eine Phase", sagt Eric, "da dachte ich, ich kann das nicht, ich habe kein Talent. Mein Vater hat mir tief in die Augen geschaut und gesagt: Gut, wenn das nix wird, wirst du Feuerwehrmann und das versprichst du mir jetzt." Dann vielleicht lieber doch Theater, denkt sich Eric und bleibt.

Und weiß, als er sein Abi in der Tasche hat, dass es für ihn eigentlich keine Alternative gibt zur Schauspielschule. Weil das nicht sofort klappt, schreibt er sich stattdessen für Elektrotechnik ein. Irgendwas muss man ja machen. "Ich habe mich schon immer für Technik interessiert und Taschenrechner auseinandergebaut ...", sagt er. "Aber fünf Sorten Mathe - da habe ich die Krise gekriegt, das ging nicht."

Nach einem Semester ist Schluss mit Elektrotechnik. Eric besteht die Aufnahmeprüfung an der Universität der Künste. Und plötzlich macht Uni Spaß. Eric lernt, wie er das formuliert, alles neu: Sitzen, Gehen, Sprechen, Atmen. Die Schule hört nie auf, der Unterricht setzt sich fort, wenn er Menschen auf der Straße sieht. Und versucht, sie nachzumachen.

Das hat er bis heute drin. Eric sitzt im Treff des E.T.A.-Hoffmann-Theaters, seinem Arbeitgeber seit vergangenem Jahr, und schaut aus dem Fenster. "Siehst du die Dame, die da gerade vorbeigeht? Der würde ich sofort nachgehen und versuchen, mich so zu bewegen wie sie." Und wenn man erwischt wird? Hat er nicht gerade noch erzählt, eigentlich eher schüchtern zu sein? Dass es ihm sogar unangenehm ist, fremde Menschen nach der Uhrzeit zu fragen? "Dann muss man schnell irgendwie zappeln, damit man noch bescheuerter aussieht. Dann geht es wieder."

In "Normalverdiener" gehört Eric hier erstmals zur Besetzung. Danach kommt die Begegnung mit dem Bamberger Obligatorium: "Im Sams sechs Rollen in einer Stunde. Das ist amtlich und hat mir unheimlich viel Spaß gemacht."


Beim Altern zusehen

Durch seine Erfahrung ist Eric natürlich besonders geschult in Sachen Kindertheater. "Kinder sind ein tolles Publikum", sagt er, "weil die einfach kackehrlich sind. Wenn denen langweilig ist, dann sagen die das."

Momentan ist Eric in "Brand" zu sehen, einer deutschen Familiensaga, in der seine Figur, wie die anderen auch, fast 50 Jahre altert. Innerhalb von etwas mehr als zwei Stunden. Eric transportiert die persönliche Entwicklung vom revolutionären Aufbegehrer zum resignierten Abkassierer, ohne dass das konstruiert rüberkäme. Ohne dass eine aufwendige Maske bemüht werden müsste. Man sieht ihm beim Altern zu - erstaunlich und empfehlenswert.

Mit Eric Wehlan hat es wieder einen aus der großen Stadt ins beschauliche Bamberg verschlagen, noch einen Berliner. Aber es ist offenbar keine Pose, wenn er sagt, er habe hier einen positiven Schock erlebt. Weil er mal seine Ruhe hat. Wenn er nicht gerade, ältere Damen nachmacht oder auf der Bühne 50 Jahre altert, hat er die nämlich ganz gerne. Elektrotechniker war nie ein echter Plan B für ihn. Erzieher vielleicht eher, oder nein: Angler.

"Angeln", sagt Eric Wehlan, "ist zur Ruhe kommen. Die Fische auch immer zurücksetzen, außer man hat wirklich Hunger. Ist auch gar nicht schlimm, wenn keiner beißt", er denkt kurz nach, über das, was er da gerade erzählt. "Eigentlich muss noch nicht mal ein Haken dran sein. Einfach nur da sitzen. Und warten."