Wie soll die Kirche der Zukunft aussehen? Im Bistum Würzburg hat sich der Geistliche Rat - eine Versammlung der Hauptabteilungsleiter des Ordinariats plus Domkapitel - seine eigenen Gedanken gemacht. Gegenwärtig werden die Pläne dieses Gremiums diskutiert - durchaus kontrovers. Weil aus den einmal 620 Pfarreien in rund 160 Pfarreiengemeinschaften künftig nur noch wenige Großpfarreien in jedem Dekanat werden sollen. Warum das alles? Weil die Zahl der Priester kontinuierlich zurückgeht. Im Bistum Würzburg von 503 Priestern im aktiven Kirchendienst noch im Jahr 2004 auf 381 Priester im Jahr 2014.


Es gibt nicht nur weniger Geistliche, auch die Zahl der Katholiken nimmt ab.

Von derzeit noch rund 770.000 auf etwa 620.000 bis zum Jahr 2030. Man wolle rechtzeitig handeln, ehe man zu schwach auf der Brust werde, erklärt Generalvikar Thomas Keßler.
Im nächsten Jahr erreicht Würzburgs Bischof Friedhelm Hofmann zudem sein Ruhestandsalter. Vor seiner Verabschiedung möchte das Bistumsoberhaupt jedoch noch die Weichen für die Zukunft stellen.

Der Grundgedanke: Die bisherigen Pfarreien, Kuratien und Filialen sollen künftig als Gemeinden innerhalb neuer Pfarreien zusammengefasst werden und sich an größeren pastoralen Räumen orientieren. Jede dieser neuen Pfarreien soll dann nur noch eine Kirchenstiftung und eine gewählte Kirchenverwaltung erhalten.


Förderstiftungen

In neu zu schaffenden Förderstiftungen könnte das Vermögen der bisherigen Kirchenstiftungen zweckgebunden übertragen werden. Hinter all dem steckt die Überlegung, bestehende Gemeinden nicht aufzulösen, sondern in größeren Pfarreien als rechtlichem Rahmen zu integrieren. Diese neugeschaffenen Großpfarreien würden auch künftig von einem Pfarrer geleitet, während die Leitung einer Gemeinde auch von einem Pastoral- oder Gemeindereferenten übernommen werden könne, so Keßler. Ein Pfarrer, dazu acht bis zehn weitere hauptamtliche Helfer, so könnte die Personalausstattung der neuen Pfarreien aussehen.

Wichtig sei, dass die Seelsorger weitgehend von Verwaltungsaufgaben entlastet werden, um ihren eigentlichen Aufgaben - dem Spenden der Sakramente und der geistlichen Begleitung der Gläubigen - noch besser nachkommen zu können.

Die bisherigen rund 160 Pfarreiengemeinschaften im Bistum stellen demnach nur eine Art Zwischenlösung auf dem Weg zur Großpfarrei dar. Wobei diese Zwischenlösungen noch recht lange funktionsfähig bleiben könnten.
Weil die neu angedachten Lösungen quasi nicht über Nacht der bisherigen Struktur übergestülpt werden sollen. Ziel sei vielmehr, im Verlauf dere nächsten Jahrzehnte für stabile Strukturen zu sorgen, damit die Kirche ihren Aufgaben auch in Zukunft gerecht werden kann. Der Würzburger Generalvikar ist sich im Klaren darüber, dass derlei gravierende Veränderungen auf Vorbehalte und Kritik stoßen und erst einmal ausführlich diskutiert werden müssen.

Im Sommer ist deshalb eine Vollversammlung des Diözesanrats vorgesehen, auf dem das Konzept des Geistlichen Rats noch einmal ausführlich erörtert werden soll.


Neupriester: kaum mehr Nachwuchs

Im Jahr 1962 wurden in Deutschland noch 557 Priesterweihen vorgenommen. Die Zahl sank bis 1990 auf 295. Im Jahr 2014 waren es bundesweit gerade noch 75 Weihen. In den Bistümern Würzburg und Bamberg stagniert die Zahl der jährlich geweihten Neupriester seit der Jahrtausendwende auf einem denkbar niedrigen Niveau. Die Zahl schwankt jährlich zwischen eins und neun Weihen. Zweistellige Werte werden nicht mehr erreicht.

