Bamberg
Einzelhandel

Bambergs unsterbliche Passagen-Pläne

Neuer Anlauf für das "Quartier an der Stadtmauer" zwischen Langer Straße und Omnibusbahnhof: Auch ein denkmalgeschütztes Haus soll für das ca. 75 Millionen Euro teuer Handelsgroßprojekt fallen; dafür verspricht der Investor eine Sichtbarmachung der mittelalterlichen Stadtmauer.
Seit 14 Jahren wird um das Handelsvorhaben hinter der Langen Straße gerungen - ohne konkretes Ergebnis. Sparkassenchef Konrad Gottschall (hier am Haus Hellerstraße 13) hofft nun, dass der neue Entwurf für das Quartier an der Mauer im Stadtrat eine Mehrheit findet. Foto: Ronald Rinklef Foto: Foto: Rinklef
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Eine unwirtliche, kaum bekannte Brachfläche mitten im Welterbe Bamberg. Der Putz blättert an den Häusern; ein Gewirr von Anbauten verbreitet tristen Hinterhof-charme - dieser Platz ist wie gemacht für Gespenstergeschichten. Und tatsächlich: Hier, zwischen Langer Straße und Zentralem Omnibusbahnhof, lebt gewissermaßen die Untote der Bamberger Handelsprojekte, bekannt auch als Citypassage. Seit 1997 geistert sie durch die Debatten und Medien, wird dann geräuschvoll begraben, um unter neuem Namen Auferstehung zu feiern.
Eine solche Wiedergeburt steht Bamberg in wenigen Wochen bevor. "Quartier an der Stadtmauer" ist der neue Name des Phantoms und es geht um tausende Quadratmeter Handelsflächen, schätzungsweise 75 Millionen Euro Investitionssumme, das Welterbe Bamberg und natürlich auch um die Zukunft der Innenstadt als Handelsquartier.


Sparkassendirektor Konrad Gottschall weiß, dass es die letzte Chance ist, um die Häuser und Grundstücke seines Geldinstituts nach jahrelangem Hin und Her und kostenträchtigem Leerstand in eine neue Handelsoase zu verwandeln, man könnte auch sagen, an den Mann zu bringen. Er schüttelt den Kopf: "Das ist schon frustrierend mitzuerleben, auf welche Widerstände das Projekt gestoßen ist. 14 Jahre zehren an den Nerven", sagt der Hausherr und zeigt uns die Stuckdecken im denkmalgeschützten Hinterhaus Hellerstraße 13.
Sie stammen aus dem Anfang des 18. Jahrhunderts, sind teilweise bereits stark beschädigt und gemessen an dem, was man in Bambergs sonst an Stuckdecken zu sehen bekommt, äußerst bescheiden. Dennoch hat der weiße Deckenschmuck die Macht, über die Zukunft eines gesamten Handelsareals zu entscheiden. Er erinnert zusammen mit den Resten eines Tauchbads im Untergrund an die Geschicke der Bamberger jüdischen Gemeinde, die hier im Umfeld der Stadtmauer im 15. Jahrhundert eine neue Heimat nach der Vertreibung aus der Judenstraße gefunden hatte.

Schon einmal haben die Stuckdecken und das mit ihnen verbundene Gedenken ihre Kraft bewiesen. Sie verhinderten den Bau der City-Passage, einer überdachten Einkaufsmall, die zwischen die Altstadthäuser geklotzt werden sollte. Sogar die Monitoring-Gruppe der Unesco hatte sich damals mit den Bamberger Handelsplänen befasst - und lautstark Nein gesagt. 2005 wurde das Vorhaben dann vom damaligen OB Herbert Lauer endgültig abgeblasen.

Doch dieses Mal ist vieles anders. Der 2008 beauftragte neue Projektentwickler Multi Development aus Duisburg hat sich in einer Weise mit der Geschichte des 5000 Quadratmeter großen Areals vertraut gemacht, die selbst Denkmalschützern wie Karin Dengler-Schreiber Respekt abverlangt. Ausgrabungen der beiden sich hier kreuzenden Stadtmauern zeugen davon, das Eingehen auf die Gebäude - und Dächerstruktur und nicht zuletzt das immer wieder betonte Bekenntnis von Geschäftsführer Andrej Pomtow, die Gratwanderung im Welterbe Bamberg mit der allergrößten Sensibilität zu gehen. Die geplante Nullachtfünfzehn-Passage mutierte seitdem zum abgespeckten Freiluft-Geschäftsviertel aus drei markanten Häusern, die die Bamberger Grundstruktur aus Vorder- und Hinterhaus und Hof nachempfinden sollen.
Tauchbad und die Stadtmauer aus dem 14. Jahrhundert, bisher nicht zugänglich, würden den Besuchern der Passage präsentiert, das denkmalgeschützte Haus Keßlerstraße 38 werde integriert, verspricht Pomtow. Um eines kommt aber auch der neue Planer nicht herum: Das Hinterhaus Hellerstraße 13, Stein des Anstoßes 2003 bis 2005, steht nach wie vor dem Anspruch im Weg, für einen dritten Handelsmagneten die entsprechenden Flächen bereit zu stellen. Auch technisch, so sagen die Projektentwickler, "ist es nicht möglich, das Haus für Brandschutz und die anderen Erfordernisse zu ertüchtigen" - ein nicht unproblematisches Bekenntnis. Denn dadurch wird der Abbruch in einem Areal unvermeidlich, das namhafte Denkmalschützer zum Welterbe-Prüfstein erhoben haben.

Dennoch gilt es nicht als ausgemacht, dass sich das Dilemma der Citypassage nun auch mit dem Quartier an der Stadtmauer wiederholten wird. Oberbürgermeister Andreas Starke (SPD) hat sich zwischenzeitlich bei der Unesco in Paris versichern lassen, dass der Titel Welterbe selbst dann nicht bedroht ist, wenn es zum Abriss käme. Außerdem weiß sich das Stadtoberhaupt mit vielen einig, die den desolaten Zustand hinter der Langen Straße gerne beendet sähen. "Das Quartier an der Stadtmauer wird einen großen Schub für die gesamte Einkaufsstadt bringen", sagt der OB und bricht eine Lanze für die kleinteilige Struktur. Sie biete auch dem Bamberger Handel Möglichkeiten, sich zu beteiligen.

Konrad Gottschall betont beim Rundgang, wie wichtig ihm der Denkmalschutz ist. Den Konflikt um die Hellerstraße versteht er in seiner Härte nicht. Der Sparkassenchef glaubt an eine Kompromisslösung. Aber er möchte dafür nicht nochmal 14 Jahre warten.
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