Der rötliche Putz ist in die Jahre gekommen, der Garten hinter der Mauer wird offensichtlich nur selten benutzt: Ein kleines Gärtnerhaus mitten in der Theuerstadt zwischen Bahnhof und Königstraße. Einer jener Winkel, den die Touristen noch nicht entdeckt haben. Kein Postkartenidyll, aber ehrlich. Hier wohnt der OB-Kandidat der Grünen, Wolfgang Grader. "Mitten in der Stadt", sagt er, "und dennoch ruhig".

So ruhig aber auch wieder nicht, dass sich der 51-jährige Konrektor langweilen würde. Im Gegenteil: Die Ochsentour zwischen dem Alltag als Lehrer, zwischen Podiumsdiskussionen, Infoständen und Wahlkampfauftritten in Bamberger Gaststätten füllt seinen Terminkalender nun schon seit Wochen. Doch es scheint ihm wenig auszumachen, 14 Stunden und länger am Tag unterwegs zu sein, um für sich und seine Sache zu werben. Grader fühlt sich wohl in seiner Kandidatenhaut und wirkt kein bisschen müde.

Wir treffen den Bewerber dort, wo er sich aufhält, wenn er nicht gerade auf dem Sprung ist Bamberger Oberbürgermeister zu werden: zwischen seinen Bücher-Wänden in der Kaimsgasse. Der ferne Osten, Bildbände und Fachliteratur zu Tibet, China und Indien dominieren zwischen den schätzungsweise tausend Buchrücken, die eine Sitzgruppe mit rotem Ledersofa wie ein Amphitheater umgeben.

Einen Fernseher sucht man in dieser deutsch-asiatischen Studierstube vergeblich. Eine andere Form, Zeit zu sparen: Die Glotze würde zu viel Aufmerksamkeit fressen. Zeit, die fehlt, um wenigstens einen Teil jener Werke zu lesen, die er von seinen Streifzügen durch die Buchhandlungen mit nach Hause bringt. "Bücher sind mein größtes Laster", sagt Grader.

Die Sammelwut für das gedruckte Wort steht in einem engen Zusammenhang mit seinen beiden anderen Leidenschaften: der Lust an der Politik und dem Eintreten für unterdrückte Minderheiten und die Menschenrechte. Grader ist Vorsitzender der Tibet Initiative, die 2008 den Deutschland-Besuch des Dalai Lama organisiert hatte, der unter anderem auch in der damaligen Jako-Arena sprach. Dieses Großereignis mit allem, was dazu gehört, in wenigen Tagen auf die Beine gestellt zu haben, bezeichnet Grader heute als seinen größten politischen Erfolg.

Jemand, der einmal die Verkörperung einer Gottheit nach Bamberg brachte , lässt sich von den großen und kleinen Hindernissen des Wahlkampfs in Bamberg natürlich kaum noch aus der Ruhe bringen. Unaufgeregt und selbstsicher ist der Wahlkampfstil des jüngsten der drei Bewerber. Das hat ihm in den zurückliegenden Monaten manchen Sympathiepunkt auch gegen den übermachtigen Andreas Starke (SPD) eingebracht. Bei der Anfang Februar von der Uni durchgeführten Befragung kassierte Grader die höchsten Glaubwürdigkeitswerte. Was dem grünen Kandidaten zusätzlich hilft: Er ist in der günstigen Position dessen, der nicht siegen muss, um zu gewinnen: "Mein Ziel ist es in die Stichwahl zu kommen. Das wäre ein großartiges politisches Signal für die Grünen und meine politische Arbeit."

Bamberg ist für den gebürtigen Wiener längst zur Heimat geworden. Das liegt nicht nur an den vielen Buchläden in der Stadt, den Studenten oder auch seinem zweiten Vornamen Heinrich, den seine Eltern in weiser Voraussicht gewählt zu haben scheinen: Es war die Liebe zu einer jüngeren Bambergerin, die ihn Anfang der 90er Jahre an die Regnitz lockte. Als die irdische Leidenschaft den Theologen übermannte, hatte er gerade seine Diplom-Arbeit geschrieben - über die Unterschiede im Ordensleben der tibetanischen und der christlichen Mönche. Sie hält heute noch an.