Große Räume, verzweigte Wege, fast schon ein Labyrinth. So sieht es hinter der Bühne aus, dem Gebäudetrakt des E.T.A.-Hoffmann-Theaters, den man als Theaterzuschauer eigentlich nie zu sehen bekommt. Und doch ein Gewusel von arbeitenden Menschen, die eines vereint: "Wir sind hier alle ein bisschen verrückt!" Die Theaterpädagogin Ramona Parino, die dieses Urteil fällt, lächelt. Kein Wunder, weiß sie doch, wie der Berufsalltag im Theater abläuft und kennt die Crew, die alles gibt, um die perfekte Aufführung zu kreieren.


Auf der Suche nach dem perfekten Job

Und welche Rolle spielen wir, die Klasse 9e des Dientzenhofer-Gymnasiums, in diesem Stück? Wir sind, begleitet von unserer Lehrerin Claudia Losgar, auf der Suche nach Berufsorientierung, nach Berufsfeldern, die unseren Interessen und Fähigkeiten entgegenkommen. Dem perfekten Job eben.
Wissen Sie eigentlich, wie viele Menschen an einer gelungenen Aufführung beteiligt sind? Bis zu 40! Da wäre zum Beispiel Heinz Kügel, der seit über zehn Jahren die Bühnen-Konstruktionen am E.T.A.-Hoffmann-Theater auf- und abbaut. Ein leichter Job, für den man nur Muskeln braucht? Keineswegs! Eine fundierte Ausbildung als Schlosser ermöglicht es ihm, in den unterschiedlichsten Bereichen im Theater zu arbeiten, so ist auch "jeden Tag etwas Neues zu erledigen".


"Im schlimmsten Fall gibt es Tote"

Primär fertigt er nach einer Vorlage die Rahmenkonstruktionen auf der Bühne an und baut sie so auf, dass sich später die Schauspieler sicher darauf bewegen können. Doch was passiert, wenn er doch einmal etwas instabil baut oder etwas nicht hält? "Im schlimmsten Fall gibt es Tote!" Hmm, ein ziemlich aufwendiger und verantwortungsvoller Beruf, der neben Kreativität auch einer handwerklichen Begabung bedarf.
Auch ein Schreiner am Theater kann im Gegensatz zum herkömmlichen Industrieschreiner künstlerischer und kreativer arbeiten: Vom Bühnenbildner bekommt er ein Foto, wie die Bühne konstruiert sein soll, und muss diese erst in Miniatur und dann in Großformat nachbauen. Rahmenkonstruktionen in Rahmenbauweise für Landschaften und Möbel sind sein Hauptgeschäft.
Trotz aller Vorgaben darf auch der Schreiner seiner Kreativität freien Lauf lassen und "man ist stolz, wenn das Konstrukt am Ende fertig dasteht", sagt die Schreinerin Ilka Kunze.


Hier riecht's aber streng

Man muss aber nicht nur kreativ sein, sondern auch flexibel. Denn trotz acht Stunden Arbeitszeit pro Tag müssen die Konstruktionen manchmal schneller als geplant erstellt werden. Demnach ein körperlich anstrengender Beruf, der aber den Vorteil besitzt, eindeutig sagen zu können: "Ich habe es gemacht!" Damit das Bühnenbild auch lebendig wirkt, bringen die Malerinnen ganz viel Farbe ins Spiel. Dafür benutzen sie breite und lange Pinsel oder Bürsten, da sie häufig riesige Flächen bemalen müssen. Farbgeruch, helles Licht, Styropor: Es riecht hier im Malersaal nicht nur nach Farbe, sondern auch nach Kunststoff. Da der ganze Raum lichtdurchflutet ist, wirken die im Zimmer stehenden lebensgroßen Figuren wahnsinnig echt. Im Augenblick ist Malerin und Plastikerin Andrea Arnold gerade mit der Anfertigung der Figur einer schwarzen Madonna beschäftigt. An ihrer Kreation erkennt man Anhaltspunkte und Skizzenstriche. "Sie helfen mir, einfacher anfangen zu können", erklärt die Malerin, die eine dreijährige Maler-und Lackierer-Ausbildung absolviert hat.


Oh je: Zu viel abgeschnitten!

