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Coronavirus

"Das ist katastrophal": Bamberger Arztpraxen klagen über zu wenig Impfstoff

Die Aufhebung der Impfpriorisierung in Bayern bereitet den Hausärzten teils massive Probleme. Der Grund: In den Praxen ist Corona-Impfstoff Mangelware. "Das ist katastrophal", sagt die Bamberger Ärztin Dr. Inken Seelmann. "Wir haben 500 Menschen auf unserer Warteliste."
 
"Das ist katastrophal": Aufhebung der Impfpriorisierung stellt Arztpraxen vor große Probleme
In Bayern dürfen Hausärzte von diesem Donnerstag an unabhängig von der Impfreihenfolge gegen Corona impfen. Das Problem dabei: In vielen Praxen ist der entsprechende Impfstoff rar. Symbolfoto: KitzD66/pixabay.com
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Aufhebung der Impfpriorisierung in Bayerns Arztpraxen - Bamberger Ärztinnen beklagen Impfstoffmangel: In Bayern dürfen ab dieser Woche sämtliche bislang verfügbaren Corona-Impfstoffe in Arztpraxen verimpft werden - darunter auch mRNA-Impfstoffe. Dies hatte Ministerpräsident Markus Söder bereits in der vergangenen Woche entsprechend angekündigt. Bisher waren ausschließlich die Impfstoffe von Astrazeneca und Johnson & Johnson von der Priorisierung freigegeben.

Wie nun bekannt wurde, entfällt die staatlich vorgegebene Priorisierung aller Impfstoffe konkret ab kommenden Donnerstag (20. Mai 2021). In der Folge kann sich jeder Bürger von seinem Hausarzt impfen lassen - sofern bei diesem genügend Impfstoff vorhanden ist.

Aufhebung der Impfpriorisierung: Bamberger Praxis-Telefon steht nicht mehr still

Bayern agiert in dieser Angelegenheit damit schneller als der Bund. Deutschlandweit fällt die Impfpriorisierung erst ab dem 7. Juni weg. Derweil stellt die Abschaffung der Impfreihenfolge die Arztpraxen teils vor große Probleme. In der Hausarztpraxis von Dr. Inken Seelmann in der Bamberger Gasfabrikstraße hat die bereits zuvor sehr hohe Nachfrage nach einer Covid-19-Schutzimpfung seit der Ankündigung des Priorisierungsendes nun noch einmal zugenommen. 

"Wir haben einen extremen Anstieg in der Praxis. Das Telefon steht nicht mehr still. Die Nachfrage ist enorm", berichtet Seelmann inFranken.de. Laut der Fachärztin für Allgemeinmedizin ist das Hauptproblem gleichwohl der fehlende Impfstoff in den Praxen. "Das ist katastrophal. Wir haben 500 Menschen auf unserer Warteliste. Und wir bekommen sechs Dosen Impfstoff pro Woche. Da können Sie sich ja ausrechnen, wie lang man da braucht."

Als Impfstoff stehe der Praxis aktuell ausschließlich das Vakzin von Biontech zur Verfügung. Die lange Wartezeit für eine Impfung sorge auf Patientenseite nicht selten für Unverständnis und Ärger. Auffallend laut Seelmann: Gerade die Jüngeren seien im Normalfall vernünftig. Der Großteil der Impfwilligen sei indes zwischen 50 und 60 Jahre alt. "Wir haben die Tendenz: Je älter, desto schwieriger wird das Telefonat", so die Ärztin. Zwar ließen sich auch die älteren Patienten auf die Liste setzen. "Manche rufen aber trotzdem drei- oder fünfmal an. Die verstehen nicht, warum sie warten müssen. Sie werden dann häufig sehr unfreundlich. Seelmann zufolge ist "das Aggressionslevel deutlich gestiegen".

Ärzte werden am Telefon bedrängt: "Wir haben permanent Anfragen nach Impfungen"

Bei den Impfdränglern handele es sich in erster Linie um "Patienten, die sagen: 'Ich habe einfach keinen Bock mehr zu warten.'" Um Erleichterungen geht es vielen Menschen dabei nicht, vermutet die Medizinerin. "Es geht einfach nur darum: 'Ich habe das Recht, geimpft zu werden. Und ich möchte jetzt sofort geimpft werden. Alles andere ist mir scheißegal' - so nach dem Motto." Erstaunlich sei, dass es sich bei den Anrufern dieser Art vornehmlich um Senioren handele. "Dass jüngere Menschen anrufen und Druck machen, ist sehr selten. Es sind tatsächlich eher die Senioren, die dann auch wirklich rabiat werden." 

