"Hey, kennt ihr das Lied vom Einsiedelmann?", schmettert Alexander Hümmer den Juroren der Bezirkskommission "Unser Dorf hat Zukunft - Unser Dorf soll schöner werden" keck entgegen, als diese das kunstvoll verzierte Tor der Laurentiuskirche passieren. Der Zwölfjährige grinst verschmitzt, macht eine einladende Geste, ihm zu folgen. Auf der gegenüberliegenden Seite positioniert er sich hinter den anderen Kindern des Dorfes, die sofort zu singen beginnen: Die Strophen fünf und sechs Joseph Victor von Scheffels berühmtem Lied "Wohlauf die Luft", in der der Dichterfürst dem Staffelberg-Eremiten Ivo Hennemann, dem berühmtesten Sohn Oberleiterbachs, ein klingendes Denkmal setzte.


Enges Zeitkorsett

Genau zwei Stunden hatte die Dorfgemeinschaft von Oberleiterbach am Dienstagmorgen Zeit, ihr 1221 erstmals erwähntes, einst michelsbergisches Klosterdorf von seiner schönsten Seite zu präsentieren. Ein enges Zeitkorsett, in dem es gar nicht so einfach war, all die Vorzüge des Dorfes zu nennen. Landrat Johann Kalb (CSU) sprach von einem "Vorzeigedorf im Bereich des Naturschutzes und der Zukunftsfähigkeit" und lobte das erste und einzige Bioenergiedorf "seines" Landkreises, auf das er sehr stolz sei.

Erster Bürgermeister Volker Dittrich (AfZ) hob die Dorfgemeinschaft und die engagierten Bürger hervor, ehe Gartenbauvereins-Vorsitzender Harald Hümmer ins Detail ging und den hochkarätigen Fachleuten aus verschiedenen Teilen Frankens sein Dorf vorstellte.

Beeindruckt vernahmen die Juroren, dass das Bundesgolddorf von 1977 mit seiner raffinierten Nahwärmeversorgung aktueller Träger des Bürgerenergiepreises Oberfranken ist. Dafür wurde von den Anschlussnehmern eine Energiegenossenschaft gegründet. Deren Vorstandsmitglied Reiner Zapf-Willmer legte beim Rundgang durch den Ort beeindruckende Zahlen vor: 66 Prozent der benötigten Wärmeenergie produziere man aus nachwachsenden Rohstoffen selbst, dazu das Fünffache des Strombedarfs - und das günstig, nachhaltig und unabhängig von Öl- und Gas-Multis.

Eigenleistung und Eigenengagement: Diese beiden Schlagworte fielen an diesem Vormittag mehr als nur einmal. So wurde der einst marode Spielplatz, heute Publikumsmagnet für Familien von nah und fern, in Eigenleistung umgestaltet. Auch in den Bau des Gemeinschaftshauses und des Feuerwehrhauses sowie die Renovierung der Kirche flossen ungezählte Arbeitsstunden "Gott zur Ehr". Die gemeindlichen Grünflächen im Ort werden von 14 Paten gehegt, die historische Baustruktur mit den tollen Fachwerkhäusern von den Besitzern liebevoll gepflegt. Und auch der Grüne Friedhof, heute eines von vielen Vorzeigeprojekten, entstand durch Bürgerengagement. Ganz neu ist der historische Dorfrundgang mit QR-Code, eine innovative Verquickung von Geschichtswissen und modernen Medien.

Als die Kinder dann unterhalb der Kirchenmauern das Loblied auf Einsiedelmann an- und die vielen Dorfbewohner, die den Rundgang mitliefen, lauthals einstimmten, da kam er plötzlich daher, der Eremit. "Ivo" (Roland Amon) erzählte aus seinem Leben, ließ sich dann aber schnell ablenken von der schönen Schnitterin (Jule Kunzelmann), die da des Wegs kam. Ganz wie in der "Frankenhymne".

Auch der Jakobusweg, die Dorferneuerung und die innerörtlichen Baugebiete waren Thema. Besonders positiv fiel den Juroren Raimund Schlenk auf, der sein Wohnstallhaus aus dem 18. Jahrhundert sorgsam renovieren möchte - und natürlich dies auch während des Kommissionsbesuchs zeigte.


Viel Lob von den Juroren

Am Zielpunkt Gemeinschaftshaus angekommen, gab es viel Lob für die Lätterbocher. "Das war eine tolle Präsentation mit Unterhaltungswert", fand Jury-Leiter Nikolai Kendzia. "Das Dorf hat einen Quantensprung in seiner Entwicklung gemacht, der vor allem vom bürgerschaftlichen Engagement ausgeht", sagte Juror Thomas Müller, Baudirektor am Amt für Ländliche Entwicklung Oberfranken. "Sie sind ein Zukunftsort, sie haben Zukunft."

Hochachtung zollte auch Beate Opel, die stellvertretende Bezirksbäuerin, und sprach von einem "ganz ausgezeichneten Dorf mit wunderschönen Häusern und Gärten", Architektin Christiane Schilling gar von einem "Schatz historischer Gebäude, die behütet und weiterentwickelt werden".

Die Juroren Brigitte Goss, Bernd Carl und Christian Kreipe gaben den Oberleiterbachern noch einige Tipps auf den Weg, wie man das Gute noch besser machen könne. "Das ist aber Meckern auf hohem Niveau", fügten sie hinzu. "Oberleiterbach setzt vor allem in Sachen Nahwärme bayernweit Maßstäbe", hob Landrat Kalb noch einmal hervor. Danach stimmte Ludwig Hennemann Akkordeonmusik an und die Lätterbocher sangen "Muss i denn zum Städtele hinaus". Freundschaftliches Winken und etwas Wegzehrung versüßte den Juroren den Abschied aus dem gastlichen Ort.

Vier Sieger Ausgehend von 85 teilnehmenden Dörfern im Kreisentscheid dürfen laut den Leitlinien des Wettbewerbes vier Goldmedaillen in Oberfranken vergeben werden. Gold errungen und damit die Teilnahme am Landesentscheid im kommenden Jahr erreicht haben: Gemeinde Harsdorf (Landkreis Kulmbach), Heidelheim (Stadt Selb, Landkreis Wunsiedel im Fichtelgebirge), Gemeinde Issigau (Landkreis Hof) und Oberleiterbach (Markt Zapfendorf, Landkreis Bamberg).

Begründung In der Jurybewertung für Oberleiterbach heißt es: "Als Bioenergiedorf ist Oberleiterbach bereits heute energieautark. Das Thema Innenentwicklung wird aktiv gelebt. Durch Einsatz moderner Medien gelingt es dem Ort in vorbildlicher Weise, seine Geschichte mittels eines historischen Rundganges erlebbar zu machen. Das vielfältige soziale Leben spiegelt sich insbesondere in verschiedenen Projekten wider, die in Eigenleistung durchgeführt wurden."

Die Plätze Über eine Silbermadaille dürfen sich aus dem Landkreis Bamberg auch die Gemeinde Oberhaid und Brunn (Markt Heiligenstadt i. Ofr.) freuen. Silber erhielten darüberhinaus: Gemeinde Ahorn (Lkr. Coburg), Birk (Gemeinde Emtmannsberg, Lkr. Bayreuth), Heßlach (Markt Weidenberg, Lkr. Bayreuth), Kümmel (Markt Ebensfeld, Lkr. Lichtenfels). Bronze schließlich erhielten: Hirschfeld (Lkr. Kronach), Sinatengrün (Stadt Wunsiedel, Lkr. Wunsiedel), Thierstein (Lkr. Wunsiedel), Windheim (Lkr. Kronach).