Nicht einfach scheint es, dem Reisberg seine Geheimnisse aus der Zeit der Völkerwanderung zu entlocken. Fest steht bisher: Im vierten und im fünften nachchristlichen Jahrhundert war der 554 Meter hohe Juragipfel - der Name leitet sich von der Bezeichnung Rinspurg/ Reinsburg ab, was soviel wie Grenzburg bedeutet - eine der bedeutendsten Höhenbefestigungen Süddeutschlands, gemessen an der Zahl der Funde sogar die bedeutendste. Das bestätigt auch das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege. Dann aber wird die Informationslage dünner.

Vielleicht nacheinander, vielleicht nebeneinander, auch das ist nicht aufgeklärt, lebten in der Mainregion inner- und außerhalb des römischen Limes damals elbgermanische Sueben und ostgermanische Burgunder. Bestätigt wird diese ethnische Zugehörigkeit vom Landesamt aber nicht. "Die Funde werden bisher keinem Volk oder Stamm zugeordnet", sagt Jochen Haberstroh vom Landesamt, eine Kapazität auf seinem Gebiet. Die Gegenstände können auch durch Handelsbeziehungen auf den Reisberg gelangt sein, deshalb ist die Auswertung schwierig. Haberstroh sieht auch keine Möglichkeit zur Nachbesserung, um zum Beispiel den Zeitpunkt der Zerstörung der Befestigungsanlage auf dem Reisberg konkreter zu fassen. Dafür wären umfangreiche Ausgrabungen eine Möglichkeit. "Derzeit gibt es dafür keine Chancen. Die erforderlichen Ausgrabungen stünden dem Denkmalerhalt entgegen und wären nur im Rahmen eines geförderten, mehrjährigen Hochschulforschungsprojektes realisierbar."

Womit "privaten" Forschungen Tür und Tor geöffnet sind, denn natürlich ist die Bedeutung des Reisberges den Schatzsuchern und Sondengängern nicht entgangen. Auch das Landesamt bedauert, dass in den letzten Jahren und Jahrzehnten insbesondere Metallgegenstände illegal ausgegraben worden sind. Fundmitteilungen lägen allerdings schon seit Jahren in Schloss Seehof nicht vor. Seit eine mögliche Zugehörigkeit der Anlage zum Burgunderreich ein Thema ist, sei das Interesse stark gestiegen. Entsprechend wäre davon auszugehen, dass neuere Funde vom Reisberg einer wissenschaftlichen Auswertung entzogen wurden. Oder wurde nichts mehr gefunden?

Die Erkenntnisse darüber sind lückenhaft. Einer, der das "Revier" kennt, ist der Jagdpächter auf dem Reisberg, der frühere Scheßlitzer Stadtrat Peter Schonath. Er ärgerte sich des Öfteren über die Schatzsucher. "An Wochenenden hat man die nicht gesehen. Die sind nur gekommen, wenn sonst niemand oben war und sie sich unbeobachtet gefühlt haben", so der Waidmann. In "flagranti" hat er aber niemand ertappt.

Vieles wurde aber auch der Wissenschaft und dem Landesamt überlassen. "Vom Reisberg gibt es mehrere Hundert Fundstücke, eine genaue Zahl ist nicht bekannt", sagt Jochen Haberstroh. Alleine in den letzten Jahren seien Hunderte von Metallobjekten an das Fränkische-Schweiz-Museum Tüchersfeld verkauft worden. Sie werden dort auch in einer eigenen und sehr gut besuchten Abteilung präsentiert. Mehr als 40 000 Euro hat dem Vernehmen nach das Museum für die Sammlung einer Familie aus dem Landkreis Bamberg gezahlt, die Oberfrankenstiftung hat dazu 15 000 Euro beigesteuert. Dazu gehört zum Beispiel ein gut erhaltenes Langschwert von beeindruckender Größe.

Kämpften hier die Könige?