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Der rare Covid-19-Impfstoff hält auch die Mitarbeiter einer anderen Bamberger Praxis auf Trab. "Die Nachfrage ist auch schon vor dieser Aufhebung sehr hoch gewesen", berichtet Dr. Theresa Lamprecht inFranken.de. Die Fachärztin für Innere Medizin arbeitet in der Hausarztpraxis ihres Mannes in der Gaustadter Hauptstraße. "Wir haben permanent Anfragen nach Impfungen." Die Aufhebung der Impfpriorisierung ändere vorerst nichts am entsprechenden Ablauf, sagt sie.

Der Grund auch hier: "Es stehen noch relativ viele Patienten auf der Warteliste, die jetzt erst einmal abgearbeitet werden müssen - und die wir natürlich auch intern weiter priorisieren nach medizinischer Sinnhaftigkeit", erklärt Lamprecht. Denn auch hier stellt sich für die Medizinerin die Frage: "Wen wähle ich aus? Wen impfe ich mit den wenigen Impfdosen, die ich habe?" Gleichwohl hätten Patienten, bei denen die Zweitimpfung anstehe, Erstimpflingen gegenüber Vorrang. 

Internistin aus Bamberg mit Ansage: Impfpriorisierung "weiterhin sinnvoll"

Anders als in der Praxis von Inken Seelmann kommt in Lamprechts Praxis neben dem Biontech-Impfstoff auch das Vakzin von Astrazeneca zum Einsatz. Insgesamt können derzeit rund 60 Dosen in der Woche verimpft werden. Nichtsdestotrotz stehen auch in dieser Praxis gegenwärtig mehrere Hundert Menschen auf der Warteliste für eine Covid-19-Schutzimpfung. Wie lange diese Patienten auf ihre Impfung letztlich noch warten müssen, sei noch nicht absehbar. 

"Ich denke nicht, dass die Anzahl der Impfungen durch die Priorisierung vermindert wird. Es ist immer noch die Menge an Impfstoff, die im Prinzip der limitierende Faktor ist." In der jetzigen Situation sei eine Priorisierung weiterhin sinnvoll, erklärt Lamprecht. Auch in den Impfzentren werde diese aber aufgehoben werden, wenn genügend Impfstoff vorhanden ist, vermutet die Internistin. 

"Dass sich jeder Patient, wie es manchmal in den Medien heißt, jetzt einen Impftermin holen kann, können wir aus logistischen Gründen gar nicht anbieten, weil wir erst einmal die Warteliste abarbeiten müssen." Auch Lamprecht betont diesbezüglich: "Wer natürlich älter ist oder vorerkrankt, der kommt logischerweise eher dran als jemand, der keinen Priorisierungsgrund hat. Solange der Impfstoff knapp ist, macht eine Priorisierung trotzdem weiter Sinn - schon allein aus medizinischen Gründen, auch wenn sie die Politik nicht vorgibt."

Bamberger Hausärztin fordert Abschaffung der Impfzentren 

Ähnlich sieht es auch Dr. Inken Seelmann. Auch wenn die staatlich vorgegebene Impfreihenfolge fortan entfällt, finde demnach praxisintern nach wie vor eine Priorisierung statt. In Seelmanns Hausarztpraxis spielen etwa folgende Aspekte eine Rolle: "Wie lange steht jemand schon auf der Liste? Welches Alter haben die Patienten? Gibt es Vorerkrankungen? Handelt es sich um einen Beruf, der in irgendeiner Weise relevant ist?" 

Um künftig ausreichend Impfstoff für ihre Patienten zur Verfügung zu haben, plädiert Seelmann dafür, die Impfzentren zu schließen. "Meiner Meinung nach gehören die Impfzentren einfach abgeschafft. Es kann nicht sein, dass ich sechs Dosen Impfstoff für die ganze Woche kriege - und die Impfzentren kriegen viel mehr." Ihr Lösungsansatz: Den in den Impfzentren verwendeten Impfstoff den Hausarztpraxen zur Verfügung stellen.

"Es ist für mich absolut unverständlich, warum die Impfzentren so viel bekommen, während ich die Leute wegschicken muss." Dieses Procedere sei für sie schlussendlich nicht mehr nachvollziehbar. In wirtschaftlicher Hinsicht spricht die Bamberger Ärztin in diesem Zusammenhang deshalb von Wettbewerbsverzerrung. Mit sechs Dosen pro Woche seien beispielsweise keine Firmenimpfungen durchführbar. "Das wäre das Gleiche, wenn BMW keine Autos mehr bauen kann, weil alle Reifen an Mercedes gehen." 

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