Links die Domtürme, rechts der Michelsberg und die Konzerthalle. Wer auf diesem Balkon steht, dem liegt Bamberg zu Füßen, "Starkes Bamberg" könnte man hinzufügen, ohne die Unwahrheit zu sagen. Hier wohnt der Mann, der Bamberg seit 2006 regiert und es gerne bis 2020 weiter tun möchte. Keine Residenz, aber doch repräsentativ ist das Appartement, modern eingerichtet und mitten in der Stadt. Starke hat die 130 Quadratmeter große Neubauwohnung unweit der Mußstraße vor drei Jahren gemietet - von einem CSU-Mitglied.

Transparenz und Bürgernähe, zwei der zentralen Forderungen des OB, hier, im Privaten, finden sie ihre natürlichen Grenzen. Den geschützten Balkon nach Norden zieht er dem offenen der Südseite vor. Für den vielbeschäftigten Oberbürgermeister ist die Wohnung der einzige Rückzugspunkt in einem Leben, das sieben Tage in der Woche von öffentlichen Verpflichtungen geprägt ist und das wie kein zweites in Bamberg unter Beobachtung steht.

Das ist auch an diesem Tag nicht anders, als Starke Fotograf und Reporter zu Hause empfängt. Eineinhalb Stunden, in denen sich der 55-Jährige als Familienmensch und als visionärer Stadtgestalter präsentiert: Starkes Mutter Anne ist da, seine Tochter Meike, die in Hamburg studiert und derzeit Semesterferien hat. Schwester Biggi kocht. Es gibt die Leibspeise von Andreas Starke: Rouladen mit Rotkohl und Klößen.

Das Tischgespräch kreist um die Vorzüge des Innenstadtlebens und um die besondere Rolle eines Oberbürgermeisters in einer Stadt wie Bamberg. An sie hat sich auch Starke erst gewöhnen müssen: "Wenn jemand am Anfang meiner Amtszeit Herr Oberbürgermeister sagte, habe ich immer geglaubt, Herbert Lauer steht hinter mir. "
Auch im Leben eines OB gibt es private Momente, aber es sind nicht viele. Was wenige wissen: Starke hat die letzten Jahre genutzt, um ein altes Hobby aus Jugendtagen, das Querflöte-Spielen, wieder aufleben zu lassen. Er spielt Tennis in einer Herren-Mannschaft des TCB. Und im Arbeitszimmer steht die rot-weiße Rennmaschine aus Carbon. Am Sonntag hat er zusammen mit seiner Lebensgefährtin Helen Galal die Saison eröffnet - mit einer Tour über Kramersfeld Richtung Litzendorf. Es soll nicht der einzige Ausritt in diesem Jahr bleiben.

Doch das Risiko ist groß, dass die privaten Momente im Leben des Andreas Starke auch in Zukunft Seltenheitswert haben. Denn dort dominiert vor allem eine Leidenschaft: Bamberg. Das lässt wenig Zeit für anderes.
Nur kurz nach dem Essen sitzen wir also auf schwarzen Ledersesseln, gegenüber hängt ein riesiger Flachbildschirm, und Andreas Starke schwelgt in Zukunftsvisionen. Beispiel ICE-Trasse. Um zu einer stadtverträglichen Lösung zu kommen, will der Oberbürgermeister die Unversehrtheit des Welterbes zum Kernpunkt der Bamberger Forderungen machen - eine gesamtgesellschaftliche Verpflichtung, wie er findet. Oder die Konversion: Der 2. Februar 2012, als der amerikanische Oberbefehlshaber Hertling über den Truppenabzug informierte, markiert für den OB den Beginn eines neuen Zeitalters. Alles wird sich in den nächsten Jahren an den Bedürfnissen und Chancen eines Prozesses messen lassen müssen, der zur Neugewinnung ganzer Stadtteile führen soll.

Ein Glücksfall, findet Starke, dass der neue OB acht Jahre Zeit hat, diese Mammutaufgabe zu bewältigen - ohne den üblichen Wahlkampfdruck. Starke spricht von 1000 neuen Wohnungen, die im Bamberger Osten entstehen könnten. Doch es geht nicht nur darum, den prekären Immobilienmarkt zu entspannen. Auch der Industrie- und Gewerbestandort Bamberg könnte ungeahnten Auftrieb erhalten. Als langjähriger Kommunalpolitiker weiß Andreas Starke nur zu gut: Neue Betriebe bringen neue Arbeitsplätze und sie verbessern die Steuerkraft der Stadt.
Die großen Weichenstellungen, Infrastruktur und Stadtentwicklung sind Starkes Stärken, doch er ist kein kalter Technokrat. Der frühere Strafverteidiger kann auf Menschen zugehen, er ist schlagfertig, von bemerkenswerter Anpassungsfähigkeit und ein Großmeister im Repräsentieren. Das tut er in diesen Tagen pausenlos. Ob bei der Vorstellung des neuen Bamberg-Weins, bei Bamberger Handwerkern, die er just in dieser Woche besucht, bei der Jungbürgerversammlung am Dienstag und einem Pressetermin tags darauf, wo es um die Familientage der Gartenschau ging. Dass die Wahl schon entschieden sei, wie viele in Bamberg glauben, lässt er nicht gelten - das Bauchgefühl des erfahrenen Wahlkäpfers rät zur Vorsicht. Die OB-Wahl 2012 ist Starkes vierte seit 1988. Zwei hat er verloren, eine gewonnen.