Zahllose Touristen pilgern ins "Fränkische Rom", um den Kaiserdom, Klein Venedig, die Altenburg und andere Sehenswürdigkeiten zu bestaunen. Auf Schritt und Tritt begegnen sie Bambergern, die den kulturellen Reichtum des Welterbes kaum mehr wahrnehmen. Eine Möglichkeit, die altbekannten Winkel und Ecken neu zu entdecken, bieten die "Bamberger Spaziergänge": Ein Dokumentarfilm, der einem Charme und Schönheit der eigenen Heimat wieder nahebringt. Was manchen in der Ferienzeit vielleicht auch zu einer Reise durch Geschichte und Geschichten der Domstadt inspiriert. Ganz im Sinne des Goethe-Zitats "Warum in die Ferne schweifen? Sieh, das Gute liegt so nah!"

Zunächst führt der Film von Anna Wolter und Alfred Moebius ein Jahrtausend zurück: Zu Kaiser Heinrich II., der sich als junger Mann am liebsten in der Babenburg aufhielt, um die sich Bamberg entwickelte. So vermachte er seiner Gemahlin nach der Hochzeitsnacht den Besitz als "Morgengabe". Bei aller Liebe aber blieb der Kindersegen aus. Und selbst auf dem Dom, den der Bistumsgründer am "Nabel der Welt" errichten ließ, schien ein Fluch zu lasten: Erst brannte die 1012 geweihte Kathedrale, die Bamberg zur zweiten ewigen Stadt machen sollte, in der Osternacht des Jahres 1081, dann traf sie 1185 der Blitz. Der Eckbertdom wurde gebaut. In den "Bamberger Spaziergängen" aber ersteht der Heinrichsdom in einer 3D-Rekonstruktion auf, wie ihn sich der kinderlose Kaiser erträumt hatte.

Blick über Bamberg


Nach der Stippvisite in der Zeit Heinrichs II. kehrt die Dokumentation aber schon ins 21. Jahrhundert zurück und lässt vom Geyerswörthturm aus den Blick über Bamberg schweifen. Der eigentliche "Spaziergang" beginnt in der Theuerstadt. Abseits ausgetretener Touristenpfade besuchen Interessenten also Sankt Gangolf als Bambergs älteste Kirche, in der Stilelemente der Romanik, der Gotik, des Rokkoko und der Moderne verschmelzen. Sie bewundern die Kunstschätze des Gotteshauses, das einem seit dem 9. Jahrhundert verehrten Märtyrer geweiht ist. Vielleicht würde mancher gerne mehr über den burgundischen Ritter erfahren, der von einem lüsternen Priester ermordet wurde, zumal sich ein Teil seines Hauptes unter den Reliquien der Pfarrei befindet. Aber menschliche Geschichten streifen die "Spaziergänge" nur am Rande, um eine Fülle an Daten und Fakten zu vermitteln, die sich um jede einzelne Station des Weges ranken.

So geht's weiter Richtung Inselstadt, vorbei an der alten Hauptwache, dem Maxplatz und Grünen Markt. Die Martinskirche bringt den nächsten Stopp, dann das Naturkundemuseum. Ein Sprung zum E.T.A.-Hoffmann-Platz, wo der romantische Erzähler während seiner "Lehr- und Marterjahre" lebte, wie der Dichter seinen kurzen Bamberg-Aufenthalt kommentierte. Womit Hoffmann den schwärmerischen Blick der Filmemacher auf die Domstadt am allerwenigsten nachvollziehen könnte. Aufhalten lassen sich "Spaziergänger" folglich nicht von dem Skeptiker. Zumal der Gondoliere wartet, um Interessenten auf der Regnitz zum einstigen Gerberviertel schaukeln zu lassen.

Bei einer Prozession


Keine Müdigkeit vorschützen: Klein Venedig, das Sandgebiet, der Stephansberg, Jakobsberg, Domberg und Michelsberg warten noch darauf, sich samt ihrer Sehenswürdigkeiten präsentieren zu können. Dazwischen eine Fronleichnamsprozession, die die Glaubenstradition der Domstadt spiegelt. Und schon steht ein Kurztrip in die Region an, wo Schloss Seehof und Schloss Weissenstein als ehemalige Sommerresidenzen der Fürstbischöfe zu besichtigen sind.

Ja, das geballte Wissen eines Fremdenführers stürmt auf einen mit so vielen Daten und Fakten ein, dass aufmerksamen Zuschauern anschließend der Schädel brummt. Viel von der Atmosphäre, die ein historischer Rundgang bieten könnte, geht auf diese Weise verloren: einer Atmosphäre, der man nach dem Abspann lieber auf eigene Faust nachspürt. Die nötigen Kenntnisse hat man bei den "Spaziergängen" ja gewonnen, um Bambergs Schätzen nicht unvorbereitet zu begegnen.