Hirschaid
Geschichte

Bleibt die Judenschule auf der Denkmalliste?

Das letzte steinerne Zeugnis der jüdischen Gemeinde von Hirschaid (Landkreis Bamberg) ist vom Verfall bedroht. Der private Eigentümer gibt den Anstoß zu einer neuen Diskussion.
Bis 1938 erhielten die Kinder der Hirschaider Juden in der Judenschule - schräg gegenüber der früheren Synagoge - ihren Religionsunterricht. Das Bauernhaus an der Nürnberger Straße steht unter Denkmalschutz, es ist vom Einsturz bedroht. Fotos: Werner Baier
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Während die Marktgemeinde 3,5 Millionen Euro in die Generalsanierung des Schlosses Sassanfahrt investiert, ist es für ein anderes Baudenkmal "5 vor 12": An der Nürnberger Straße warnt ein Schild vor der Einsturzgefahr des Gebäudes mit der Hausnummer 12. Das Bauernhaus ist Privateigentum - es war bis 1938 die letzte Judenschule von Hirschaid. In einem rückwärtigen Anbau soll sich eine Mikwe befunden haben. Das bis in die 1980er Jahre für Wohnzwecke genutzte Haus ist das einzige steinerne Zeugnis der jüdischen Besiedlung des Marktes Hirschaid. Seine letzten jüdischen Bewohner waren der Religionslehrer David Kahn, seine Frau Cerry und die 1931 geborene Tochter Frieda. Sie wurden 1942 "nach Osten deportiert". Ihr Schicksal lässt sich nur erahnen, offiziell gilt die Familie als verschollen.

1996 zieh Pfarrer August Popp eine Gedenkfeier am Synagogenplatz eine "grandiose Lüge, wenn wir zusehen würden, wie das Haus verfällt." Popp bezeichnete die Judenschule als ein Stück der Geschichte Hirschaids. Alle Bürger müssten helfen, um die Judenschule in Ordnung zu bringen, sagte er. Der Heimatkundige Rudolf Panzer hat den Appell des katholischen Seelsorgers in seinem Buch "Jüdische Familien in der fränkischen Gemeinde Hirschaid" aufgezeichnet. Gefruchtet hat er nicht: Die Judenschule ist noch stärker verkommen, von respektlosen Passanten als "Müllkübel " zweckentfremdet, von ihrem Eigentümer vernachlässigt und aufgegeben, von der Unteren Denkmalbehörde beim Landratsamt Bamberg seit Jahren aus dem Blick verloren und von der Gemeinde Hirschaid ignoriert, höchstens als Ärgernis wahrgenommen.

Nun kommt aber durch den Antrag des Besitzers und Nachbars Alois Büttel, die Judenschule von der Denkmalliste zu streichen, Bewegung in die Sache. Alternativ schlägt Büttel vor, die Gemeinde solle die Immobilie gegen Bau- oder Ackerland tauschen. Anlass ist der Wunsch von Sohn Michael, neben seinem Elternhaus ein Wohngebäude zu errichten.

Die Wertvorstellungen gehen jedoch weit auseinander. Alois Büttel verweist darauf, dass er anfangs der 1980er Jahre ein Hektar Ackerland im Wert von 25 Mark pro Quadratmeter gegen ein etwa 1000 Quadratmeter großes Grundstück im Ortskern getauscht habe, darauf die Judenschule, das ehemalige jüdische Leichenhaus und eine Scheune. Auf seinem ehemaligen Acker stehe heute das Hauptgebäude von Neubert; aber alle, die später im Umfeld von Neubert Land verkauften, hätten, 60 Mark für den Quadratmeter erhalten. Wenn er sich nun von der eingetauschten Judenschule trennen solle, habe die Gemeinde "etwas gutzumachen", meint Büttel.

Bürgermeister Andreas Schlund (CSU) sieht das anders und erinnert daran, dass die Familie Büttel neben dem innerörtlichen Grundstück noch 60 000 Mark Aufzahlung erhalten habe.

Übervorteilt fühlt sich Büttel, weil ihm der Grundstückstausch vor 30 Jahren dadurch erleichtert worden sei, dass zuvor die Judenschule von der in den 70er Jahren erstellten Denkmalliste genommen worden sei. So konnten das Leichenhaus und die Scheune "problemlos" abgerissen werden. Büttel hat auf dieser Fläche eine große Maschinenhalle für seinen landwirtschaftlichen Betrieb errichtet.

Verwechslung der Hausnummern?


Als er aber 1992 den Abriss der Judenschule und Neubau eines Wohn- und Geschäftshauses beantragte, bewirkte er das Gegenteil: Der frisch gewählte Bürgermeister Andreas Schlund machte sich in der Sache kundig und die Behörden interessierten sich wieder für das vergessene Denkmal. So vermutete das Landesamt für Denkmalpflege eine Verwechslung der Hausnummern bei der Umbenennung der Haupt- in die Nürnberger Straße und maß der Judenschule eine "höhere Bedeutung" bei.

Der Volkskundler Professor Klaus Guth von der Universität Bamberg zählte das Objekt zu den "herausragenden Zeugnissen jüdischer Vergangenheit in Oberfranken". Guth: "Es wäre ein Akt kultureller Barbarei und ein Verbrechen gegenüber den noch lebenden jüdischen Mitbürgern im Ausland , wenn dieses Haus der Spitzhacke zum Opfer fiele."

Die Israelitische Kultusgemeinde Bamberg und der Landesverband der Israelitischen Kultusgemeinden Bayern erhoben Protest gegen den geplanten Abriss: "Wir können es uns nicht mehr leisten, weiteres jüdisches Kulturgut dem Abbruch preiszugeben," schrieb Heiner Olmer aus Bamberg. Die Pfarrer August Popp und Martin Eyring machten namens der christlichen Gemeinden sofort Vorschläge für eine sinnvolle Nutzung des zu renovierenden Gebäudes.

Der damalige Bezirkstagspräsident Edgar Sitzmann sicherte Unterstützung zu. Mit solchen Argumenten im Rücken hoffte Andreas Schlund auf eine eindeutige Haltung des Gemeinderats. Er sollte sich täuschen: Gerade mal mit 10:8 Stimmen wurde 1993 beschlossen, "das Gebäudes samt Mikwe nachträglich in die Liste besonders geschützter Denkmäler aufzunehmen, denn seine Erhaltung liegt im Interesse der Allgemeinheit".

Zur Sicherung verpflichtet


Und die Denkmalbehörde am Landratsamt bedeutete dem Eigentümer der Judenschule wiederholt: Abriss geht nicht. Unter Androhung von 4500 Euro Zwangsgeld wurde Alois Büttel verpflichtet, das löchrige Dach zu schließen, die Fenster gegen Vandalismus zu schützen und den schädlichen Efeu-Bewuchs zu dezimieren. Büttel folgte und vermied das Zwangsgeld.

Aber mehr Positives passierte nicht, auch nachdem Kreisheimatpfleger Wolfgang Rössler das Landratsamt aufforderte, einzuschreiten und nicht länger zuzuschauen, wie das Gebäude verfalle. Das war am 9. März 1998 - der vorletzte Schriftsatz in dem Ordner füllenden Vorgang. Nach 13 weiteren Jahren, in denen der Verfall des Hauses voranschritt, wurde erneut der Antrag auf Streichung des Gebäudes von der Denkmalliste gestellt. Vielleicht bekommt es durch neue Diskussion eine Zukunft als Gemeindearchiv, das wäre der Wunsch von Bürgermeister Schlund.
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