Die Ecclesia als Symbol der christlichen Kirche richtet ihren festen und klaren Blick in die Ferne. Stolz spricht auch aus der geraden Haltung. Die Synagoge, die den jüdischen Glauben symbolisiert, hat einen gebrochenen Stab in der einen Hand. Aus der Anderen fallen ihr Gesetzestafeln. Vor den Augen hat sie eine Binde. Der Kopf neigt sich leicht zur Seite. Sie steht gebeugt, die Hüfte nach vorne, der Rücken gekrümmt.

Nun liegt zwar Kunstinterpretation in der Regel im Auge des Betrachters. Und entsprechend findet der Vorsitzende der Israelitischen Kultusgemeinde Bamberg, Martin Arieh Rudolph: "Die Ecclesia wirkt so siegessicher, das ist mir unsympathisch. Ich finde, wir Juden haben die feinere, schönere Figur - die auch noch ihre Arme hat." In der theologischen Deutung seien die Skulpturen allerdings "eindeutig antijudaistisch, zumindest aus heutiger Sicht", stellt Kunsthistorikerin Birgit Kastner fest, die seit November die Kulturabteilung des Erzbistums leitet. Deutlich wird dies im Zusammenhang mit anderen Darstellungen am Fürstenportal, wo mittlerweile wetterfeste Nachbildungen von Ecclesia und Synagoge stehen. Das Original-Figurenpaar aus Sandstein befindet sich zum Schutz vor Witterung seit 1936 innerhalb des Doms. "Das Fürstenportal stellt ein theologisches Komplettprogramm dar", erklärt Kastner. Es veranschaulicht die mittelalterliche Substitutionstheologie, die das Christentum über das Judentum stellt. "Das ist schon lange nicht mehr die Ansicht der katholischen Kirche", stellt Kastner aber klar.

In der Mitte ist das Jüngste Gericht zu sehen. Das Judentum steht auf der der Seite der Verdammten - denn es hat Jesus nicht anerkannt. Im christlichen Selbstverständnis der damaligen Zeit bleibt ihm dadurch die Erlösung verwehrt. "Auch das, was sich auf der jeweiligen Säule unter den Figuren befindet, ist der Beachtung wert - der Teufel, der an der Synagoge herabklettert und dem Mann mit Judenhut und Geldsäckchen das rechte Auge auskratzt, und die Engelsfigur, die an der Ecclesia zuoberst dargestellt ist", gibt die Rabbinerin Antje Yael Deusel von der Liberalen Jüdischen Gemeinde Mischkan ha-Tfila Bamberg zu Bedenken. "Meiner Ansicht nach tragen die beiden Figuren eine klare antijudaistische Botschaft."

Aber was tun mit den Kunstwerken aus dem 13. Jahrhundert, die "aus kunsthistorischer Sicht großartige Skulpturen der Gotik sind", wie Kastner betont? Sollen sie aus dem Dom entfernt werden? Der Beauftrage für Weltanschauungsfragen der Erzdiözese Bamberg, Hans Markus Horst, schlug vor, sie ins Diözesan-Museum zu verlegen, um dort "ein augenfälliges Zeichen gegen Antisemitismus und Antijudaismus zu setzen". Dort würden sie allerdings aus dem historischen Kontext gerissen und nur gegen Eintritt zu betrachten sein. "Wenn man die Statuen entfernt, ist es so, als wollte man einen Teil der Vergangenheit entfernen", sagt Rabbinerin Deus. "Denn letztlich gehört die Botschaft zu einer bestimmten Zeit innerhalb der Geschichte." "Eine Entfernung ändert keine Einstellung", findet auch Kastner - ebenso wie Erzbischof Ludwig Schick und Rudolph von der Israelitischen Kultusgemeinde.

