Tolle Stimme, eingängige Melodien, witzig-ironische Texte und sympathische Ausstrahlung - das waren die Rahmenbedingungen für den musikalischen Kabarettauftritt von Anna Piechotta im Rossini-Saal. Knapp 60 Gäste lauschten der Künstlerin aus Rheinland-Pfalz und honorierten ihr Mitmach-Programm mit teils begeistertem Applaus.

"Leben leicht gelacht" war der Titel des Abends und abseits der pandemischen Vorschriften hätte der Auftritt sicherlich entspannte Unterhaltung dargeboten, der unsere tatsächlichen und unsere eingebildeten Sorgen auf die musikalische Schippe nimmt. Nach fast zwei Jahren Stillstand im künstlerischen Leben und der aktuell maskenbedingten Distanz im reduzierten und verteilt sitzenden Publikum muss sich jeder Künstler den Standard von einst neu erarbeiten. Das Üben und Proben im heimischen Keller ersetzt keinen Auftritt - vor allem nicht, wenn die Auftritte von den unmittelbaren Reaktionen des Publikums abhängen.

Das merkte man auch bei der jugendlich wirkenden Liedermacherin, die den Weg über die kabarettistischen Bühnen gewählt hat. Ihre Kernkompetenz ist das Musikalische: virtuos beherrscht sie dass Klavier, präsentiert gekonnt ihre vielseitige Stimme. Zwischen den Stücken gibt es charmanten Smalltalk als Überbrückung und Hinleitung zum nächsten Lied, wobei sie sowohl Thematik der Anekdoten als auch den Inhalt der Lieder dem Alltag entnimmt.

Begrüßungsapplaus empfängt die Künstlerin als sie aus dem Seitenbereich die Bühne des Rossinisaals betritt - "wohltuend", meint sie, "denn ich hab' noch nichts gemacht". Eigentlich doch, denn sie hat nach eigenem Bekenntnis zwei Jahre auf Bad Kissingen gewartet, um endlich ihren bereits für 2020 vorgesehenen Auftritt nachholen zu können. Nicht nur deshalb ist "heute ein sonniger Tag" - ein entspanntes Stück mit ironischen Zwischentönen und ein Willkommensgruß an das Staatsbad und die Gäste. Dann jedoch entlarvt sie sich als ausgebildete "Küchentisch-Psychologin" in der dörflichen Idylle der Eifel, wo der Traktor das Nonplusultra ist und man sozial und offen miteinander umgeht, aber nicht mit anderen Kulturen.

Was tun in Zeiten, wo einen die TV-Programme rund um Talkshows, Quizsendungen und Nachrichten depressiv im Fernsehsessel zurücklassen? "Beten" - heißt ihre Antwort und mit einem Gospel und einem vielstimmigen Halleluja wird gegen Pilcher und Tatort angesungen. Die nervige Seite des Elterndaseins besingt sie mit einem humorvollen Lebenszyklus von Britta, Tochter und Hoffnungsträger und Pflegekraft im Alter. Mit einer satirischen Analyse von Howard Carpendales lyrischen Texten und deren moralischen Anspruch leitet sie über zum Lied "Männerwunsch", wobei dem süffisanten Text der Gesang des Buckelwals die besondere Note gibt. Neben witzig-unterhaltsam kann Anna Piechotta auch anders, was sie mit ihren melodisch-melancholischen Überlegungen zu den Flüchtlingskatastrophen im Mittelmeer beweist, wo die Todesgefahr der Flucht besser als das Leben in der Heimat ist und selbst die Rettung aus Seenot keine Hilfe ist.

Teil 2 des Abends sollte "ganz anders, viel ernster" werden, so die Ankündigung von Anna Piechotta. Dies passte aber nicht zum nachfolgenden Minnegesang, der derb-anzüglich die erotisch-hemmende Problematik einer Rüstung beschrieb, und zu ihrem Ausflug ins politische Kabarett, in dessen Mittelpunkt der intelligenteste Präsident aller Zeiten mit Hautirritationen und Föhnfrisur stand. Skurril ging es weiter mit der "Ode an das Frettchen" als psychologische Studie von Wladimir Putin - schrill präsentiert in russischer Lautsprache mit deutscher Simultan-Übersetzung.

Knapp an der angekündigten Ernsthaftigkeit schrammte die Liedermacherin mit ihrem Stück vom begehrenswerten Mann mit Kippe vorbei, wobei sie mit einem ausgiebigen, raucherindizierten "Röchel-Solo" eher grenzwertig als humorvoll war. Wie auch bei anderen Sequenzen wie der Buckelwal-Sonate mit einem Sammelsurium aller Stichworte. Die Künstlerin überzieht und der Grad zwischen witzig-ironisch und beklemmend wird sehr schmal. Dagegen zeigt sie ihre musikalischen Qualitäten, ihre gesanglichen Stärken und ihren inhaltlichen Tiefgang bei den nachdenklich-melancholischen Stücken.