Bamberg
Bestattungskultur

Alte, aber wertvolle Steine

Seit den 1960er Jahren verdrängen polierte Grabsteine aus aller Welt die Grabmäler aus fränkischem Muschelkalk. Das Friedhofsamt will in der V. Abteilung, wo besonders viele historische Steine überdauert haben, den Trend nicht nur stoppen sondern umkehren.
Heinrich Popp steht an einem der prächtigsten Muschelkalk-Grabsteine in der V. Abteilung. Foto: Michael Gründel
"Das wäre heute fast unbezahlbar", stellt Vorarbeiter Heinrich Popp fest und streicht vorsichtig und bewundernd mit den Fingern über die Buchstaben auf einem mannshohen Grabstein. Die Schrift darauf tritt deutlich hervor. Sie rahmt das Bild einer Frau, die unter einer Weide trauert.

Der kunstvoll behauene Stein und der Gärtnermeister in Diensten der Stadt stehen in der V. Abteilung, Unterabteilung P, des Hauptfriedhofs. Das Gräberfeld in der Nähe des Eingangs Hallstadter Straße gehört zu den wenigen, die noch ein relativ geschlossenes Bild bieten: Mehr als die Hälfte der Grabsteine stammen noch aus den frühen 1930er Jahren, als der Gottesacker erweitert wurde und diese fünfte Abteilung entstand.

In anderen Teilen sind die beigegrauen Steine aus Muschelkalk- schon fast verschwunden - verdrängt von polierten Modellen, die in den 1960er Jahren aufkamen und die es inzwischen in nahezu allen Farben schimmernd gibt. Sehr zum Leidwesen von Amtsleiter Robert Neuberth und Abteilungsleiter Peter Oster. Sie möchten den Bambergern den Blick schärfen für die alten Steine, die oft achtlos ausrangiert worden sind. Man müsse sie als ein Stück Kulturgut betrachten, als Zeugnisse für die Bestattungskultur einer bestimmten Zeit. Außerdem passe Muschelkalk, der meist aus unterfränkischen Steinbrüchen stamme, besser nach Bamberg als Materialien aus Südamerika oder Asien.

Im Gräberfeld P der V. Abteilung will man es nicht länger dem Zufall überlassen, wie lange die alten Grabmäler überdauern. Im Gegenteil: Das Friedhofsamt vergibt Gräber in diesem Abschnitt seit einiger Zeit nur noch, wenn ein alter Stein erhalten bzw. ein neuzeitlicher durch einen historischen ersetzt wird. Das Bearbeiten alter Steine komme in der Regel nicht teurer als der Kauf eines neuen, versichert Oster.

Er nennt einen Betrag von ungefähr 2500 Euro und spricht von einer "Win-Win-Situation": "Wir sind froh, wenn die Steine erhalten bleiben und die Angehörigen können stolz auf einen noch handwerklich gefertigten Stein sein". Für aufwändig behauene wie jenen mit der Reliefschrift, den Popp so bewundert, habe man damals bestimmt 10 000 bis 20 000 Mark hinlegen müssen, schätzen unsere Gesprächspartner.

Von ihrer Strategie versprechen sie sich mehr Erfolg beim Bewahren einer bedrohten Bestattungskultur als von Verboten. Der Amtsleiter berichtet vom Versuch der Stadt München, durch eine Gestaltungssatzung zu erreichen, dass auf den Friedhöfen keine (exotischen) Steine mehr aufgestellt werden dürfen, die mit Hilfe ausbeuterischer Kinderarbeit entstanden sind: Ein Steinmetz habe dagegen geklagt, weil er in der Satzung eine Wettbewerbsverzerrung sah - und er habe Recht bekommen.

Bamberg arbeitet lieber "mit einer Zuckerspur", wie es Neuberth formuliert. Man möchte bei den Bürgern eine neue Wertschätzung für die alten Grabmäler wecken. Das geschieht u.a. in Gesprächen mit Hinterbliebenen. Für vielleicht 20 historische Steine pro Jahr finde sich auf diese Weise neue Verwendung.

Das ganze Gräberfeld P in der V. Abteilung lässt laut Oster noch erkennen, wie die Bamberger Mittel- und Oberschicht vor 60 bis 70 Jahren ihre Lieben beigesetzt hat. Man legte Wert auf eine gewisse repräsentative Wirkung. Auch die Stadt investierte in den 1930er Jahren mehr in die Friedhofs-Erweiterung: Jedes Grab und jede Reihe wird von Natursteinplatten eingefasst. "Das wäre heute unbezahlbar", sagt Robert Neuberth.
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