Wer glaubt überhaupt noch? Im Jahr 2014 lebten in Deutschland 81,1 Millionen Einwohner. Zumindest laut Fortschreibung des Zensus aus dem Jahr 2011. 92,3 Prozent - das sind 74 Millionen Einwohner besaßen die deutsche Staatsbürgerschaft.
Die Kirchenstatistik zählte hiervon 23,9 Millionen Mitglieder der katholischen und 23 Millionen Mitglieder der evangelischen Kirche. In Deutschland kommen noch rund 288 000 Mitglieder der evangelischen Freikirchen hinzu, etwa 1,7 Millionen Angehörige der orthodoxen Kirchen und über 500 000 Mitglieder anderer christlicher Kirchen und Gemeinschaften. Diese Zahlen dokumentieren auch, dass in Deutschland mehr als ein Drittel der Bevölkerung entweder konfessionslos oder andersgläubig ist.


Andersgläubige

Zu den Andersgläubigen zählen beispielsweise die Angehörigen der beiden monotheistischen Religionen, die es neben dem Christentum noch gibt. Die Rede ist hier von geschätzten etwa vier Millionen Muslimen (zu-
meist Türken) im Land. Dazu kommen noch einmal rund 100 000 Mitglieder der jüdischen Gemeinden.


Wie den Betrieb aufrechterhalten mit immer weniger Personal? In Bamberg setzen
die Verantwortlichen auf alte Strukturen. Fusionswünschen der Basis will man entsprechen.

Im Jahr 2014 wurden im Erzbistum Bamberg drei junge Männer zu Priestern geweiht. 12 Monate zuvor waren es vier Kandidaten, 2012 dagegen nur zwei. Während im Jahr 1990 noch insgesamt 478 Welt- und Ordenspriester aktiv ihren Dienst versahen, reduzierte sich diese Zahl bis zum Jahr 2014 auf 278. Im Verlauf von 24 Jahren ein Rückgang um gut 40 Prozent. Ein Trend, der anhält.
Gleichzeitig Beleg dafür, wie dramatisch sich die Situation in der katholischen Kirche beim geistlichen Personal entwickelt hat.
Nun lässt sich trefflich über mögliche Ursachen spekulieren. Angefangen von der Zölibatsdebatte bis hin zum Hinweis auf eine zunehmend verweltlichte Gesellschaft werden da Argumente ausgetauscht. Den derzeit in Verantwortung stehenden Kirchenmännern hilft das nicht wirklich weiter. Die Aufrechterhaltung des Betriebs mit immer weniger Personal - das ist die aktuelle Herausforderung.
Im Erzbistum Bamberg ist Domkapitular Hans Schieber für das pastorale Personal verantwortlich. Er kennt natürlich auch die Lösungsansätze, die derzeit im benachbarten Bistum Würzburg unter dem Stichwort "Großpfarreien" diskutiert werden.


Pfarrstrukturen bleiben erhalten

In Bamberg gehe man, so heißt es, zunächst einen anderen Weg. Heißt, es sind trotz der angespannten Personallage keine gravierenden Veränderungen geplant. Was unter dem Strich bedeutet, dass die bisherigen Pfarrstrukturen nicht angetastet werden sollen. Wobei ja jetzt schon mehrere Pfarreien in sogenannten Seelsorgebereichen zusammengefasst sind. Bereits hier müssen sich die Gemeinden das pastorale Personal teilen. Das funktioniere oft, aber natürlich nicht immer. Ob Seelsorgebereiche oder Pfarreienverbände, einen großen Unterschied zur Situation in Würzburg vermag Schieber eigentlich nicht zu erkennen. Wobei auch in Würzburg mit größeren strukturellen Veränderungen ja erst im Zeitraum von Jahrzehnten zu rechnen sei.
Würde sich an der Basis der Wunsch nach Kooperation oder nach Fusion von Pfarreien Bahn brechen, wolle man dem durchaus entsprechen, so Schieber. Entsprechende Projekte würden im Nordosten des Bistums modellhaft geprüft. Es sei der Wunsch des Erzbischofs, derlei Entwicklungen nicht von oben vorzugeben, aber sehr wohl auf derlei Wünsche einzugehen.
Einen Konzentrationsprozess werde es wohl auch im Bistum Bamberg geben, ist Schieber überzeugt. Auf Verwaltungsebene zum Beispiel. Eine Konzentration der Pfarrbüros auf Dekanatsebene etwa, oder Gesamtkirchenverwaltungen, die sich um Kindergärten, Baumaßnahmen und Immobilien kümmern würden. Die Pfarrer könnten so entlastet werden und sich auf pastorale Aufgaben konzentrieren. Schieber lässt offen, wann neue Strukturen definitiv notwendig würden.