Dennoch ist eine Reihe von Grundbesitzern im vergangenen Jahr juristisch gegen vermeintliche Frevler vorgegangen. Insbesondere seit sich nicht mehr ausschließen lässt, dass die Reinsburg zu Zeiten der Burgunder deren Grenzburg war, wächst das Interesse. Das Verfahren wurde bei Gericht in Bamberg allerdings eingestellt - die Familie aus dem Landkreis hatte alles ordnungsgemäß angegeben.

Gewissheit besitzt man darüber zwar nicht, aber der Reiseweg der Burgunderkönige ist im Nibelungenlied durchaus nachvollziehbar. Ihr letzter Weg führte Gunter, Gernot und Giselher bekanntlich nicht an "Etzels Burg", wie der Dichter zum Besten gibt. Die Spur verliert sich vielmehr nach der Fahrt per Schiff auf dem Main in Ostfranken. Irgendwo danach hatten sie ihren letzten Kampf zu fechten. Wollten sie zum Reisberg, hätten sie bis Zapfendorf per Schiff fahren können und den Rest des Weges zu Pferd zurücklegen müssen. Siedlungen mit burgundischen Ortsnamen wie Lauf, Pausdorf oder Roschlaub - bis man dann zu den Burg-Orten Burgellern und Burglesau kommt - bestätigen, dass dieser Weg durch eigene Wehrbauern gesichert sein konnte, sagt der Bamberger Namensforscher Joachim Andraschke. Für das Treffen der Könige auf dem Reisberg spielt es nach seiner Ansicht aber keine Rolle, welches Volk in der Umgebung gelebt hat. Ebensowenig, ob die Anlage zum Zeitpunkt des im Nibelungenlied beschriebenen unseligen Zusammentreffens im Jahr 436 bereits (teilweise) zerstört war oder nicht. "Der Platz war sozusagen international bekannt", sagt Andraschke ebenso wie andere Historiker.

Heute ist es aus Scheßlitzer Sicht nicht die optimale Lösung, dass die Reisberg-Funde im fernen Tüchersfeld präsentiert werden. "Wir hätten diese bedeutenden Funde natürlich gerne in Scheßlitz gehabt", sagt Franziska Hintzke, Stellvertretende Vorsitzende des Heimatkundlichen Vereins der Stadt, zu der der Reisberg kommunalpolitisch gehört. Die Stadt habe zur Einrichtung eines Museums eigens ein Gebäude am Häfnermarkt erworben. Allerdings hätte die Einrichtung eines Museums nach den einschlägigen Vorschriften Kosten von rund 800 000 Euro verursacht, dazu kämen die nötigen Fachleute. Der Landkreis Bamberg und die Oberfrankenstiftung hätten signalisiert, dass sie kein weiteres Museum mehr fördern wollten. Damit war das Vorhaben "gestorben".

Was aber auch aus der Sicht des heimischen Landtagsabgeordneten Heinrich Rudrof (CSU) eine unbefriedigende Lösung ist. Als Beirat im Haus der Bayerischen Geschichte spricht sich Rudrof für eine bessere Information der Öffentlichkeit an Ort und Stelle aus. "Vielleicht könnte man so etwas wie einen Informationspfad anlegen", wünscht sich Rudrof, ähnlich wie auf dem Staffelberg, wo ein Stück Keltenmauer rekonstruiert wurde. Voraussetzung dafür wäre die Freilegung beispielsweise des besonders interessanten Torbereiches der "Reinsburg".
Beim Fränkische-Schweiz-Museum in Tüchersfeld wissen dessen Leiter Rainer Hofmann und sein Stellvertreter Jens Kraus die Funde vom Reisberg sehr zu schätzen. Die Zerstörung der Burganlage in der ersten Hälfte des fünften Jahrhunderts können sie zeitlich ebenfalls nicht genau einordnen. Im Übrigen, so Jens Kraus, habe es dabei möglicherweise über einen längeren Zeitraum hinweg Kämpfe gegeben. "Prominentestes" Fundstück aus dieser Zeit ist ein kleines Teil eines römischen Prunkschwertes, wie es nur von allerhöchsten politischen und militärischen Führern dieser Zeit getragen wurde.