Die Erwerbsgärtnerei hat Richard Schley schon vor Jahren an den Nagel gehängt. Er ist 81 Jahre alt und baut Kartoffeln und ein wenig Gemüse nur noch für den Eigenbedarf an. Deshalb sieht sein 160 Meter langer Grundstücksstreifen hinter der Mittelstraße mitten im Sommer nicht viel anders als im Winter aus: kahl und schwarz.
Salat, Rettich und Radieschen werden im Herzen Bambergs vermutlich auch im nächsten Jahr nicht in großer Zahl wachsen. Sehr zum Leidwesen der Touristen, die dann jenen siebeneinhalb Meter hohen Glasturm vergeblich erklimmen könnten. Das Bauwerk, das wenige Schritte von Schleys Grundstück aus dem sandigen Gärtnerboden wachsen soll, ist eine Art Unesco-Turm. Er ermöglicht den Ausblick auf das, was zur Ernennung Bambergs zum Welterbe beitrug - das Bamberger Gärtnerland.

Gemüsebauern wird man auf der 35.000 Quadratmeter großen Anbaufläche zwischen Heiliggrab- und Mittelstraße freilich nur sehr wenige sehen, und wenn, dann haben diese möglicherweise etwas dagegen, zum Objekt touristischer Neugier zu werden: Richard Schley und Johann Eichfelder zum Beispiel wollen keine Museumsgärtner sein. Sie und elf andere Grundstückseigentümer haben deshalb eine Protestnote an Oberbürgermeister Andreas Starke (SPD) unterschrieben, in der sie sich auf ihr Recht auf eine Privatsphäre berufen. "Wir empfinden den Aussichtsturm zwischen unseren Gärten als Eingriff in unsere Privatsphäre. Wir wollen nicht, dass uns die Touristen wie im Zoo betrachten", meint Eichfelder.

Es ist der zweite Aufschrei aus der Gärtnerstadt, der einem Projekt gilt, das eigentlich der Gärtnerstadt dienen soll. Und er kommt spät. Der Aufsichtsrat der Gartenschau GmbH, der Stadtentwicklungssenat und zuletzt der Bausenat haben dem Vorhaben "Urbaner Gartenbau" bereits zugestimmt. Das Projekt umfasst den Ausbau des Vorplatz des Gärtnermuseums sowie einen Rundweg durch die Gärtnerstadt. Dessen Höhe- und Endpunkt soll der Glasturm gleich neben der Böhmerwiese in der Heiliggrabstraße sein- mit ungehindertem Blick auf Gärtnerland und Welterbekulisse.

Harald Lang von der Landesgartenschau wundert sich, dass es nach so langer Abstimmung immer noch Missverständnisse gibt. Niemand wolle die Gärtner ausspionieren, das Projekt habe den Zweck, wieder ein Bewusstsein für den Wert des urbanen Gartenbaus zu wecken. Sichtfelder gebe bei dem Turm nur nach vorne, so dass die Privatsphäre der unmittelbaren Nachbarn gewahrt bleibe. Andererseits müsse man den Besuchern auch etwas bieten, dass sie bis hierher kommen: "Die Aussichtsplattform ist eine Attraktion."

Freilich hat das Projekt auch seinen Preis. 461.000 Euro kosten alle drei Bestandteile, 200.000 Euro gehen davon auf das Konto des Glasturms samt Erschließung durch einen Steg. Der hohe Aufwand war auch der Grund, weshalb die Grünen in der Sitzung des Bausenats zuletzt mit nein gestimmt hatten, ungeachtet der Tatsache, dass es sich dank des Konjunkturpakets I weitgehend um Bundesmittel und nicht um städtisches Geld handelt: "Hier werden Steuergelder in großer Höhe für ein fragwürdiges Projekt ausgegeben", stellt Ulrike Heucken (GAL) fest. Sie stößt sich an den Dimensionen des Turms ("ein Brett") und fragt sich, ob man den Touristen zuliebe die Intimsphäre von Bewohner beeinträchtigen muss.

Doch auch unter den Gärtnern gibt es Befürworter der Plattform. Ralf Böhmer gehört zu ihnen. Er betreibt gleich neben dem künftigen Standort eine Gärtnerei. Und es geht ihm nicht nur um die Belebung der eigenen Geschäfte: "Das Konjunkturpaket ist eine einmalige Chance, dass sich mal was im Gärtnerviertel tut. Es kann doch niemand etwas dagegen haben, wenn mehr Menschen hierherfinden", sagt der 37-Jährige. Angst vor neugierigen Blicken hat er nicht, im Gegenteil: "Ohne die Plattform werden die Menschen nicht kommen."