Kostenlos ist das Radhaus in Bamberg nicht, doch seine Vorzüge sind unbestritten: Wer seinen Drahtesel in der neu geschaffenen Parkanlage in der Brennerstraße abstellt, weiß ihn vor Wind, Wetter und mit großer Wahrscheinlichkeit auch vor unberechtigtem Zugriff geschützt. Wer einen Meter vor dem Radhaus parkt, muss mit dem Gegenteil rechnen. Iris Höfener aus Bamberg hat das schmerzhaft festgestellt. Die Frau, die nach Haßfurt pendelt, hat ihr Fahrrad direkt vor dem Radhaus abgestellt und nach der Rückkehr lange suchen müssen. Ein Diebstahl, wie so oft am Bahnhof? Die überraschende Antwort gab ein Blick ins Radhaus. Dort fand Höfener ihren Untersatz angekettet - neben schätzungsweise anderen zehn Drahteseln. Die Stadtwerke hatten zugeschlagen und lästige Falschparker dingfest gemacht. Die Auslösung des fahrbaren Untersatzes kostete Zeit und Nerven.

Was war genau passiert? Die Verkehrs- und Park GmbH, die seit Anfang März in Bamberg das erste voll automatisierte Fahrradparkhaus Bayerns betreibt, kämpft in Bamberg mit einem Phänomen, das immer wieder zu beobachten ist, wenn kostenlose Angebote in kostenpflichtige umgewandelt werden. Das Radhaus verschreckt ausgerechnet jene, für die es mit insgesamt 1,1 Millionen Euro gebaut worden ist: die Radfahrer, oder zumindest einen Teil von ihnen. Zwar herrscht seit der Eröffnung der Unterführung auch an der Ost-Seite der Gleise reger Radverkehr.

Doch nur ein Teil der Pedalisten übertritt auch die Schwelle zum kostenpflichtigen Radhaus. Der Rest sucht sein Glück rundherum in der Brennerstraße, wo es seit kurzem in den Morgenstunden kaum noch ein Verkehrsschild, einen Lichtmasten oder Baumpfahl gibt, der nicht auf allen Seiten von Fahrrädern umringt wäre. Selbst beim Nachbarn, Wieland Electric, hat man den Parkdruck zu spüren bekommen, der vom Bamberger Bahnhof neuerdings auch nach Osten wirkt. "Wer geht freiwillig auf einen Park- und Ride-Platz, wenn er in der Nachbarschaft kostenlos parken kann", stellt Peter Wicht ernüchtert fest. Seine Erfahrung: Engstellen auf dem Gehweg werden immer häufiger, die Mitarbeiterplätze des Unternehmens müssen für Fremdparker herhalten. "Das ist unschön."

Nur vermeintlich kostenfrei ist dagegen das Parken auf dem Stadtwerke-Grundstück vor dem Radhaus, das genau bis zur Gehsteigkante reicht, wie Parksünder längst wissen. Wer sein Rad innerhalb dieser Demarkationslinie positioniert, den trifft, auch wenn nirgends ein Verbotsschild hängt, die volle Härte der Hausordnung. Die sieht "Verräumung" des deplatzierten Drahtesels ins Radhaus und eine Strafe von 30 bis 500 Euro für seinen Besitzer vor. "Wildparker können auf unserem Grundstück nicht toleriert werden. Für die Fahrradparkanlage wurde sehr viel Geld ausgegeben. Da müssen wir zusehen, dass sich der Betrieb rechnet", begründet Jan Giersberg von den Stadtwerken das Vorgehen.

Ob es mit solchen Strafen gelingt, das Haus zu füllen? Iris Höfener glaubt nicht daran. Sie ist empört über das "pädagogisch fragwürdige Gebaren der Stadt"; ihre Familie, die freiwillig auf ein Auto verzichtet, macht seit ihrem Erlebnis einen konsequenten Bogen ums denkmal-geschützte Radhaus. Ihre Forderung ist klar: "Auch im Osten des Bahnhofs muss es kostenfreie Radparkplätze geben. "

Das sieht auch Alexander Kinzinger so, der im Bamberger Osten wohnt und seinen Zeitvorteil auf dem Weg zum Zug nach Erlangen nicht durch das aufwändige Einchecken ins videoüberwachte Sandsteinhaus verlieren möchte. Ganz abgesehen von den Kosten, die das aufwirft: "Jetzt soll ich jeden Tag 50 Cent für mein altes Rad bezahlen? Damit verdoppele ich den Wert meines Fahrrads im Zwei-Monats-Rhythmus. Für mich ist das Fehlen kostenloser Parkplätze am neuen Tunnelausgang eine Provinz-Posse."

Vorwürfe wie von Alexander Kinzinger und beispielsweise auch den Wunsch nach Studententarifen haben die Verantwortlichen der Stadtwerke in den letzten Wochen schon öfter zu hören bekommen, ohne, dass es sie sonderlich anficht. Glaubt man Jan Giersberg, ist das Radhaus mit 50 Cent am Tag nicht teurer als vergleichbare Einrichtungen andernorts, und es bietet eine Reihe von Vorzügen: Es ist trocken und sauber, man kann darauf vertrauen, dass das Rad nicht gestohlen oder weggetragen wird. "Das sind Vorteile, die auch ein sparsamer Franke akzeptieren muss", findet Giersberg.

Bislang scheinen die Zahlen die Zuversicht der Stadtwerke allerdings nicht zu bestätigen: Die Auslastung des Radhauses von knapp 25 Prozent ist überraschend niedrig, vor allem wenn man den Mangel an Abstellplätzen im Bahnhofsumfeld vor Augen hat. Überall herrscht drangvolle Enge, überall stehen Fahrräder, Hunderte von ihnen auf verbotenen Flächen, die meisten vor Diebstahl nur unzureichend gesichert.

Wie ein Fahrradfriedhof

Ganz besonders schlimm ist das Chaos in der so genannten Abstellanlage Süd zwischen dem Atrium und einem amerikanischen Schnellrestaurant. Sie fällt nicht nur dadurch auf, dass Radständer weitgehend fehlen. Hier stapeln sich die Drahtesel mittlerweile auch in der Vertikalen, weshalb der Anblick eher an einen Fahrradfriedhof erinnert als an einen Parkplatz.

Hier wie andernorts rund um den Bahnhof kämpft die Deutsche Bahn AG seit Jahren gegen die Flut täglich nachwachsender Vehikel. Mit überschaubarem Erfolg. Jeden Morgen werden Dutzende falsch geparkter Räder mit einem gelben Band an den Speichen markiert, ehe sie nach Verstreichen einer Frist der Polizei übergeben werden. Dass es einmal genug Stellflächen für alle geben könnte, glaubt Bahnhofsmanagerin Heike Steinhoff nicht. "Das ist nicht anders als bei Autoparkplätzen. Es gibt nie genug davon." Zumindest am Abstellplatz Süd kündigt sich aber Veränderung an. Hier planen die Stadtwerke das zweite Radhaus in Bamberg - mit 196 Parkplätzen. Bald schon wird aufgeräumt.