Als Maler muss man durchaus kreativ sein, da die Aufträge des Bühnenbildners oftmals nicht konkret sind, "man muss daher in der Lage sein, eigene Ideen mitzubringen". Bis zur Vollendung einer Styroporfigur arbeitet die Malerin 60 bis 70 Stunden - der schwierigste Teil ist das Gesicht. Ärgerlich, wenn da wie bei dem Jesuskind ein Teil des Kopfes zu viel weggeschnitten wird. "Kein Problem, das kleben wir später wieder hin", verrät sie uns.
Die Heißklebepistole ist auch "das wichtigste Handwerkszeug des Requisiteurs": Wolfgang Diroll spricht leise lächelnd und bedächtig, passend zu seiner Vorstellung seines Berufsfeldes: "Ich bin für die kleinen Dinge zuständig." Alles, was ein Schauspieler für seinen Auftritt benötigt, oder was er in der Hand hält, ist ein Requisit. Der Requisiteur ist für den Kauf, die Lagerung und Konservierung der Requisiten zuständig. Und wenn man ein Requisit nicht kaufen kann? "Einmal musste ich sogar eine ferngesteuerte Schnecke bauen und durfte sie bei der Aufführung auch steuern", grinst der Requisiteur.
Damit spricht Diroll an, was fast alle Berufsfelder im Theater verbindet: die gemeinsame Arbeit an der Produktion, unabhängig von der Größe und Wertigkeit der jeweiligen Sache. So wie er scheint auch kein anderer davor zurückzuschrecken, bei Unvorhergesehenem notfalls auch am Wochenende einzuspringen.
Überhaupt wird am Theater alles passend gemacht: Haare zu kurz oder zu lang? Perücke! Schauspieler zu dünn? Die Gewandmeisterin schneidert die Kostüme um oder muss auch einmal ein Gewand mit Watte ausstopfen, um den Darsteller dicker aussehen zu lassen. So wurde aus dem ursprünglich reinen Männerberuf eine Berufung für viele Frauen, die heute als Gewandmeisterinnen für Herren- oder Damenkostüme am Theater arbeiten. Handwerkliches Geschick und eine schnelle Auffassungsgabe sind hier eine Grundvoraussetzung, denn oft erfahren die Schneiderinnen und Schneider erst drei Wochen vorher, welche Kostüme herzustellen sind. Die Bezahlung ist zwar nicht üppig, doch "unser Beruf wird nie langweilig", freut sich Schneiderin Malin Welsch, die auch privat meist nur selbst genähte Kleidungsstücke trägt.


Der Herr über 350 Scheinwerfer

All diese Berufe sind am Theater unentbehrlich, jedoch würde man alle Endergebnisse nicht sehen, gäbe es den Beleuchter nicht, der die Bühne zum Leuchten bringt. Volker Nitschke ist "der Herr über millionenteures Equipment", um den Zuschauern ein optimales Erlebnis zu bieten. Die Arbeit als Beleuchter ist ein echter "Nerdtraum", finden wir.
Früher musste man gegen die hohe Hitze der Scheinwerfer resistent sein, heute arbeitet man vor allem mit dem Computer und einem Team zusammen. Doch um überhaupt etwas sehen zu können, müssen vier Beleuchter die Bedienung der insgesamt 350 LED-Scheinwerfer übernehmen. "Somit werden pro Aufführung 50 bis 200 Stimmungen erzeugt. Und es macht richtig Spaß", wie Bühnenmeister Christoph Kemmer stolz preisgibt. Durch 27 Jahre Erfahrung weiß Nitschke, dass ein Stück zwei Wochen Vorbereitungszeit braucht: In diesen 14 Tagen wird daher alles zusammen mit den Schauspielern geprobt - gut möglich, dass dann nochmal alles neu konzipiert werden muss. Auch aufgrund der erforderlichen Punktlandung ist der Beleuchtungstechniker ein anstrengender Beruf, "aber es macht sehr viel Spaß und das ist das Wichtigste an einem Beruf", lacht der Meister der Beleuchtung.


Alles für ein paar ganz besondere Sekunden

Alles für den perfekten Moment? Leidenschaft für den Beruf, nicht die reine Verdienstmöglichkeit zählt, haben wir erfahren. Wochenenddienst wird für einen kreativen und abwechslungsreichen Berufsalltag in Kauf genommen. Teamarbeit statt Solokarriere. Sind sie hier wirklich alle ein bisschen verrückt, wie es uns Ramona Parino zu Beginn unseres Besuchs versichert hat? Oder haben sie einfach ihre Berufung gefunden?
Sie alle arbeiten für den perfekten Moment. Den beschreibt die Theaterpädagogin Ramona Parino so: "Der perfekte Moment ist der eine kleine, wenn am Ende einer Premiere das Licht ausgeht und das Publikum noch nicht begonnen hat zu klatschen. In diesem Moment steckt einfach alles: Freude, Stolz, Entspannung, Angst und Hoffnung."

Diesen Artikel haben die Schülerinnen und Schüler der Klasse 9e des Bamberger Dientzenhofer-Gymnasiums verfasst.