Er möchte ein neues Leben beginnen und auf eigenen Füßen stehen, sagt Mohamed Arhim. Nicht tatenlos herumsitzen und um Almosen bitten, sondern arbeiten und mit dem selbst verdienten Geld seine Familie daheim in Syrien unterstützen. Der sehnlichste Wunsch des 34-Jährigen, der vor drei Jahren aus Syrien floh, geht wohl nun in Erfüllung.

Der Weg dahin war allerdings einer, bei dem Mohamed Arhim viele bürokratische Hürden überwinden musste: Der Vertrag für eine Ausbildung zum Koch bei Alexander Grüner, Chef des "Eckerts" an der Oberen Mühlbrücke, war bereits unterzeichnet. Doch anders als 873 Azubis, die zum 1. September eine Ausbildung bei den Mitgliedsunternehmen der IHK für Oberfranken Bayreuth in Stadt und Landkreis Bamberg begonnen haben, durfte Mohamed Arhim noch nicht in die Lehre gehen. Die Entscheidung der zuständigen Behörde ließ auf sich warten.
Zwischenzeitlich sah es sogar so aus, als bliebe Mohamed Arhim ohne Arbeit - und der Ausbildungsplatz in der Küche des "Eckerts" unbesetzt.


Erlösender Bescheid

Erst am Freitag kam der erlösende positive Bescheid der Zentralen Auslands- und Fachvermittlung der Bundesagentur für Arbeit. Erleichterung bei Alexander Grüner, doch auch Ärger über die Bürokratie auf dem Weg dorthin: "Aus unternehmerischer und auch aus menschlicher Sicht ist es völlig unverständlich, dass es uns so schwer gemacht wurde." Er braucht den neuen Azubi dringend, und das schon seit dem 1. September, er hat ohnehin nicht einmal die Hälfte seiner sechs angebotenen Ausbildungsplätze besetzen können. Die Gastronomie gehört zu den Branchen, in denen die Suche nach Auszubildenden besonders große Probleme bereitet. "Und dann kommt hier jemand wie Mohamed, der ist motiviert und will den Job machen, und die Behörden legen ihm so viele Steine in den Weg."


Chancenlos in Spanien

Der Knackpunkt: Arhim hatte in Spanien Asyl gewährt bekommen, doch weil dort die Chancen auf Arbeit gleich Null waren, zog er weiter nach Deutschland. "Hier haben sich die Behörden zunächst immer wieder gegenseitig widersprochen, ob er eine Ausbildung machen darf oder nicht", sagt seine ehrenamtliche Betreuerin Sabine Bergmann. Wäre es bei einem "Nein" geblieben, hätte Mohamed Arhim, der in Syrien als Journalist arbeitete, die Abschiebung nach Spanien gedroht. Dort lag die Jugendarbeitslosigkeit im Juli dieses Jahres bei 48,6 Prozent.

Fälle wie dieser zeigen, dass es noch ein weiter Weg bis zur notwendigen Flexibilität bei der Integration von Asylbewerbern und Flüchtlingen in den Arbeitsmarkt ist. Würde Integration besser gelingen - die Ausbildungsbilanz für den Raum Bamberg würde noch positiver ausschauen, als sie es in diesem Jahr ohnehin tut: Die IHK für Oberfranken Bayreuth verzeichnet sinkenden Schülerzahlen zum Trotz erneut ein leichtes Plus bei den Ausbildungsverträgen im Vergleich zum Vorjahr. Insgesamt zählte die IHK zum 31. August 2015 genau 2123 Menschen, die derzeit in einem ihrer Mitgliedsunternehmen im Raum Bamberg in Ausbildung sind. Oberfrankenweit sind es mehr als 10 700 Auszubildende.

"Ich bin richtig stolz auf die Unternehmer im Raum Bamberg", sagt IHK-Präsident Heribert Trunk. "Sie haben das Unmögliche geschafft: Es gibt mehr neue Auszubildende, obwohl es immer weniger junge Menschen gibt, die die Schule verlassen. Bamberg steht damit in Oberfranken ganz vorne. Aber jeder unbesetzte Ausbildungsplatz ist trotzdem einer zu viel."


Ausbildungsboom im Landkreis

Sorge bereitet Trunk, dass nur jeder fünfte neue Azubi seine Ausbildung in der Stadt Bamberg beginnt, während 80 Prozent im Landkreis in die Lehre gehen. "Wenn dieser Trend anhält, verliert die Stadt den Anschluss an den boomenden Landkreis. Die Politik muss auch in der Stadt Bamberg endlich die passenden Rahmenbedingungen für wirtschaftlichen Erfolg schaffen." Die Ausweisung neuer Gewerbeflächen etwa sei dort überfällig, "expandierende Unternehmen warten sehnsüchtig darauf."


Keiner darf verloren gehen

Angesichts voller Auftragsbücher und immer weniger Jugendlicher, darf den Betrieben kein Azubi verloren gehen. "In der Zuwanderung steckt erhebliches Potenzial für die Ausbildung", sagt Trunk. "Und wer in unser Land kommt und bald eine Arbeit oder Ausbildungsstelle annimmt, integriert sich wesentlich schneller."

Die ersten unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge haben in Bamberg in diesem Jahr eine Lehrstelle angetreten. Die IHK fordert unter anderem, die Zugangshürden weiter zu senken und mehr Berufe zu den sogenannten Mangelberufen zu zählen. Würden zum Beispiel Köche offiziell auf dieser Liste stehen, wäre es deutlich einfacher für Alexander Grüner gewesen, Mohamed Arhim zu beschäftigen. Nicht nur im "Eckerts" sind Septemberbeginn Ausbildungsplätze unbesetzt geblieben. Die Agentur für Arbeit Bamberg-Coburg meldete im August mehr offene Stellen als unversorgte Bewerber. Die meisten haben im Raum Bamberg eine Ausbildung im Handel (125), zum Industriemechaniker (68) und als Kaufleute für Büromanagement (54) begonnen.


Nicht nur Klassiker interessant

"Oft werden die Klassiker gewählt, weil diese am bekanntesten sind. Für den Einzelnen ist das aber nicht immer die beste Wahl", so IHK-Hauptgeschäftsführerin Christi Degen. "Die Mitgliedsunternehmen der IHK für Oberfranken Bayreuth bilden in mehr als 170 unterschiedlichen Berufen aus - vom Maskenbildner bis zum Lacklaboranten. Da dürfte für jeden etwas dabei sein."

Mohamed Arhim weiß genau, welcher Beruf es für ihn sein soll. Nach dem Okay aus München braucht der 34-Jährige noch einen Termin bei der Deutschen Botschaft in Madrid - dann kann er sein neues Leben endlich beginnen. red