Die Brutalität der Kreuzigung pur: Die Folterwerkzeuge Balken und Nägel, mit Blutspuren gezeichnet. Jesus fehlt allerdings als Figur an dieser elften Kreuzwegstation und ist dennoch gegenwärtig. Fragt er nicht, wer heute Folter erlebt durch tätliche Gewalt oder durch die Gewalt des Wortes? Will er nicht das Bekenntnis, wo jeder zu einem Folterknecht wird im Kleinen: durch Herzlosigkeit, Mitläufertum, Egoismus?

Es ist mucksmäuschenstill im Innenhof des Bistumshauses St. Otto, als die Limbacher Gemeindereferentin Isabella Friedrich diesen Kreuzweg interpretiert. Die Vernissage wird zum Gebet, zur Betrachtung des Leidens Jesu Christi und zur Einladung, sich selbst zu erkennen. Bildhauer Michael Scholl hat den Kreuzweg geschaffen als Spiegel des menschlichen Lebens mit all seinen Lichtblicken und Schattenseiten, mit Freude und Leid, Hoffnung und Verzweiflung.

"Mein Kreuzweg ist keine Bebilderung biblischer Szenen, er zeigt meine innere Sichtweise, meine Haltung zu den herausgearbeiteten Themen", erklärt der gebürtige Haßfurter Scholl, der mit seiner Familie im unterfränkischen Wallfahrtsort Maria Limbach lebt. Natürlich habe er als gläubiger Katholik die Bibel gründlich gelesen: "Ich bin zu den Quellen gegangen", bevor er die Figuren in Bezug zu seinem Jetzt gesetzt habe.


Im Spiegel
Der 44-jährige Bildhauer ist sich bewusst, dass sein Kreuzweg den Betrachter fordert. Er arbeitet mit Spiegeln: "Ich erkenne mich, ich bin aufgefordert, direkt einbezogen und angesprochen." So titelt dieser Kreuzweg auch mit dem Wort "Angeblickt": "Wer diesen Kreuzweg geht, muss damit rechnen, angeblickt zu werden und den Kreuzweg als seinen persönlichen zu erleben", führt Hausherr Regens Martin Emge die zahlreichen Besucher der Ausstellungseröffnung ein.

Die gesichtslosen Gipsskulpturen ermöglichen es in der Tat, sich selbst in ihnen zu sehen oder den nächsten Anderen. Michael Scholl liefert dazu entscheidende Fragen: "Wie oft kann man wohl einen Menschen an einen Balken nageln?" "Ergötzt Du Dich auch am Zur-Schau-stellen?" "Wohnt Jesus in mir?"



Die archaischen, fast minimalistischen Formen der 50 Zentimeter großen Figuren sind mit Symbolik belegt, die Raum für eigene Deutung lässt. Etwa an der ersten Station "Jesus wird zum Tod verurteilt": Pilatus wirkt in seinem rudimentären Gipsgewand innerlich zerrissen, instabil, ohne Halt. Er ist mit dem kraftvollen Jesus durch die Schale verbunden, in der er seine Hände reinwaschen will. Ein Spiegel, in dem sich der Betrachter selbst sieht, fragt: "Was tust Du in solch einer Situation? Zuschauen, schweigen, mithetzen - oder eintreten gegen Unrecht?"

Gemeindereferentin Friedrich geht mit solch provokanten Auslegungen Station für Station ab. Und hat an der 15. Station - die Emmausjünger begegnen dem auferstandenen Jesus - österliche Zuversicht parat: "Jesus geht auch mit uns, er ist unser Wegbegleiter durch alle Höhen und Tiefen des Lebens."

Einen musikalischen Prolog zum Kreuzweg setzten Michael Scholl und Sonja Wißmüller mit einer beeindruckenden Klangsteinperformance. Mit angefeuchteten Händen brachten sie Steine zum Schwingen, die das Geschehen auf dem Ölberg vor Jesu Verhaftung erzählten.