Reform bis 2022

Für das Jahr 2017 werde es auf der Basis derzeit vorliegender Zahlen erst einmal einen neuen, auf fünf Jahre angelegten Stellenplan geben.
Mit dessen Auslaufen im Jahr 2022 rechnet jedoch auch Hans Schieber damit, dass es dann unausweichlich zu neuen Strukturen für das Erzbistum kommen werde. Wobei es nicht nur um die Pfarrorganisation gehen kann. Die Kirche zeigt ja auch an gesellschaftlichen Brennpunkten Präsenz. Beispiel Gefängnisseelsorge: Da gibt es inzwischen im Bistum mit Hans Lyer nur noch einen Priester, der vor Ort, in seinem Fall in der Justizvollzugsanstalt Ebrach, Dienst tut. Andernorts sind bereits Pastoralreferenten im Einsatz. Der inzwischen 65-jährige Lyer weiß sehr wohl, dass er der letzte Gefängnisgeistliche im Bistum sein dürfte. Die Kategorialseelsorge bleibt trotz allem ein Schwerpunkt kirchlicher Arbeit. Auch in der Krankenhausseelsorge werde man deshalb künftig tätig bleiben, so Schieber.
Wie wirkt sich die Personalnot auf die Arbeit der derzeit aktiven Pfarrer aus? Kilian Kemmer, Dekan in Höchstadt, muss in seinem Seelsorgebereich inzwischen sechs mehr oder weniger große Pfarreien versorgen. Ein Problem immer dann, wenn die Gläubigen eine besondere Feiertagsgestaltung, zum Beispiel an Ostern, erwarten. Da hilft das beste Zeitmanagement nicht mehr weiter. Kemmer: "Pfarreien mit 300 oder 400 Gläubigen, das geht nicht mehr. Hier sollte die Bistumsleitung neue Grenzen definieren."


Evangelische Kirche

In der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern stellt sich die Situation anders dar als in der katholischen Kirche.

Gläubige Wobei auch hier ein Rückgang der Gläubigen festzustellen ist. Verglichen mit dem Jahr 1990 (2,671 Millionen Mitglieder) ging die Zahl der Gläubigen bis zum Jahr 2014 auf 2,456 Millionen zurück.

Organisation Organisiert ist die evangelische Kirche Bayern in sechs Kirchenkreisen, 67 Dekanatsbezirken mit 1538 Gemeinden.

Pfarrer Im Jahr 1991 waren in der bayerischen Landeskirche 2368 Pfarrer und Pfarrerinnen angestellt, darunter 238 Frauen. Im Jahr 2014 beschäftigte die Kirche 2449 Pfarrer, wobei der Anteil der Pfarrerinnen besonders stark anstieg (904 Frauen). Von einem Priestermangel kann demnach in der evangelischen Kirche nicht die Rede sein.


Kommentar von Redakteur Klaus Angerstein

Inzwischen sollten selbst die Verantwortlichen in der katholischen Kirche die Zeichen der Zeit erkannt haben. Der Priestermangel, er verstärkt sich eher, als dass er weniger würde. Die Zahl junger Männer, die sich zum katholischen Priester weihen lassen, lässt sich inzwischen buchstäblich an den Fingern einer Hand ablesen. Beispiel: Im Jahr 2002 gab es im Erzbistum Bamberg keine einzige Priesterweihe, 1998 eine einzige, 2012 zwei. Im Verlauf der letzten gut 20 Jahre ist in der katholischen Kirche in Deutschland die Zahl der Priester um 25 Prozent zurückgegangen. In einigen Bistümern wie Bamberg um 40 Prozent. Da sich die konservativen Kreise innerhalb des Katholizismus einer Reform an Haupt und Gliedern entschieden widersetzen, bleibt es wohl bei der Verwaltung eines immer schmerzlicher werdenden Mangels. Da hilft auch die Neuorganisation von Verwaltungsstrukturen nicht weiter. Wenn der Wortgottesdienst Einzug hält, Beerdigungen, Krankenkommunion und Kategorialseelsorge immer mehr in Laienhände übergehen, stellt sich irgendwann die Sinnfrage.
Dass es auch anders geht, beweist ein Blick auf die evangelische Landeskirche in Bayern. Die hat heute mehr Pfarrer und Pfarrerinnen im Einsatz als vor 20 Jahren. Nun müssen sich wegen dieses Vergleichs mit den "Luthrischen" katholische Dogmatiker ja nicht gleich aus dem Fenster stürzen. Fakt ist, dass es in der evangelischen Kirche im Gegensatz zur katholischen hierzulande genügend Pfarrer gibt. Da gibt es auch weniger Missbrauch und keine so verlogene Zölibatsstruktur. Daran festzuhalten führt irgendwann zu einem neuen Schisma - oder zu einer Kirche für nur noch einige wenige.