Einig sind sich die Religionsvertreter auch darin, dass man über die Darstellung reden müsse. "Ich denke, die bildliche Botschaft muss mit einer verbalen (Gegen-)Botschaft, ob im gedruckten, ob im geschriebenen Wort, verbunden werden - damit der einstigen Botschaft des Hasses entgegengewirkt werden kann, damit die Menschen zum Nachdenken, womöglich auch zum Umdenken gebracht werden", so Deus.

Das Erzbistum plant, Hinweisschilder anzubringen und Touristenführer anzuhalten, über das Kunstwerk im historischen Kontext zu sprechen. "Wir wollen nicht nur erklären, sondern auch Fragen aufwerfen - etwa, welchen Einfluss solche Darstellungen auf den Antisemitismus haben und hatten", sagt Kastner, die den Umgang mit den Figuren zur Hauptaufgabe ihrer neuen Leitungsstelle gemacht hat. Da solche Skulpturen zum einen in Bamberg von zigtausenden Besuchern unterschiedlichster Kulturen und Religionen betrachtet werden und sie zum anderen nicht nur in der Welterbestadt zu sehen sind, sondern europaweit, will sie dafür zunächst einen Runden Tisch organisieren. Hier sollen Verterter verschiedener Religionen und Kulturen mit Historikern und Touristikern klären: "Wie sind die Figuren entstanden? Wie haben sie sich entwickelt? Wie gehen wir heute damit um?" Kastner befinde sich dazu auch mit der bayerischen Staatsregierung im Gespräch.

Deren Antisemitismus-Beauftragter Ludwig Spaenle hat sich die Figur der Synagoge im Dom "bewusst angeschaut", wie er sagt. Sein Fazit: "Das ist ein Ausdruck von Judenfeindlichkeit". Die Debatte darüber sei gut: "Sie hilft bei der Vermittlung von historischen Tatsachen. Man muss sich damit auseinandersetzen." Auch Rudolph von der Isrealitischen Gemeinde findet: "Eine Diskussion kann es immer geben." Allerdings gebe es auch antisemitische Figuren, die zu weit gingen und keinen Raum mehr für Debatten böten, findet Rudolph. Etwa die "Judensäue", die immer noch an einigen Kirchen angebracht sind. Denn im Gegensatz zu der "eigentlich schönen" Synagoge-Figur "sind die wirklich widerwärtig."

Kommentar von Michael Memmel: "Die schlechteste Antwort"

Müssen wir über Mohren diskutieren? Über Bilder von Bayerlein? Oder gar über mittelalterliche Domfiguren? Und das immer und immer wieder? Ich bin überzeugt: Ja, das müssen wir. Ob etwas zeitgemäß oder überholt ist, muss jede Generation für sich klären. Die Antwort "Das war schon immer so, also wird es schon passen" ist die denkbar schlechteste. Vielleicht lagen bisherige Bewertungen schon immer daneben, weil den Betroffenen die Stimme fehlte oder sich Sichtweisen geändert haben. Wir sollten diese Diskussionen zulassen, ja als Ausdruck unseren offenen Gesellschaft gutheißen. Auch wenn die Debatte manchmal anstrengend sein mag.

Reaktionen aus dem Netz zur Debatte

BlueViking: Bei Führungen und/oder einer Tafel die Figuren aus dem historischen Kontext heraus erklären und die Unterschiede der Glaubensrichtungen verdeutlichen, aber vor allem auch Gemeinsamkeiten hervorheben - das ist der richtige Weg!

Klaus62: Wenn ich im Dom bin, mache ich immer einen Abstecher zur Synagoge. Eine wunderschöne Skulptur! Meines Erachtens hat sich der Bildhauer damit auch mehr Mühe gegeben als mit der etwas langweiligen Ecclesia. Ich fände es schade, wenn ich zum Betrachten extra ins Museum müsste.

HannelorMaria: Ich bin überzeugt, dass 99 Prozent der Bürger noch keinen Gedanken darüber verschwendet hat, was die Statuen versinnbildlichen sollen.