Bücher erzählen nicht nur Geschichten, manche haben auch eine. So wie die Bibel von Lyn Messingschlager. 1788 wurde sie unvorstellbar aufwendig angefertigt. Seitdem befindet sie sich in Familienbesitz. Messingschlagers Vater schmuggelte sie aus der DDR. Mit dem Siemens-Mitarbeiter reiste das Buch um die Welt: "Er hat es zuerst mit nach New York genommen, dann nach Japan, Melbourne, dann Sydney", erzählt sie.
Messingschlager spricht mit einem leichten, kaum hörbaren Akzent. Sie selbst ist in Australien geboren. Von dort wanderte sie aus, zurück nach Deutschland, nach Bamberg. "Wegen der Liebe", sagt sie. Zum Abschied schenkte ihr Vater ihr dieses besondere Buch. Nun hat sie es mit in die Neue Residenz gebracht, zur ersten Büchersprechstunde der Staatsbibliothek.

Auch für Regine Ullein, Buchrestauratorin der Bibliothek, ist eine solche Bibel etwas Besonderes. Der Einband ist aus Kalbsleder gefertigt, die Verzierungen handgeprägt und handvergoldet, das Kapitell handgestickt. "Das war eine stunden-, tagelange Arbeit", sagt Ullein. Vorsichtig blättert sie durch die hauchzarten Seiten, bestaunt sie aufwendigen Illustrationen.

Ein Blatt, ganz am Anfang, fehlt. Lyn Messingschlager weiß, warum: "Der Großvater meines Vaters war, am Ende etwas wirr. Er hat die Seite mit den Widmungen herausgetrennt." Für ihren Vater schießt sie ein Foto mit der Handykamera. Damit er sieht, dass sie sich um das Erbstück kümmert. Das bekommt er per WhatsApp.


Eine Kassette für das Buch

Am ersten Tisch hat Messingschlager das Buch von Robert Lorang vom Antiquariat Lorang und Stefan Knoch, stellvertretender Direktor der Staatsbibliothek, schätzen lassen. Rund 2000 Euro sei die Bibel wert. Messingschlager hat aber nicht vor, sie zu verkaufen. Sie ist vielmehr hier, um von Regine Ullein zu erfahren: "Wie erhalte ich das?" Am sichersten sei, die Bibel zu verstecken. Derzeit steht sie in einer Vitrine. Licht und Temperaturschwankungen machen dem Material aber zu schaffen, so Ullein. Sie empfiehlt der australischen Bambergerin, sich eine Kassette anfertigen zu lassen. Dabei dürfe aber keinesfalls moderner Klebstoff verwendet werden - wegen der Weichmacher - sondern nur Kleister oder Haut-und-Knochen-Leim.
40 Karten hat die Staatsbibliothek für die erste Büchersprechstunde vergeben. Nach drei Stunden waren sie weg. Viele Menschen haben alte Erbstücke oder Dachbodenfunde herumliegen und wüssten gerne, ob die alten Bücher noch etwas wert sind. Die Staatsbibliothek möchte die Büchersprechstunde ab sofort regelmäßig anbieten, ein zweiter Termin findet im November statt.

Besonderheiten wie die Bibel aus dem 18. Jahrhundert sind dabei eher selten. "Größtenteils handelt es sich um Massenware", sagt Ulrich Simon vom Antiquariat Lorang. Er blättert durch ein medizinisches Fachbuch, ebenfalls 18. Jahrhundert, gar nicht schlecht erhalten. Um es zu verkaufen, bräuchte man allerdings die restlichen Bände der Reihe. Oder einen Sammler, dem genau dieses Exemplar fehlt. Simon empfiehlt der Besitzerin, es über eBay zu versuchen.

Auf der anderen Seite hat sich Petra Schmitt aus Memmelsdorf zum Expertenduo Knoche-Lorang gesetzt. Sie hat eine kleine Auswahl aus dem frühen 20. Jahrhundert dabei, Inhalt einer Auflösungskiste. "Ich glaube, die sind nix wert", sagt sie. Aber probieren kann man es ja trotzdem mal. Größtenteils liegt sie mit ihrer Einschätzung richtig. Der Goethe um die Jahrhundertwende sieht zwar schön aus mit seinem Jugendstileinband, ist aber nahezu unverkäuflich, so Robert Lorang. Der Schatz liegt dort, wo sie ihn am wenigsten vermutet: Eine ganz frühe Ausgabe eines Karl-May-Romans, herausgegeben in Freiburg. "Das ist eine kleine Rarität", sagt Lorang. Und Karl May geht nach wie vor gut. Wenn er sich mit seinem Antiquariat darauf spezialisieren würde, könnte er leicht den Umsatz steigern. Allerdings: "Karl-May-Sammler sind die schrägsten aller Büchersammler. Die kaufen nur im Topzustand." Schmitts Ausgabe käme für einen solchen nur als Übergangslösung infrage.
Den meisten Besuchern geht es so wie Schmitt. Sie kommen ohne allzu große Hoffnungen, vielfach handelt es sich um Bibeln oder Gebetsbücher. Bei Erbstücken ist der immaterielle Wert höher als der materielle. Die Bibel von Lyn Messingschlager sticht hervor. Auch Ullein ist noch ganz beseelt. So einem Fund begegnet die Restauratorin nicht alle Tage.